Tuttlingen und das Mondtor der Donau

Honberg um 1900

War es ein alamannischer Stammesfürst, oder doch eine Sage mit gewichtigem Hinter- grund die zum Name der Stadt Tuttlingen führte. Eine Herleitung des Stadtnamens die häufig auch in anderen Städten anzutreffen ist, ist die konstruierte Verbindung mit einem Stammesfürsten. Auch der Name der Stadt Tuttlingens wird gerne auf einen Tuto zurückgeführt, einen historisch nicht belegten alamannischen Stammesfürst. Eine and- ere Erklärung bietet die Sage von der Dttfee aus dem nahen Duttental. Gundula Tatschner, aber Georg Rohrecker haben dazu einiges zusammengetragen. Rohracker ging den alten Erzählungen nach und erwähnte die Sage in seinem Sagenbuch. Im Duttental, das nach einhelliger Auffassung nicht geheuer war und das sich in süd- westlicher Richtung von Tuttlingen aus erstreckt, soll sich eines Tages ein Zug voller Gläubigen vor einer pferdehütenden Jungfrau in Luft aufgelöst haben. Auch im nahen Heiligental soll es einst drei Zauberinnen gegeben haben, deren Schimmel auf einer Weide grasten. An sie wandten sich die Bewohner Tuttlingens bei Seuchen, Sorgen und Krankheiten. Die drei verstanden etwas von Hexerei, genauso wie sie der Tier- sprache mächtig waren. Eine Erklärung für den Namen findet sich im Alemannischen wie im Hochdeutschen, wo der Dutt als das Flechten eines Zopfes zu einem kreisgförmigen Nest bedeutet.

Die Technik eines gewickelten und gezwirnten Haarknotens, Foto, CMoi

Sie gleicht dann auch der Scheibe des Mondes hat weshalb der Dutt in Italien auch als Sinnbild des Mondes gilt. Beides, der Mond und die Fee verbinden sich dann auf ideale Weise. Mit dem Dutt als Bild des Mondes hat die Duttfee in Tuttlingen aber noch eine Berechtigung. So muss der Mond einst für den Ort eine besondere Bedeutung be- sessen gaben, denn die Donau ließt hier durch ein Tor dessen Ausrichtung durch die große Mondwende bestimmt ist, Dieses Tor wird durch die nordwestlich gelegen Eichhalde den südöstlich gelegen Honberg bestimmt, auf dem Graf Eberhardt im Barte 1460 eine der größten Landesfestungen errichten ließ. Neben der Ausrichtung dieses Tores scheint auch die Entfernung der beiden Bergsporne einst von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. So beträgt die Entfernung von den beiden Bergspornen ca. 1,9 km und diese Strecke entspricht dann ziemlich genau 4000 Salamiselllen mit je 0,483m.

Das Mondtor in Tuttlingen, die Ausrichtung des Honberges

Diese Längeneinheit gehört zu den ältesten nachgewiesenen Längenmaßen. An der Donau wurde es bereits bei den Hausgrundrissen von Lepenski Vir identifiziert, einer der bekanntesten Siedlung en der Donaulkultur aus dem 7. Jhts. v. Chr. In früheren Zeiten scheint noch eine wesentlich größere Bedeutung genossen zu haben als die Sonne. Zahlreiche Bauwerke, wie Menhirreihen in Frankreich oder die Steinsetzungen in Callanish auf der Hebrinden-insel Isle of Lewis, wurden einst nach Mondwenden aus- gerichtet.

Callanish 1, Foto Chmee2

Wissenschaftler nehme heute an, dass diese Ausrichtung aber eine vorwiegend kult- ische Bedeutung besaß und so die beherrschende Rolle des Monde gewürdigt wurde. Da seine Bahn etwas höher als die der Sonne verläuft und auch sein Pendelbogen größer ist, könnten dies Anhaltspunkte sein, für seine früher dominierende Stellung in einem Götterpantheon. Der Mond und seine Bedeutung führt nun zu einer weiteren Sage, die Sage des Tuttlinger Kistenmännles. Laut der Erzählung hat es einst auf dem Honberg sein Unwesen getrieben. Zu seinen Lebzeiten galt das Kistenmännle als geldgieriger Vogt, der für seine Herrschaft eine gewaltige Steuerlast verlangte. All seine Schätze sammelte er einer Truhe, die er auf dem Honberg versteckte. In die soll er eines Tages hineingefallen und elend verhungert sein.Das von Ludwig Bechstein im 19.Jhd. verfasste Märchen `vom Mann im Monde´, macht die bildhafte Symbolik der Mondkrater wieder populär. Das Bild der Mondkrater wird in allen Kulturen unterschiedlich gedeutet. In der christlichen Deutung wurde es gemäß dem 4. Buch Mose, als ein zur Strafe auf den Mond versetzter Mann mit einem Reisigbündel gedeutet.(4 Mos 15,32-36).

Mögliche Interpretationen des Mondgesichts, Grafik: D.Helbe

In Chinas Sagenwelt jedoch gab es die Erzählung vom Hasen im Mond. Viel realer und zugleich umstritten ist das Mondholz, dass früher um Bau von Fachwerkhäusern benutzt wurde. So ändert sich der Feuchtegehalt des Holzes während der Mondphasen beträchtlich und deshalb hat bei abnehmenden Mond geschlagenes Holz ein höhere Festigkeit, wie eine Studie der ETH Zürich nahelegt. Auf Grund dieser Eigenschaften wurden deshalb früher auch Truhen und Kisten aus diesem Holz hergestellt. Damit verbindet die Sage gleich mehrere Epochen. Eine zeitnahe ,in der das Wesen des Holzes noch anders gesehen wurde und eine weit zurück-liegende, in der der Mond noch über die Menschen herrschte. Dass auch der Graf sich der alten Mond- und Sonnensymbolik bediente, zeigt die Ausrichtung der Fest- ung auf dem Honberg. So war die Hauptburg im Julianischen Kalender. sinnfällig zum Beginn der Herrschaft, auf den Sonnenuntergang am 1. Januar und damit zu- gleich das 1. Marienfest ausgerichtet, während in Gegenichtung der Sonnen- auf- gang am Johannitag zu sehen war, ein im Bauernleben und Brauchtum ehedem wichtiger Tag.

Festung auf dem Honberg

Bilder: Wikipedia / Die Technik eines gewickelten und gezwirnten Haarknotens, Foto, CMoi , CC BY-SA 3.0 / Callanish 1, Foto Chmee2 / Mögliche Interpretationen des Mondgesichts, darunter Mann/Frau mit Brennholz (ganz oben), der Mondhase (zweiter von oben) und die Frau im Mond (ganz unten)…D.Helbe / Plan Honberg, Burgenwelt / Simulation opentopomap, . Heinrichs Kalenderumrechner

Magna Mater auf dem Auerberg

Blick von Ostnordosten über den Haslacher See zum Auerberg Foto Dark

In seinem mehrbändigen Werk `Die Geographie´ erwähnt der griechische Geschichts-schreiber und Geograph Strabon auch zwei Städte der im Norden lebenden Vindeliker, Kambodunum und Damasia, Er beschreibt hier Damasia als die Hauptstadt der Likatier und einer Felsenburg gleicht. Doch in der Ortsangabe bleibt er vage und da der Ort während er römischen Landnahme zerstört wurde, bot Strabons Beschreibung genüg- end Raum für mögliche Interpretationen. Als eine dieser Möglichkeiten wird der Auer- berg gesehen, der im Landkreis Weilheim-Schongau liegt. Der Berg im Alpenvor- land wird auch als Rigi des Ällgäus bezeichnet, da er, wenn auch in wesentlich kleinerer Form eine ähnliche Gipfelsilhouette aufweist wie die Königin der Berge in der Schweiz. Zahlreich waren ebenso die Versuche den Ursprung des Namens zu deuten. Richard Knussert verfolgte in seinem 1955 erschienen Buch `Das Füssener Land´ mehrere Spuren und findet dabei aber auch keine endgültige Antwort.

St.-Georgs-Kirche auf dem Gipfel des Auerbergs (Ansicht von Süden), Foto Dark

Doch der Auerbeg wartet mit einer Reihe von Eigenschaften auf die für das kultische Zentrum einer Stadt wie Damasia geradezu ideal waren. Von Westen aus führt ein schmaler Höhenrücken wie eine Rampe auf den Berg zu, der aus zwei Kuppen besteht. Gleicht sie in Ihrer Wirkung doch den Treppenanlagen sumerischer Stufentempel. Auf der ausgeprägteren der beiden Kuppen steht heute die St. Georgskirche, bei der Teile aus romanischer Zeit stammen. Wird die Richtung der `Rampe´ mit dem Sonnenaufgang in Verbindung gebracht, so ist er am Beginn um den 8. April in der Senke des Auer- berges zu sehen und am 10. April steht hier dann die Sonne auf dem Horizont. Die beiden Sonnenaufganges markieren einen Zeitraum den im römischen Reich abge- halten Fest der Magna Mater, den Lud Megalensis gleicht. Da der Kult weit verbreitet war und auch mit den Abläufen landwirtschaftlicher Tätigkeit im Zusammenhang stand, deutet dies auf eine vorrömische Kultstätte hin.

Sonnenrichtung Auerberg

Zikkurat des Mondgottes Nanna, Rekonstruktion, Foto Hardnfast

Die phrygische Göttin Kybele, die in Rom als Magna Mater verehrt wurde, holten die Römer während des Punischen Krieges aus Kleinasien.Mit dem Mythos der Kybele verband sich der Kult des Stieres, das Taurobleum. In den Kulthandlungen nahm dieses Stieropfer den zentralen Raum ein. Über den eigentlichen Vorgang des Opfers gibt es kaum verlässliche Aufzeichnungen und auch der Sinn des Tauroboleums blieb bislang im Unklaren. Eine der wenigen Überlieferung des Kultes stammt aus der Feder des im 4. Jhd. lebenden christlichen Schriftstellers Prudentius. Er schreibt wie ein Stier auf ein Gitter geführt und dort über einer Grube geschlachtet wird. Ein in der Grube sitzende Täufling wurde dann vom Blut des Stieres berieselt. Einige Zentren dieses Kultes sind aus den großen Städten des Rheinlandes bekannt, doch die Verehrung der Magna Mater lässt sich über ihre Frühformen in Anatolien bis ins 8. Jahrtausend v. Chr. Zurückverfolgen. Wohl auch aus diesem Grund hielt sich deren Verehrung auch nach der Christianisierung noch bis ins 5. Jhd. hinein.

Taurobolium,unter Antoninus Pius, Bernhard Rode, um 1780

Auf eine Verbindung zum Stier wies in jener Zeit auch der Aufweg zum Auerberg hin, denn genau in der Zeit des Sonnenaufganges , stieg in dieser Richtung auch das Sternbild des Stieres zusammen mit der Sonne auf. Über den eigentlichen Vorgang des Opfers gibt es kaum verlässliche Aufzeichnungen und auch der Sinn des Tauroboleums blieb bislang im Unklaren. Eine der wenigen Überlieferung des Kultes stammt aus der Feder des im 4. Jhd. lebenden christlichen Schriftstellers Prudentius. Er schreibt wie ein Stier auf ein Gitter geführt und dort über einer Grube geschlachtet wird. Ein in der Grube sitzende Täufling wurde dann vom Blut des Stieres berieselt. Einige Zentren dieses Kultes sind aus den großen Städten des Rheinlandes bekannt, doch die Verehrung der Magna Mater lässt sich über ihre Frühformen in Anatolien bis ins 8. Jahrtausend v. Chr. Zurückverfolgen. Wohl auch aus diesem Grund hielt sich deren Verehrung auch nach der Christianisierung noch bis ins 5. Jhd. hinein.

Heiliger Theodor, Reliquiar des Heiligen, in Mannheim, Foto Altera levatur

Einen Ersatz dieser Jahrtausende alten Muttergöttin brachte dann die im Jahr 431 beim Konzil in Ephesos getroffene Entscheidung, die Jungfrau Maria zur Gottesgebarerin zu erklären. Deshalb sehen einige Autoren diese Entscheidung auch als eine Weiter-führung der alten Tradition, eben nur in einem neuen Gewand. Über den in einer Legende geschilderten Bruder des heiliger Georg ist die Kybele auch mit dem großen Märtyrer des Christentums verbunden. Theodor, der hier weniger bekannte Bruder Georgs war zuerst ein einfacher Soldat im Heer von Kaiser Maximian. Der überzeugte Christ war am Ende Kommandant einer Garnison in Galatien. Dort soll er bei einer der letzten römischen Christenverfolgung unter Maximinus Daia in Amaseia, der Hauptstadt der ehemaligen römischen Provinz Helenopontus, gefangen genommen worden sein. Nachdem ihm vorgeworfen wurde, einen Kybeletempel in Brand gesteckt zu haben, wurde er grausam gemartet und gefoltert. Im Jahr 1572 wurde der Berg erstmals als Avvenberg urkundlich bezeugt. Nimmt man hier jedoch das italienische Wort avvent-atezze, die Unbesonnenheit, als Grundlage, könnte dies als versteckter Hinweis ge- deutet werden, den alten Glaube an Kybele/Magna Mater als Irrweg anzusehen.

Wikipedia: Blick von Ostnordosten über den Haslacher See zum Auerberg, Foto Dark ,CC BY-SA 3.0 / St.-Georgs-Kirche auf dem Gipfel des Auerbergs (Ansicht von Süden) , Foto Dark, Zikkurat des Mondgottes Nanna (Nordostseite) in rekonstruiertem Zustand , Foto Hardnfast, BY-SA 3.0 ,Bernhard Rode, Taurobolium, (Weihe d. Priester d. Cybele) unter Antoninus Pius, um 1780 /Heiliger Theodor, Reliquiar des Heiligen, in Mannheim, Foto Altera levatur/ Auerberg Sonnenrichtun, google-map, sunearttools, stellariuem.

Vogelkult am Stiefel Fels

Postkarte St. Ingbert Stiefel Fels um 1930

Der Stiefel Fels bei St.Ingbert gilt als eine ausgewitterte Sändsteinsäule, in in einem Zeitraum von mehreren Millionen von Jahren durch Wasser und Wind zu einem fast symmetrischen Steinobjekt geformt wurde.Die isolierte Lage des Objektes am Ostab- hang des Großen Stiefels Hang hat schon früh die Fantasie der Menschen an- geregt und so wurde es auch zum Ort einer grausamen Sage. Sie erzählt vom fürchter- lichen Riesen Kreuzmann, der hier vor langer Zeit hauste. Dieser Riese war so stark, dass er die dicksten Waldbäume wie Hanfstengel ausriss und große Felsenstücke heb- en konnte. Soweit er die im Tal gefangen Menschen nicht sofort auffraß, sperrte er sie n einem hölzernen Käfig ein. Die Sage berichtet von den schrecklichen Schreien der Menschen, die vom Stiefel weithin zu hören waren. Dies gefiel dem Riesen ganz be- sonders, der seine Gefangen dann voller Bosheit verhöhnte und dabei schrie: `Ei, wie schön meine Vögel pfeifen!´

Riese Kreuzmann

Schließlich fassten die Menschen aber Mut und wollten den Riesen ausräuchern. Der geriet darüber so in Wut, dass er ihnen einen Stein nachschleuderte, der in der Nähe des Baches stecken blieb, wo er noch heute zusehen ist. Am Ende schafften es die leid- geplagten Bewohner es aber den Riesen mit Schaufeln und Hacken zu erschlagen und begruben ihn unter einem riesigen Haufen von Steinen, dem Riesengrab. Die Form des Felsen mag wohl Assoziationen zu einem im 17. Jhd, getragenen Stulpenstiefel wecken, dessen breite Umschläge den beiden auskragenden Teilen des Felsobkjektes gleichen. Die einmal gefundene Analogie blieb in den Köpfen erhalten und so war nur noch der Flurname Gegenstand des Interesses.

Der „Stiefel“ bei St. Ingbert, Foto,Pixelfeuer

Da am Bergrücken des Stiefels zahlreiche Funde gemacht wurdrn, deren Alter bis in das 4. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen und das Felsmonument mit einer Seite zum 1300m entfernten Spellenstein weist, wurde in der Vergangenheit hier auch ein Kultort ver- mutet. Diesen Zusammenhang versuchte der Namenforscher Hermann Albert Prietze auch im Namen herzustellen, in dem er den Flurnamen Großer Stiefel, vom Thingstipel einer Gerichtssäule ableitete. Betrachtet man aber die auskragenden Arme des Stein-monumentes vor dem Hintergrund der Sage des Riesen Kreuzmann, in dessen Name das Kreuz erscheint und die von ihm gefangenen Menschen wie Vögel schreien, bietet sich eine ganz andere Erklärung des Steinobjektes. So ist nicht nur das Kreuz ein formales Merkmal des Sternbildes Schwan, auch dessen klagender Gesang taucht als Motiv in der Sage auf.

Stiefel Fels und der Schwan

Dient der Grat des Stiefel Berges, auf dem der Fels steht, als Fluchtlinie, so zielte sie in der Jungsteinzeit auf den Aufgangspunkt des Sternes Deneb aus dem Sternbild Schwan. War der Schwan sichtbar, so stand dann der hellste Stern Altair des mit dem Schwan aufsteigenden Adler in Ostrichtung über dem Mittleren Kopf. Als `Ankünd-iger´der Wintersonnenwende, stiegen sie so kurz vor dem Sonnenaufgang am 21. Dezember auf. Kurz darauf war dann der Sonnenaufgang über dem Steinkopf zu sehen. Vor diesem Hintergrund bietet sich auch eine formale Erklärung für das Steinmonu- ment. Ob es nun als Erosionsrest bearbeitet wurde, oder der Stein erst gar freigelegt wurde, mag dahingestellt sein. Jedenfalls erscheint eine Ähnlichkeit zu jenen Adler, dem `Vorausfliegenden´ sinnfälliger als zu einem Stiefel.

Doppelköpfige Göttin, Vogelkult Anatolien 2. Jahrtausend. v. Chr.

Beide Vögel, Schwan und Adler, sind Tiere die in vielen Mythologien auftauchen. So wurde im altägyptischen Mythos der Schwan mit der Weltschöpfung am Sternenhimmel assoziiert: Er erklärt auch das Entstehen der Sonne aus jenem Ei des Urschwanes. Zahlreiche Funde von vogelähnlichen Mischwesen aus der Jungsteinzeit zeigen, dass diese vergöttlichte Wesen auch in Europa bekannt war. Das Tier, das in allen drei Elementen zu Hause ist, wandelt sich grauen Jungschwan zum strahlenden weißen Schwan. Diese Eigenschaften machten ihn zu einem Begleittier der Himmelsgötter und zu einem Seelenführer. Ebenso wie der Schwan wurde auch der Adler zu einem Vogel der Götter. Beide Vögel sind auch als Sternbilder am Himmel verewigt, wo sie einander zugewandt, am Horizont aufsteigen. Die Mythenforscherin Vera Zingsem nannte einst einen zeetralen Gedanken, der mit dem Bild der Vogelgöttin verbunden ist: `Fliegen und Zauberei werden in allen Kulturen auf der ganzen Welt zusammen gesehen. Die Fähigkeit zum Flug ist ein Zeichen für die Überwindung der Gesetze von Raum und Zeit und wurde daher in erster Linie Gottheiten zugeschrieben.´

Stiefel Fels und das Sternbild des Adlers

Diese Eigenschaft besaß Isis, die Göttin mit den Vogelschwingen, die am Beginn des 3. Jahrtausends im Alten Ägypten auftauchte. Sie wurde im römischen Imperium noch bis ins 4. Jhd. hinein verehrt. Im Alten Ägypten galt sie als Erd-, Vegetations-, Mutter-, Fruchtbarkeits-, Mond- und Himmelsgöttin und regelte in dieser Rolle den gesamten Lebenskreislauf. Sie war aber auch Magierin und Heilerin zugleich, womit sie ein Leit- bild für alle späteren Frauengottheiten bildet. Mit Vogelschwingen kann sie zu belieb- igen Welten fliegen, was Isis zu einem Symbol des vollkommenen Wissens machte. Wie Isis in Ägypten mit dem Falkengott Horus verbunden war, so verweist die Geometrie des Ortes und die Form des Felsmonumentes auf einen ganz ähnlichen Mythos in Ur-Europa.

Bilder: Wikipedia /Der „Stiefel“ bei St. Ingbert, Foto,Pixelfeuer,CC BY-SA 3.0 –             Der Stiefel Postkarte St.Ingbert um 1930, der Riese Kreuzmann, Doppelköpfige Göttin, Vogelkult in Anatolien 2. Jahrtausend. v. Chr., Simulation, sunearthtools, opentopomap, Stellarium

Krodos Tempel

 

Abbildung und Deutung der Krodofigur, Sachsenchronik Conrad Bothes, 1492,

Laut den Angaben in der Sachsenchronik, einem von Conrad Bothes im Jahr 1492 er- stelltes Geschichtswerk, war Krodo bis 780 ein Gott der Sachsen. In diesem Jahr endete der Krodo-Kult, nachdem Karl der Große sein Standbild auf der Harzburg zerstörte. Bothes beschreibt den Sachsengott als einen Mann, der auf einem Fisch steht, der wiederum auf einer Säule drapiert ist. Seine Attribute sind ein Gefäß mit Blumen und ein Rad, wobei die Blumen als Ausdruck der Fruchtbarkeit gesehen wird und das Rad als Sonnen- oder auch als Schicksalsrad interpretiert wird. Parallelen zu römischen Göttern werden hier erkennbar, denn die in Abbildungen vereinfacht dar- gestellte Säule gleicht den Jupitersäulen und das Attribut Rad, war als Zeichen des Schicksals auch der römischen Göttin Fortuna zu eigen.

Fortuna und das Rad des Lebens, mittelalterliches Manuskript

Doch weder der Blumenkorb passt zu einer männlichen Gottheit, noch der mädchenhaft wirkende wehende Gürtel.So gleicht Krodo in Darstellungen immer einer Mischung aus den Bildern Apollons mit der Athene. Diese Mischung deutet hier weniger auf ein reales Götterbild hin, sondern viel eher auf eine Verballhornung des gestürzten Sachsen-gottes. Dafür spricht auch das ähnlich klingend mittelhochdeutsche Wort kroto. die Kröte. Gerade die christliche Symbolik der Kröte war ja ideal dafür geeignet, die alten Götterbilder möglichst abschreckend auszugestalten. So repräsentierte die Kröte, wie der Frosch, im Christentum stets das Böse, das Dummdreiste, den Irrgauben und das Verderbte. Das sie gemeinhin als giftig galten, wurde beide auch zum Symbol von Laster und Häresie, einem der schlimmsten Vergehen der damaligen Zeit. Bei all diesen negativen Merkmalen war es nur selbstverständlich, dass sie im Gefolge des allgegenwärtigen Teufels auftraten. Wer mit ihnen ihn Verbindung gebracht wurde halt damit als ein gefährliches Element der Gesellschaft. Genau dies soll laut den viel später entstanden Texten Karl der Große auch beabsichtigt haben, als ihm die Sachsen auf seine Frage, wer ist euer Gott, Krodo zuriefen. Der König soll danach prompt ge- antwortet haben `Heißt euer Gott Krodo, so heißt das fortan Krotendüwel´, eben der Krötenteufel.

Sturz des Krodo durch Karl den Großen, Druck nach einem Kupferstich Merians, 1700

Das Bild Krodos auf einem Fisch stehend, weckt Assoziationen an den vedischen Gott Vischnu, dessen erste Inkarnation ein Fisch ist. Ebenso zeigen sich Parallelen zum babylonischen Fischgott Oannes. der morgens dem Meer entstieg und edn Menschen Kulturtechniken, wie die Schrift, die Wissenschaft, die Künste und den Ackerbau lehrte. Da Krodos Name ähnlich klingt wie der des Kronos, des späteren römischen Bauern-gottes Saturn, gab es in der Vergangenheit auch Vermutungen, dass dessen Bild im Norden adaptiert wurde. Dazu führten auch Schriften, in denen eine Saterburg, oder auch eine Saturburg erwähnt wurden, die an Stelle der Harzburg bereits um 300 v. Chr. gestanden sein soll. Ähnlich wie Krodo auch als eine Abwandlung des Kronos / Saturn denkbar ist, wäre ebenso eine Verwandtschaft zum slawischen Gott Chors denkbar. Dessen Existenz ist noch aus dem 10. Jhd. überliefert, denn sein Bild gehörte zu jenen sechs slawischen Gottheiten, deren Statuen Fürst Vladimir I. 980 in Kiew aufstellen ließ. Trotz des Burgenbaus in der Mitte des 11. Jhd`s durch Heinrich IV. blieb die Mystik dem Berg erhalten. So soll im 16. Jhd. Von einem Marienbild in der dortigen Kapelle eine wundertätige Kraft ausgegangen sein, wodurch sich der Ort rasch zu einem Wallfahrtsort entwickelte. Doch der Name Chors verweist auch auf den einstigen zentralasiatischen Staat Chorasan der sich zeitgleich zu den noch unbesiegten Sachsen über das westliche Persien und Afghanistan bis nach Usbekistan erstreckte. Dieses altpersische Wort verweist noch direkt auf eine Sonnengottheit, denn übersetzt be. deutet es `Land der aufgehenden Sonne´. Insofern könnte Krodo auf Grund kultureller Beziehungen eben auch eine importierte Gottheit gewesen sein, ähnlich dem nord. ischen Lenus-Mars.

Chorasan, Ausdehung im 5. Jhd.

Dass der Ort der Harzburg eine besondere Eigenschaft besitzt, zeigt sich in den Mög- lichkeiten zur Beobachtung von Sonnenaufgängen. So sind bei freier Sicht vom klein- en Burgberg aus, die für das Bauernjahr wichtigen Sonnenaufgänge am 1. Februar und 31.Oktober über dem Sachsenberg und der am 1. Mai über dem Eichberg zu sehen. Ebenso ist hier auch der Sonnenaufgang zu den Tagundnachtgleichen im Taleinschnitt zwischen den beiden Bergen zu beobachten. Wenn man aber am 1. März, dem Monat des römischen Gottes Mars, vom großen Burgberg den Sonnenaufgang betrachtet, so ist der dann über dem Sachsenberg zu sehen. Dies bietet auch eine Erklärung für jenen wilden Mann im Wappen der Stadt Harzburg. Mit seinem Ausdruck erinnert das Motiv an den Mars, den einstigen altitalischen Fruchtbarkeits- und Bauerngott. Sein ungezüg- eltes Temperament war einst ein Spiegel jener wieder aufblühenden Natur, die gegen Ende Februar wieder zu neuem Leben erwacht. Erst im Laufe der Zeit verschmolz diese Eigenschaft mit dem griechischen Ares und Mars wurde bei den Römern zum gefürcht- eten Kriegsgott.

Sonnentempel Harzburg

Blick auf den Brocken vom Großen Burgberg aus, Foto LauraHoeppner

Lagen die Wurzeln des sächsischen Krodo tatsächlich in den Götternbildern des zeit- gleich existierenden Chorasans, so bot der U-förmig angelegte Harzburg Berg den idealen Sonnenkultort. Gleich der Gestalt der Rune Sig sind hier die wichtigsten Son- nenaufgänge des Jahres zu beobachten. Für einen Bauerngott, vergleichbar mit Saturn oder Mars, bot der Ort alle notwendigen Sonnenbeobachtungsmöglichkeiten für den Kalender  einer bäuerlichen Gesellschaft. So kann er wohl auch zu Recht als Tempel Krodos betrachtet werden.

Bilder: Wikipedia / Erste Erwähnung, Abbildung und Deutung der Krodofigur, Sachsenchronik Conrad Bothes, 1492, Conrad Bote (Konrad Botho) , gemeinfrei / Fortuna und das Rad des Lebens, mittelalterliches Manuskript/ Sturz des Krodo, Druck nach einem Kupferstich Merians, 1700 / Blick auf den Brocken vom Großen Burgberg aus, Foto LauraHoeppner , CC BY-SA 4.0 – Chorasan, Ausdehung im 5. Jhd. / Sonnentempel Harzburg, Simulation, sunearthtools, opentopomap

Tuisto und der Thüster Berg

Tacitus, moderne Skulptur vor dem Parlamentsgebäude in Wien, Foto Pe-Jo

Über den germanischen Gott Tuisto schrieb der römische Geschichtsschreiber und Pol- itiker Tacitus in seinem Werk Germania : `Als Stammväter und Begründer ihrer Völker-schaft verherrlichen sie (die Germanen) ihn in alten Liedern – der einzigen Art historischer Überlieferung, die es bei ihnen gibt – Tuisto, einen der Erde entsprossenen Gott, und seinen Sohn Mannus´. Die Aussage gewinnt vor dem Hintergrund seiner Persönlichkeit als äußerst begabter politischer Redner und seiner Wertschätzung der nordischen Völker aber eine andere Intention. In seinen scharfzüngigen Analysen prangerte Tacitus die Verfallszustände im römischen Reich an. Mit ausgewählten Ge- schichten, in denen ihm die Intention wichtiger war als reine Fakten, versuchte er dies auch zu belegen. Von ihm stammt also die einzige erhaltene Beschreibung jenes Tuisto, dessen Name in den Abschriften der Germania ab dem 16. Jhd. in vielfältigen Abwand-lungen überliefert ist. Sie haben ach allerlei Spekulationen über die einstige Rolle des Tuisto geweckt. Der Stammvater jener Germanen soll aber nicht der oberste Gott Tuis selbst gewesen sein, sondern dessen Sohn, der als erdentsprungener Mensch an- gesehen wurde. Erst später wurde er dann zu einem vergöttlichten Stammvater ge- macht und im christlichen Zusammenhang galt er dann für einige Zeit sogar als einer der Söhne Noahs.

Tuisto, Nikolaus Stör 1543, The British Museum

Im Namen und auch seiner Rolle ganz ähnlich ist ihm Tvashtri, der göttliche Künstler der vedischen Religion. Tvashtri wird als alter Mann mit schönen Armen beschrieben, der eine eiserne Axt trägt. Er wird aber nicht nur als Schmied der Waffen gesehen, sondern ebenso als Erzeuger des Sperma und dem Embryo im Bauch der Frau. Dadurch wird er als Erschaffer aller Lebewesen und der ganzen Welt angesehen. Das das aus der indo- germanischen Sprache stammende Wort twi, das zwei oder zwie bedeutet, regte Spekulationen über eine Zweigeschlechtlichkeit oder gar Doppelgestalt des Tuisto an. Diese `Zweiheit´ wurde in der Vergangenheit auch als Vereinigung des männlichen, wie des weiblichen Geschlechtes gedeutet und Tuisto als eine Art von Zwittergottheit be- trachtet. Doch es gibt auch das gleich klingende lateinische Adjektiv tuis, das dein bedeutet und der Name Tuisto somit als belehrender Hinweis des Geschichtsschreibers für seine Zeitgenossen verstanden werden kann. Durch die Bezeichnung teuto-burg- iensis saltus, dem Ort der Varusschlacht legte Tacitus, dann auch die Grundlage des Stammesnamens Teutonen, der später zum Inbegriff der Deutschen wurde. Heute verweist der durch den Geographen Philipp Clüver im 17. Jhd. benannte Teuteburger Wald auf jene alten Beschreibungen des römischen Politikers.

 Ort Thüste vor dem Thüster Berg, Foto Wolfgang Pirk,

Dort liegt im Westteil des Leineberglandes auch der Thüster Berg in dessen Namen jener Tuisto verborgen ist. Sein Name wird als eine Zusammensetzung des Namens Tuisto und des mittelhochdeutschen Wortes ter für Baum gedeutet. Der Höhenzug steigt nach Nordwesten an, bis zum höchster Punkt, der Aussichtskanzel des Kantsteines. Doch im Mittelhochdeutschen gab es auch das Wort thūs, das Opfer bedeutet und damit einen direkten Hinweis bildet, auf einen vermuteten Opferplatz auf dem Thüster Berg. Ähnlich den kretischen Bergheiligtümern, die in ihrer Ausrichtung der Landschaft mit Sonnenaufgängen an Feiertagen der jeweiligen Gottheiten korrespondieren, ist diese Eigenschaft gleich auf doppelte Weise Art beim Thüster Berg zu identifizieren. So ist von seinem Südwestende der Sonnenuntergang über dem Kantstein am 1. August zu sehen und der erscheint hier unter einem Azimutwinkel von 300° .

Steinformationen auf dem Kantstein

Ausrichtung des Thüster Berges

Um den 1. August erreicht die Temperatur in Mitteleuropa ihren Höhepunkt und diese Hitze beschert in der Regel auch häufiger Gewitter. Zugleich ist dies auch der Zeitpunkt der beginnenden Ernte, dem wichtigsten Zeitraum des landwirtschaftlichen Jahres. Deshalb war es wichtig, dass in diesem Zeitraum ein stabiles Wetter herrschte, um eine reiche Ernte zu ermöglichen. In einer Epoche die keine große Vorratshaltung kannte war dies notwendig, denn jede Missernte konnte Hungersnöte nach sich ziehen. Die Ernte kann aber auch als Sinnbild verstanden werden, für den Erfolg und den Ertrag der eigenen Anstrengungen. `Fleiß bringt Brot und Faulheit Not´ ist nur eine der Volksweis-heiten die dies zum Ausdruck bringen. Dieser Zusammenhang von säen und ernten wird auch im Neuen Testament zur Sprache gebracht. So wird im Markusevangelium im Gleichnis vom Sämann, vom göttlichen Wort als einen Samen erzählt, der aufgehen und geerntet werden muss. Damit erscheint die Beschreibung des Tacitus auch unter einem philosophischen Blickwinkel der Anstrengung. Mit seinen Anprangerungen der Verfalls-kultur Roms, entspricht der vielleicht mehr der Intention des Verfassers. Tuisto als deinen Gott zu erkennen und dessen Samen aufgehen zu lassen ist eine Form philosophischer Betrachtung, die in der perfekt anmutenden Richtung von 300°, beim Sonnenuntergang am 1. August auf dem Thüster Berg möglich ist.

Tuisco, Guillaume Rouille (1518-1589)

Bilder:Wikipedia / Tacitus, moderne Skulptur vor dem Parlamentsgebäude in Wien, Foto Pe-Jo / Tuisto (Nikolaus Stör c. 1543; Bildunterschrift: Burkard Waldis)Burkhard Waldis, Nikolaus Stör, Peter Flötner – The British Museum / Tuisco from Promptuarii Iconum Insigniorum, Published by Guillaume Rouille(1518?-1589) – French Book „Promptuarii Iconum Insigniorum“ – Kantstein, Steinformationen auf dem Kantstein Foto Bastian Sz/ Ausrichtung des Thüster Berges/ Simulation, sunearthtools, opentopomap