Frühlingsbeginn über der Achalm

Frühlingsbeginn  über der Achalm

Kultort Scheibengipfel

`Über den Fildern, über den Bäumen,

auf der Achalm hohem Haupt,

fand ich sie im Gold des Morgens,

hat sie mir das Herz geraubt.

(Justinus Kerner, Auf den Fildern unter Bäumen)

Treffender könnte der Eindruck am Morgen des Äquinoktiums, auf dem westlich der Achalm gelegenen Scheibengipfel nicht beschrieben werden. Während die hinter der Achalm aufgehende Sonne die umgebende Landschaft in gleißendes Licht taucht, wird der Scheibengipfel zu einer Insel, die noch einige Zeit im Dämmer-schatten des Berges liegt. Es dauert ungefähr 40 Minuten, bis die Sonnenscheibe die Spitze der Achalm erreicht hat und die ersten Lichtstrahlen auf die Fläche der am westlichen Rand liegenden Grabhügel fällt. Erst ab diesem Zeitpunkt wird die Sonnenscheibe neben dem Burgturm sichtbar, wo sie dann weiter in den Himmel steigt.

Der theatralische Effekt, der langsam aus dem Schatten auftauchenden Insel zeigt auch den besonderen Sonnenbezug des Scheibengipfels, der gleichzeitig auch auf den Ur-sprung des Namens hinweist. Einst wurde am Tag des Frühlingsäquin-oktiums das Ende des Winters gefeiert. Mit dem Schlagen von Funkenscheiben sollten dann die letzten Wintergeister ausgetrieben werden. In alemannischen Gegenden des Schwarzwaldes hat der Brauch noch überlebt. Dort werden am Abend des Äquinoktiums Buchenscheiben im Scheibenfeuer zur Glut gebracht. Sie werden dann mit Haselnussstücken auf dem Scheibenstuhl abgeschlagen, so dass sie mit hohem Bogen ins Tal fliegen.

Was viele heute jedoch für einen einen Faßnachtsbrauch halten, begann vor rund 3000 Jahren mit dem Akitu – Fest in Babylon. Es gilt als eines der ältesten überlieferten Früh-lingsfeste überhaupt und war zugleich auch das Neujahrsfest. Es begann mit den Neulicht des Mondes nach der Tagundnachtgleiche und dauerte 12 Tage. Die umfangreichen Kult-feierlichkeiten Akitu – Fest dienten hier der kultischen Reinigung, der Entsühnung. Mit der Ehrung der babylonischen Stadtgötter sollte dann vor allem die Fruchtbarkeit des kom-menden Jahres garantiert werden.

Bäume, das Bauwerk eines Wasserbehälters, wie auch die Burgmauern auf der Achalm behindern heute die Sicht auf den Aufstieg der Sonne an diesem Tag. Doch das Meer des Lichtes in dem der Scheibengipfel an diesem Tag liegt, lässt heute noch erahnen, warum die Anhöhe in der Vergangenheit ein besonderer Sonnenkultort gewesen sein muss.

Die Insel des Scheibengipfels in der von der Sonne erleuchteten Landschaft

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Krodos Tempel

 

Abbildung und Deutung der Krodofigur, Sachsenchronik Conrad Bothes, 1492,

Laut den Angaben in der Sachsenchronik, einem von Conrad Bothes im Jahr 1492 er- stelltes Geschichtswerk, war Krodo bis 780 ein Gott der Sachsen. In diesem Jahr endete der Krodo-Kult, nachdem Karl der Große sein Standbild auf der Harzburg zerstörte. Bothes beschreibt den Sachsengott als einen Mann, der auf einem Fisch steht, der wiederum auf einer Säule drapiert ist. Seine Attribute sind ein Gefäß mit Blumen und ein Rad, wobei die Blumen als Ausdruck der Fruchtbarkeit gesehen wird und das Rad als Sonnen- oder auch als Schicksalsrad interpretiert wird. Parallelen zu römischen Göttern werden hier erkennbar, denn die in Abbildungen vereinfacht dar- gestellte Säule gleicht den Jupitersäulen und das Attribut Rad, war als Zeichen des Schicksals auch der römischen Göttin Fortuna zu eigen.

Fortuna und das Rad des Lebens, mittelalterliches Manuskript

Doch weder der Blumenkorb passt zu einer männlichen Gottheit, noch der mädchenhaft wirkende wehende Gürtel.So gleicht Krodo in Darstellungen immer einer Mischung aus den Bildern Apollons mit der Athene. Diese Mischung deutet hier weniger auf ein reales Götterbild hin, sondern viel eher auf eine Verballhornung des gestürzten Sachsen-gottes. Dafür spricht auch das ähnlich klingend mittelhochdeutsche Wort kroto. die Kröte. Gerade die christliche Symbolik der Kröte war ja ideal dafür geeignet, die alten Götterbilder möglichst abschreckend auszugestalten. So repräsentierte die Kröte, wie der Frosch, im Christentum stets das Böse, das Dummdreiste, den Irrgauben und das Verderbte. Das sie gemeinhin als giftig galten, wurde beide auch zum Symbol von Laster und Häresie, einem der schlimmsten Vergehen der damaligen Zeit. Bei all diesen negativen Merkmalen war es nur selbstverständlich, dass sie im Gefolge des allgegenwärtigen Teufels auftraten. Wer mit ihnen ihn Verbindung gebracht wurde halt damit als ein gefährliches Element der Gesellschaft. Genau dies soll laut den viel später entstanden Texten Karl der Große auch beabsichtigt haben, als ihm die Sachsen auf seine Frage, wer ist euer Gott, Krodo zuriefen. Der König soll danach prompt ge- antwortet haben `Heißt euer Gott Krodo, so heißt das fortan Krotendüwel´, eben der Krötenteufel.

Sturz des Krodo durch Karl den Großen, Druck nach einem Kupferstich Merians, 1700

Das Bild Krodos auf einem Fisch stehend, weckt Assoziationen an den vedischen Gott Vischnu, dessen erste Inkarnation ein Fisch ist. Ebenso zeigen sich Parallelen zum babylonischen Fischgott Oannes. der morgens dem Meer entstieg und edn Menschen Kulturtechniken, wie die Schrift, die Wissenschaft, die Künste und den Ackerbau lehrte. Da Krodos Name ähnlich klingt wie der des Kronos, des späteren römischen Bauern-gottes Saturn, gab es in der Vergangenheit auch Vermutungen, dass dessen Bild im Norden adaptiert wurde. Dazu führten auch Schriften, in denen eine Saterburg, oder auch eine Saturburg erwähnt wurden, die an Stelle der Harzburg bereits um 300 v. Chr. gestanden sein soll. Ähnlich wie Krodo auch als eine Abwandlung des Kronos / Saturn denkbar ist, wäre ebenso eine Verwandtschaft zum slawischen Gott Chors denkbar. Dessen Existenz ist noch aus dem 10. Jhd. überliefert, denn sein Bild gehörte zu jenen sechs slawischen Gottheiten, deren Statuen Fürst Vladimir I. 980 in Kiew aufstellen ließ. Trotz des Burgenbaus in der Mitte des 11. Jhd`s durch Heinrich IV. blieb die Mystik dem Berg erhalten. So soll im 16. Jhd. Von einem Marienbild in der dortigen Kapelle eine wundertätige Kraft ausgegangen sein, wodurch sich der Ort rasch zu einem Wallfahrtsort entwickelte. Doch der Name Chors verweist auch auf den einstigen zentralasiatischen Staat Chorasan der sich zeitgleich zu den noch unbesiegten Sachsen über das westliche Persien und Afghanistan bis nach Usbekistan erstreckte. Dieses altpersische Wort verweist noch direkt auf eine Sonnengottheit, denn übersetzt be. deutet es `Land der aufgehenden Sonne´. Insofern könnte Krodo auf Grund kultureller Beziehungen eben auch eine importierte Gottheit gewesen sein, ähnlich dem nord. ischen Lenus-Mars.

Chorasan, Ausdehung im 5. Jhd.

Dass der Ort der Harzburg eine besondere Eigenschaft besitzt, zeigt sich in den Mög- lichkeiten zur Beobachtung von Sonnenaufgängen. So sind bei freier Sicht vom klein- en Burgberg aus, die für das Bauernjahr wichtigen Sonnenaufgänge am 1. Februar und 31.Oktober über dem Sachsenberg und der am 1. Mai über dem Eichberg zu sehen. Ebenso ist hier auch der Sonnenaufgang zu den Tagundnachtgleichen im Taleinschnitt zwischen den beiden Bergen zu beobachten. Wenn man aber am 1. März, dem Monat des römischen Gottes Mars, vom großen Burgberg den Sonnenaufgang betrachtet, so ist der dann über dem Sachsenberg zu sehen. Dies bietet auch eine Erklärung für jenen wilden Mann im Wappen der Stadt Harzburg. Mit seinem Ausdruck erinnert das Motiv an den Mars, den einstigen altitalischen Fruchtbarkeits- und Bauerngott. Sein ungezüg- eltes Temperament war einst ein Spiegel jener wieder aufblühenden Natur, die gegen Ende Februar wieder zu neuem Leben erwacht. Erst im Laufe der Zeit verschmolz diese Eigenschaft mit dem griechischen Ares und Mars wurde bei den Römern zum gefürcht- eten Kriegsgott.

Sonnentempel Harzburg

Blick auf den Brocken vom Großen Burgberg aus, Foto LauraHoeppner

Lagen die Wurzeln des sächsischen Krodo tatsächlich in den Götternbildern des zeit- gleich existierenden Chorasans, so bot der U-förmig angelegte Harzburg Berg den idealen Sonnenkultort. Gleich der Gestalt der Rune Sig sind hier die wichtigsten Son- nenaufgänge des Jahres zu beobachten. Für einen Bauerngott, vergleichbar mit Saturn oder Mars, bot der Ort alle notwendigen Sonnenbeobachtungsmöglichkeiten für den Kalender  einer bäuerlichen Gesellschaft. So kann er wohl auch zu Recht als Tempel Krodos betrachtet werden.

Bilder: Wikipedia / Erste Erwähnung, Abbildung und Deutung der Krodofigur, Sachsenchronik Conrad Bothes, 1492, Conrad Bote (Konrad Botho) , gemeinfrei / Fortuna und das Rad des Lebens, mittelalterliches Manuskript/ Sturz des Krodo, Druck nach einem Kupferstich Merians, 1700 / Blick auf den Brocken vom Großen Burgberg aus, Foto LauraHoeppner , CC BY-SA 4.0 – Chorasan, Ausdehung im 5. Jhd. / Sonnentempel Harzburg, Simulation, sunearthtools, opentopomap

Die Göttin von Montserrat.

Mare de Déu de Montserrat, Foto José Luiz Bernardes Ribeiro 

Durch der wundersame Fund einer geschnitzten Madonnenfigur Im Jahr 880 wurde das Bergmasiv bei Barcelona zu einem Zentrum von Gläubigen. In diesem Jahr fanden zwei Schafhirten nach einer geheimnisvollen Lichterscheinung in der Cova del Montserrat die Statue. Als die jedoch in einer feierlichen Prozession ins Tal getragen werden sollte, wurde sie immer schwerer, so dass sich der örtliche Bischof entschloss, ihr zu Ehren am Fundort eine Kapelle zu erbauen. Im Jahr 888 fand sie auch erstmalig eine Erwähnung in einer Urkunde. Eine Legende berichtet über die Madonna, dass sie der Evangelist Lukas noch höchst persönlich geschnitzt habe. Doch diese, heute in der Basilika ausgestellte Figur `Mare de Déu de Montserrat´, Mutter Gottes von Montserrat, stammt aus dem 12. Jhd., der Zeit also, in der das Kloster gegründet wurde. Wegen ihrer schwarzen Oberfläche wird sie auch `La Moreneta´, die kleine Braune genannt.

Das Kloster in der umgebenden Landschaft, Foto Misburg3014

Die Entdeckung der Figur ereignete sich in einer Epoche, die von wachsenden Kämpfen in Spanien geprägt war und der Ausgang von Schlachten oft durch wund- ersame Ereignisse bestimmt wurde. Begonnen hatte die Rückeroberung Spaniens mit der Schlacht von Covadongo, die in der Nähe des gleichnamigen Mariengheiligtums erfolgte. Während der Schlacht gegen die Sarazenen soll sich durch die Macht dieses Heiligtums das Schlachtenglück zugunsten der Spanier gewendet haben. Doch nicht nur die Jungfrau Maria sorgte während der Reconquista für das Schlachtenglück, auch Jakobus soll durch seine wundersame Erscheinung zum Sieg der Spanier während der Schlacht von Clavigo im Jahr 844 verholfen haben. In der gleichen Zeit sahen die Katalanen ihr Vorbild in der Gestalt des Heiligen Georg. Als unerschrockener Märtyrer und Kämpfer für den Glauben soll Georg, der in Katalonien Jordi genannt wird, einer Sage zufolge den Königen bei der Eroberung Mallorcas geholfen haben. Zahlreiche Kirchen und Kapellen wurden ihm geweiht und unter seinem Zeichen auch ein Ritter- orden gegründet. Deshalb beschloss das katalonische Parlament im Jahr 1456, den Jorditag als offiziellen Festtag einzuführen. Beide Heilsgestalten scheinen auch in der 1580 errichteten Klosterkirche von Montserrat miteinander verbunden zu sein. Ihre Bauachse ist auf den Sonnenaufgang über dem Sant Llorenç del Munt gerichtet, einem ähnlich zerklüfteten, im 4. Jtds. v. Chr. ebenfalls besiedelten Bergmassiv. Auch hier war einst ein heiliger Ort, an dem noch die Ruinen einer im 11. Jhd. errichteten, dem St. Laurentius geweihten  Benediktiner Abtei zu sehen sind. 

Ausrichtung der Basilika von Montserrat

So entsprach die Baulinie in der Zeit der Errichtung der Basilika noch genau der Winkel- halbierenden zwischen den Sonnenaufgangspunkten am Jorditag und an Maria Himmel-fahrt. Durch den 2 Jahre später eingeführten Gregorianischen Kalender hat sich die Situation geändert: Heute zielt die Bauachse genau auf den Sonnenaufgang am 27. April, dem Feiertag der Madonna von Montserrat. Dieser Aspekt lässt aber noch einen anderen Schluss zu: Die geplante Zeitkorrektur des wenige Jahre nach Baubeginn ein- gegeführten Gregorianischen Kalenders war den Erbauern der Kirche bereits bekannt. Als Schlachtenlenkerin während der Reconquista trug die Madonna ebenso zum Erfolg bei, wie bei den Eroberungen der Spanier auf dem amerikanischen Kontinent. Doch dauerte es bis zum Jahr 1881, ehe Papst Leo XIII., am 11, September Maria neben Sant Jordi zum Schutzpatronen Katalaniens erklärte. Die aus Pappelholz geschnitzte Figur der Madonna von Montserrat ist ca. 95 cm groß und bis auf das schwarze Gesicht und Hände vollständig in Gold gefasst. In ihrer formalen Erscheinung gleicht sie dem byzant-inischen Madonnentyp der Nikopoia, der thronenden Madonna. Sie wird durch eine Frauenfigur verkörpert, die in königlicher Haltung auf einem Thron sitzenden und einen meist stehenden Jesusknaben mit einer Siegesgeste hält.

Die Schwarze Madonna von Montserrat, F. Dep.de Premsa, Comunicació de Montserrat

In dem Datum des 27. April lässt sich trotz des wundersamen Ereignisses der Erschein- ung aber auch das Weiterführen älterer Feste erkennen, denn bereits in römischer Zeit wurde am 28. April ein sehr beliebtes Fest gefeiert. An diesem Tag wurde mit dem Fest Floralia die altitalische Vegetationsgöttin Flora gefeiert, der bereits vom sabinischen König Titus Tatius einer der ersten Kulttempel auf dem Quirinal in Rom errichtet wurde. Trotz der Beliebtheit stand Ihr Kult immer aber im Schatten der viel bedeutenderen Ge- treidegöttin Ceres und war nur während der unsteten Witterung am Ende des April von Bedeutung. Mit dem wundersamen Fund der Madonnenfigur wurde auf dem Montserrat wohl auch die Tradition einer Kultstätte von Muttergottjheiten weitergeführt, die weit in die Geschichte zurückreicht. Ein Bindeglied zu dieser Tradition stellt hier ein römischer Tempel her, in dem einst die Göttin Venus verehrt wurde. Archäologische Fund auf früherer Zeit zeigen aber, dass die zahlreichen hier vorhandenen Höhlen auf dem Montserrat bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. besiedelt waren. Dessen zerklüfteten Fels- en, die wie von Zyklopen aufgeschichtet erscheinen, weckten seit jeher die Fantasie der Menschen. So tragen einige unter ihnen Namen wie das Kamel, der Elefantenrüssel, oder der verzauberte Riese. Das Kamel des Sant Jordi, des heiligen Hieronymus, einem der vier Kirchenväter, hat die Gestalt eines Kamelhöckers und ist von drei, in einer schnurgeraden Linie aufgereihten Felsgipfeln oberhalb des Klosters gut zu sehen.

Der hl. Hieronymus in seiner Studierstube, Werkstatt Pieter Coecke van Aelst (um 1530)

Dieser Höcker erinnert an eine Episode aus der Legende des Heiligen als er in seinem Kloster in Bethlehem lebte. Dort hatte er einmal einem hinkenden Löwen von einem Dorn befreit. Der nun friedliche Löwe stürzte sich aber eines Tages auf eine Karawane von Kaufleuten, die mit Kamelen und Eseln nach Bethlehem zogen und vertrieb sie. Anschließend brachte er die Kamele und Esel ins Kloster. In der Antike waren beide Tiere auch Attribute von Fruchtbarkeitsgöttinnen. Das Kamel war das Reittier der im nordarabischen Raum sehr beliebten Göttin Al-Lāt, die bereits im 5.Jhd. v. Chr, von Herodot beschrieben wurde. Der Esel jedoch war ein Attribut der im gallischen Raum verbreiteten, späteren Pferdegöttin Epona.

al-Lāt reitet auf einem Kamel. Relief aus Ta’if in Saudi-Arabien, um 100 n. Chr.

Beide wiesen auch ähnliche Aspekte auf, wie die orientalische Muttergöttin Magna Mater. Hatten sich diese Bilder hier vermischt, so bekam das Kamel des Saint Jordi in der Zeit Herodots einen ganz anderen Sinn. Stand man am 4. April am nördöstlichen der drei Gipfel, so sah man am Morgen die Sonne über dem Kamelrücken aufgehen und in der Fluchtrichtung der Felsgipfel am Abend zum ersten Mal den Stern Sirius auf- leuchten. Später begannen bei den Römern an diesem Tag dann die Kultfeiern die der Magna Mater gewidmet waren. Nach dem heiligen Hieronymus, dem Verfasser der ersten maßgeblichen Bibelübersetzung, ist auch der höchste Berggipfel des Montserrat benannt. Er stellt damit ein sichtbares Zeichen dar, dass die Heilssuche auf dem Berg mit Maria ein neues Bild erhielt, denn über sie schrieb er ja einst, dass in ihr alle Gnade vereinigt sei.

Sant Jeroni, Magna Mater und die Sonnenwende

Bilder: Wikipedia, Mare de Déu de Montserrat, Foto José Luiz Bernardes Ribeiro / CC BY-SA 3.0 / Das Kloster in der umgebenden Landschaft, Foto Misburg3014 / Die Schwarze Madonna von Montserrat, Foto Departament de Premsa i Comunicació de Montserrat – Departament de Premsa i Comunicació de / Der hl. Hieronymus in seiner Studierstube, Werkstatt Pieter Coecke van Aelst (um 1530) Pieter Coecke van Aelst und Werkstatt – Walters Art Museum: / al-Lāt reitet auf einem Kamel. Relief aus Ta’if in Saudi-Arabien, um 100 n. Chr.

 

Kultort Gleichen – Teil 2

Scheibenkreuze am Bielstein in Reinhausen, Foto Jan Stubenitzky

Erst ab dem 11. Jahrhundert beginnt die Geschichte Reinhausens fassbar zu werden. Dies auch nur auf Grund einer gefälschten Urkunde die auf den 26. Juli 1097 datiert und Heinrich IV. zugeschrieben wird. Dabei gibt es rund um den Ort zahlreiche Hinweise weit zurückliegender Kulturen, wie den mit Zeichen versehenen Felssporn Bielstein, den Hurkutstein mit der in den Stein gehauenen Eremitenklause, oder die als Jägersteine bezeichneten Felsabstürze. Alle drei Orte deuten darauf hin, dass das Gebiet um die beiden Gleichen weitaus früher bereits als besonderer Ort angesehen wurde. Diese beiden Berge boten auch noch im 8 Jhd. eine Landschaftskulisse, hinter der alljährlich ein Schauspiel zu beobachten war, das eine Erklärung für den Bau der Kirche St. Christophorus bieten könnte.

Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke

In Legenden, wie der des Christophorus, mischen sich ältere Erzählungen, aus deren Motiven eine neue Gestalt entsteht. Ein Bild der riesenhaften Gestalt des Chrstophorus stammt hier aus dem Sagenkreis des Odysseus, der nach seiner Flucht aus Troya auf der Zyklopeninsel strandet, die vor der Küste Catanias liegt. Doch der einäugige Zyklop verweigerte Odysseus und seinen Männern die Gastfreundschaft und nahm die Griechen gefangen. Nach und nach verspeiste er sie, bis es Odysseus und seinen Männern gelang ihn mit einem glühenden Pfahl zu blenden und eingewickelt in ein Schafsfell aus der Höhle des Riesen wieder zu entkommen. Darauf bat der Zyklop seinen Vater Poseidon um die Rache seiner Blendung. Er verlangte von ihm Odysseus nie wieder in seine Heimat zurückkehren zu lassen.

Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato

Die Rache Poseidons führte schließlich zur 10-jährigen Irrfahrt der Griechen. Nicht nur die Gestalt des Riesen, auch Poseidon selbst, tauchen auch im Mythos des Orion auf. Dessen Erzeuger wird unterschiedlich erklärt, doch in einer Erzählung ist dies Poseidon und Euryale, eine der drei Gorgonen. In der griechischen Sage werden sie als ge- flügelte Gestalten mit Schlangenhaaren beschrieben, die jeden bei ihrem Anblick zu Stein erstarren lassen. Ein ganz ähnliches Bild eines geblendeten Riesen der eine Last über das Wasser zu tragen hat gibt es auch im Sagenkreis des Orion. Einst kam der kühne Jäger auf seiner Wanderung zu Oenopion, dem Sohn des Bacchus und König von Chios. Dort verlangte er dessen Tochter Merope zur Frau, doch der König fürchtete den Riesen und ließ ihn blenden. Umherirrend fand Orion am Strand der Insel Lemnos schließlich zu Hephaistos, dem Gott des Feuers. Der brachte ihn in seine Schmiede wo er Orion den Zwerg Kedalion gab. Dem trug er auf ihn nach Osten zu bringen, zum Licht der aufgehenden Sonne, in der sich der Sonnengott Helios verkörperte und rr machte Orion wieder sehend. Ein ähnliches Motiv taucht auch in den Schriften der Veden auf, wo von Vishnu berichtet wird, der in seiner Inkarnation als Zwerg sich auf die Schulter des Riesen Bali setzt und dann immer schwerer wird.

Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum

Eine optische Verbindung beider Legenden wurde im 9. Jhd. Hinter der Kulisse der Gleichen sichtbar, denn dort erschien war am Morgen des Christophorustages der Stern Beteigeuze, die Hand des Riesen Orion über dem Bergsattel der Gleichen. Ideal war jedoch der Beobachtungspunkt Reinhausen zur Wintersonnenwende, wenn Orion kurz nach Sonnenuntergang mit seinen beiden Hunden hinter den Gleichen in den Himmel stieg. Dies führt zurück zum ursprünglichen Bild des Christophorus als hundsköpfiges Ungeheuer, denn auch diese Vorstellung scheint dem realen Bild am Himmel entlehnt worden zu sein. Hier wird Orion ja von den beiden Sternbildern Großer und Kleiner Hund begleitet. Wie Christophorus scheint auch Orion einen Fluss zu überqueren der am Himmel als helles Band erscheint, die Milchstrasse. Auch der Stab des Christophorus, aus dem in der Legende Knospen sprießen, lässt sich mit dem Bild des Orion in Verbindung bringen. So verkörperte er doch im alten Ägypten am Anfang den Fruchtbarkeits- und später den Totengott Osiris. Der Stab, der heute meist als furchterregende Keule darge-stellt wird, verwies somit auch  auf seine Rolle des guten Hirten.

Visurpunkt Gleichen, zur Tagundnachtgleiche u.zur Wintersonnenwende um n. 850 Chr.

Ganz offensichtlich wird er Flurname Gleichen jedoch an den beiden Tagundnacht-gleichen im Frühjahr und im Herbst, denn dann steigt die Sonnenscheibe entlang des Alten Gleichen auf. Die beiden Berge die dann zu einem Sonnentor werden, eigneten sich also von Reinhausen aus betrachtet, als idealer Sonnenkalender. Als idealer Beobachtungspunkt könnte der Ort aber bereits in der Zeit Linienbrand-keramik gedient haben, als das Motiv des kultisch verehrten Stieres aufkam. In dieser Epoche tauchte während des Herbstäquinoktiums der Stern Pollux aus dem Sternbild der heutigen Zwillinge in der Mitte der beiden Gleichen auf. Das Sternbild mit seinen fast parallelen Armen sah dann aus wie die Hörner eines gesenkten Stierkopfes, so wie er aus Abbildungen jener Zeit bekannt ist. Der Name Gleichen erinnert somit nicht nur an die Tagundnachtgleichen, sondern auch an eine Zeit, als Sonnenfeste wichtige Daten des Landwirtschaftlichen Lebens er frühen Ackerbau-kulturen markierten.

Bilder: Wikipedia / Scheibenkreuze am Bielstein, Foto Jan Stubenitzky (Dehio), CC BY-SA 3.0 / Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Gruppenrekonstruktion, Grotte des Tiberius, Museo Archeologico di Sperlonga, Foto Carole Raddato from FRANKFURT, Germany /Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato / Simulation, opentopomap, Stellarium sunearthtools

Der Stier von Knossos

Rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos, Foto Bernard Gagnon

Knossos, das übersetzt der Palast bedeutet, liegt ungefähr 5 Kilometer südlich von Iraklion, in Sichtweite des Giouchtas und dem Profil des `schlafenden Zeus. Der Palast wurde hier auf den Ruinen einer viel älteren Kultur errichtet, deren Spuren bis ins 4. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Wissenschaftler vermuten heute, dass Einwanderer aus Kleinasien während der neolithischen Revolution die Insel besiedelten. Erst am Ende des 3. Jahrtausends sind dann einzelne Königreiche entstanden, deren Zeugen die Paläste von Phaistos, Malia oder Knossos sind. Jedoch ist der Palast von Knossos der größte unter diesen Anlagen. Der Name Knossos ist mit dem Mythos des Mino- taurus verbunden, der die Menschen bis heute erschaudern lässt. Doch der von Homer verfasste Text der Erzählung entstand aber erst 700 Jahre nach der Zerstörung des Palastes. Sie beginnt mit einem weißem Stier, den der Gott Poseidon König Minos schenkte und ihm auftrug Zeus zu opfern. Der jedoch trieb ihn in seine Herde und opferte stattdessen einen gewöhnlichen. Der Zorn des Zeus traf Minos unmittelbar in dem er bei Minos Gemahlin Pasiphaë eine Begierde nach dem Tier entfachte.

Pasiphaë und der Minotaurus, Foto Bibi Saint-Pol

Die ließ sich dann vom königlichen Baumeister Daidalos eine mit Fell überspannte Holzkuh anfertigen, in der sie sich dem göttlichen Stier unbemerkt nähern konnte. Mit ihm zeigte Pasiphaë dann den menschenfressenden Stiermenschen Minotaurus. Minos ließ dieses Ungeheuer aber nicht töten, sondern von Daidalos ein sicheres Versteck errichten. Als Minos Sohn eines Tages bei einem Wettkampf getötet wurde, nahm er dies zum Anlass von den Athenern jährlich 7 Jünglinge und 7 Jungfrauen zu fordern, die dem Minotaurus geopfert wurden. Erst dem attischen Prinzen Theseus gelang es dann das Ungeheuer zu töten.

`Thronsaal´ von Knossos, Foto Olaf Tausch

Wie alle Anlagen aus der frühen Epoche der minoischen Kultur wurde auch Knossos während eines schweren Erdbebens um 1700 v. Chr zerstört, aber später wieder neu ausgebaut. Diese Naturkatastrophe markierte die Zäsur zwischen den Epochen der älteren und der jüngeren Palastzeit. Auf den Mauern der alten Paläste wurden neue errichtet und Knossos wurde während einer darauf folgenden Blütezeit wahrscheinlich zu einem wirtschaftlichen und religiösen Zentrum der Insel. Der Palast umfasste fast 1300 Räume, die meist in Clustern zusammengefasst waren. Sie wurden durch vier verwinkelt angelegte Gänge mit aufwendig gestalteten Treppenhäusern erschlossen. Dieses Konglomerat aus Räumen besaß aber keine einheitliche Fassade, wie auch eine Befestigung des Palastes fehlte. Doch der rechtwinklig geformte Innenhof entspricht nicht der amorphen Struktur des Gebäudes. Er wurde direkt über der ersten neolith- ischen Siedlung errichtet, was bereits in der Vergangenheit Spekulationen über die Gründe seiner Anordnung auf einer der Keimzellen der minoischen Zivilisation weckte.

Die Ausrichtung des Palastes

Die Länge des Hofes beträgt 53m und seine Breite 28m, Maße deren Symbolik nur bei genauerer Betrachtung erkennbar sind. So öffnet das Seitenverhältnis von 36Teilen zu 19 Teilen die Tür zu einer möglichen Interpretation, die auch mit der Ausrichtung der Anlage korrespondiert.Sie Zahl 36 beweist hier auf den Vollkreis und damit auch auf den Zyklus des Sonnenjahres. Auf einen anderen Zyklus verweist die Zahl 19 , denn 19 Jahre dauert der nach dem griechischen Astronomen Meton benannte Zyklus der exakt 235 Mondmonaten entspricht. Doch die Zahl 19 verkörpert auch eine Urform der Zahlensymbolik, die Trinität. Diese 19 erscheint auch in einem gleichseitigen Dreieck, wenn auf allen drei Seiten die Zahlen 1 bis 9 mit 9 Punkten angetragen werden. Somit entstehen auch 9 Strecken und die Zahl 10 bildet dann den Mittelpunkt dieses Dreieckes. Alle Elemente addiert, ergeben dann die Zahl 19.

Symbolik der Zahl 19

Diese Längsrichtung des Hofes weist auf die Letztsicht des Sirius während  Herbst-äquinoktiums. Eine der häufig anzutreffenden Wandmalereien in Knossos zeigt den minoischen Stiersprung. Bei dieser kultischen Handlung sprangen Männer wie Frauen in Längsrichtung über den Stier. Ein heute umstrittene Rekonstruktionszeichnung des Archäologen Evans zeigt den Sprung und seine Bewegungsphasen. Dabei fasst der Springer den galoppierenden Wildstier zunächst am linken Horn. Durch die Kopfbe-wegung des Stieres wird der Springer dann angehoben und schleudert sich mit einem Salto über den Rücken des Stieres. Diese kultische Bedeutung des Stieres lässt auch auf seine Bedeutung als Zeitzeiger schließen. Dies verdeutlicht die Querrichtung des Hofes mit seinen 19 Teilen, in der 36 Tage vor der Wintersonnenwende, einer Zeit ver- gleichbar mit den römischen Brumalien, die Erstsicht des Sternes Aldebaran aus dem Sternbild Stier möglich war.  In Gegenrichtung war zu dieser Zeit dann der Untergang der Plejaden im Westen zu beobachten. Aber auch der Giouchtas scheint in das Konzept des Palastes einbezogen worden zu sein, denn von hier war während des Frühlingsäquinoktiums der Untergang des Sirius über dem Profil des `schlafenden Zeus´ zu sehen. Damit war der Palast eingebunden in eine Ordnung aus Raum und Zeit die das Sternbild des Stieres vermittelte.

Bilder: Wikipedia, Rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos, Foto Bernard Gagnon, CC BY-SA 3.0 / Pasiphaë und der Minotaur, Attisch-rotfigurige Kylix des Settecamini-Malers, 340–320 v. Chr., Cabinet des Médailles, Paris, Foto Bibi Saint-Pol, `Thronsaal´ von Knossos, Foto Olaf Tausch / Simulation Stellarium/  Zahl 19, https://www.decemsys.de/reflexio/islam/zahl19-im-koran.htm