Die Göttin von Montserrat.

Mare de Déu de Montserrat, Foto José Luiz Bernardes Ribeiro 

Durch der wundersame Fund einer geschnitzten Madonnenfigur Im Jahr 880 wurde das Bergmasiv bei Barcelona zu einem Zentrum von Gläubigen. In diesem Jahr fanden zwei Schafhirten nach einer geheimnisvollen Lichterscheinung in der Cova del Montserrat die Statue. Als die jedoch in einer feierlichen Prozession ins Tal getragen werden sollte, wurde sie immer schwerer, so dass sich der örtliche Bischof entschloss, ihr zu Ehren am Fundort eine Kapelle zu erbauen. Im Jahr 888 fand sie auch erstmalig eine Erwähnung in einer Urkunde. Eine Legende berichtet über die Madonna, dass sie der Evangelist Lukas noch höchst persönlich geschnitzt habe. Doch diese, heute in der Basilika ausgestellte Figur `Mare de Déu de Montserrat´, Mutter Gottes von Montserrat, stammt aus dem 12. Jhd., der Zeit also, in der das Kloster gegründet wurde. Wegen ihrer schwarzen Oberfläche wird sie auch `La Moreneta´, die kleine Braune genannt.

Das Kloster in der umgebenden Landschaft, Foto Misburg3014

Die Entdeckung der Figur ereignete sich in einer Epoche, die von wachsenden Kämpfen in Spanien geprägt war und der Ausgang von Schlachten oft durch wund- ersame Ereignisse bestimmt wurde. Begonnen hatte die Rückeroberung Spaniens mit der Schlacht von Covadongo, die in der Nähe des gleichnamigen Mariengheiligtums erfolgte. Während der Schlacht gegen die Sarazenen soll sich durch die Macht dieses Heiligtums das Schlachtenglück zugunsten der Spanier gewendet haben. Doch nicht nur die Jungfrau Maria sorgte während der Reconquista für das Schlachtenglück, auch Jakobus soll durch seine wundersame Erscheinung zum Sieg der Spanier während der Schlacht von Clavigo im Jahr 844 verholfen haben. In der gleichen Zeit sahen die Katalanen ihr Vorbild in der Gestalt des Heiligen Georg. Als unerschrockener Märtyrer und Kämpfer für den Glauben soll Georg, der in Katalonien Jordi genannt wird, einer Sage zufolge den Königen bei der Eroberung Mallorcas geholfen haben. Zahlreiche Kirchen und Kapellen wurden ihm geweiht und unter seinem Zeichen auch ein Ritter- orden gegründet. Deshalb beschloss das katalonische Parlament im Jahr 1456, den Jorditag als offiziellen Festtag einzuführen. Beide Heilsgestalten scheinen auch in der 1580 errichteten Klosterkirche von Montserrat miteinander verbunden zu sein. Ihre Bauachse ist auf den Sonnenaufgang über dem Sant Llorenç del Munt gerichtet, einem ähnlich zerklüfteten, im 4. Jtds. v. Chr. ebenfalls besiedelten Bergmassiv. Auch hier war einst ein heiliger Ort, an dem noch die Ruinen einer im 11. Jhd. errichteten, dem St. Laurentius geweihten  Benediktiner Abtei zu sehen sind. 

Ausrichtung der Basilika von Montserrat

So entsprach die Baulinie in der Zeit der Errichtung der Basilika noch genau der Winkel- halbierenden zwischen den Sonnenaufgangspunkten am Jorditag und an Maria Himmel-fahrt. Durch den 2 Jahre später eingeführten Gregorianischen Kalender hat sich die Situation geändert: Heute zielt die Bauachse genau auf den Sonnenaufgang am 27. April, dem Feiertag der Madonna von Montserrat. Dieser Aspekt lässt aber noch einen anderen Schluss zu: Die geplante Zeitkorrektur des wenige Jahre nach Baubeginn ein- gegeführten Gregorianischen Kalenders war den Erbauern der Kirche bereits bekannt. Als Schlachtenlenkerin während der Reconquista trug die Madonna ebenso zum Erfolg bei, wie bei den Eroberungen der Spanier auf dem amerikanischen Kontinent. Doch dauerte es bis zum Jahr 1881, ehe Papst Leo XIII., am 11, September Maria neben Sant Jordi zum Schutzpatronen Katalaniens erklärte. Die aus Pappelholz geschnitzte Figur der Madonna von Montserrat ist ca. 95 cm groß und bis auf das schwarze Gesicht und Hände vollständig in Gold gefasst. In ihrer formalen Erscheinung gleicht sie dem byzant-inischen Madonnentyp der Nikopoia, der thronenden Madonna. Sie wird durch eine Frauenfigur verkörpert, die in königlicher Haltung auf einem Thron sitzenden und einen meist stehenden Jesusknaben mit einer Siegesgeste hält.

Die Schwarze Madonna von Montserrat, F. Dep.de Premsa, Comunicació de Montserrat

In dem Datum des 27. April lässt sich trotz des wundersamen Ereignisses der Erschein- ung aber auch das Weiterführen älterer Feste erkennen, denn bereits in römischer Zeit wurde am 28. April ein sehr beliebtes Fest gefeiert. An diesem Tag wurde mit dem Fest Floralia die altitalische Vegetationsgöttin Flora gefeiert, der bereits vom sabinischen König Titus Tatius einer der ersten Kulttempel auf dem Quirinal in Rom errichtet wurde. Trotz der Beliebtheit stand Ihr Kult immer aber im Schatten der viel bedeutenderen Ge- treidegöttin Ceres und war nur während der unsteten Witterung am Ende des April von Bedeutung. Mit dem wundersamen Fund der Madonnenfigur wurde auf dem Montserrat wohl auch die Tradition einer Kultstätte von Muttergottjheiten weitergeführt, die weit in die Geschichte zurückreicht. Ein Bindeglied zu dieser Tradition stellt hier ein römischer Tempel her, in dem einst die Göttin Venus verehrt wurde. Archäologische Fund auf früherer Zeit zeigen aber, dass die zahlreichen hier vorhandenen Höhlen auf dem Montserrat bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. besiedelt waren. Dessen zerklüfteten Fels- en, die wie von Zyklopen aufgeschichtet erscheinen, weckten seit jeher die Fantasie der Menschen. So tragen einige unter ihnen Namen wie das Kamel, der Elefantenrüssel, oder der verzauberte Riese. Das Kamel des Sant Jordi, des heiligen Hieronymus, einem der vier Kirchenväter, hat die Gestalt eines Kamelhöckers und ist von drei, in einer schnurgeraden Linie aufgereihten Felsgipfeln oberhalb des Klosters gut zu sehen.

Der hl. Hieronymus in seiner Studierstube, Werkstatt Pieter Coecke van Aelst (um 1530)

Dieser Höcker erinnert an eine Episode aus der Legende des Heiligen als er in seinem Kloster in Bethlehem lebte. Dort hatte er einmal einem hinkenden Löwen von einem Dorn befreit. Der nun friedliche Löwe stürzte sich aber eines Tages auf eine Karawane von Kaufleuten, die mit Kamelen und Eseln nach Bethlehem zogen und vertrieb sie. Anschließend brachte er die Kamele und Esel ins Kloster. In der Antike waren beide Tiere auch Attribute von Fruchtbarkeitsgöttinnen. Das Kamel war das Reittier der im nordarabischen Raum sehr beliebten Göttin Al-Lāt, die bereits im 5.Jhd. v. Chr, von Herodot beschrieben wurde. Der Esel jedoch war ein Attribut der im gallischen Raum verbreiteten, späteren Pferdegöttin Epona.

al-Lāt reitet auf einem Kamel. Relief aus Ta’if in Saudi-Arabien, um 100 n. Chr.

Beide wiesen auch ähnliche Aspekte auf, wie die orientalische Muttergöttin Magna Mater. Hatten sich diese Bilder hier vermischt, so bekam das Kamel des Saint Jordi in der Zeit Herodots einen ganz anderen Sinn. Stand man am 4. April am nördöstlichen der drei Gipfel, so sah man am Morgen die Sonne über dem Kamelrücken aufgehen und in der Fluchtrichtung der Felsgipfel am Abend zum ersten Mal den Stern Sirius auf- leuchten. Später begannen bei den Römern an diesem Tag dann die Kultfeiern die der Magna Mater gewidmet waren. Nach dem heiligen Hieronymus, dem Verfasser der ersten maßgeblichen Bibelübersetzung, ist auch der höchste Berggipfel des Montserrat benannt. Er stellt damit ein sichtbares Zeichen dar, dass die Heilssuche auf dem Berg mit Maria ein neues Bild erhielt, denn über sie schrieb er ja einst, dass in ihr alle Gnade vereinigt sei.

Sant Jeroni, Magna Mater und die Sonnenwende

Bilder: Wikipedia, Mare de Déu de Montserrat, Foto José Luiz Bernardes Ribeiro / CC BY-SA 3.0 / Das Kloster in der umgebenden Landschaft, Foto Misburg3014 / Die Schwarze Madonna von Montserrat, Foto Departament de Premsa i Comunicació de Montserrat – Departament de Premsa i Comunicació de / Der hl. Hieronymus in seiner Studierstube, Werkstatt Pieter Coecke van Aelst (um 1530) Pieter Coecke van Aelst und Werkstatt – Walters Art Museum: / al-Lāt reitet auf einem Kamel. Relief aus Ta’if in Saudi-Arabien, um 100 n. Chr.

 

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Kultort Gleichen – Teil 2

Scheibenkreuze am Bielstein in Reinhausen, Foto Jan Stubenitzky

Erst ab dem 11. Jahrhundert beginnt die Geschichte Reinhausens fassbar zu werden. Dies auch nur auf Grund einer gefälschten Urkunde die auf den 26. Juli 1097 datiert und Heinrich IV. zugeschrieben wird. Dabei gibt es rund um den Ort zahlreiche Hinweise weit zurückliegender Kulturen, wie den mit Zeichen versehenen Felssporn Bielstein, den Hurkutstein mit der in den Stein gehauenen Eremitenklause, oder die als Jägersteine bezeichneten Felsabstürze. Alle drei Orte deuten darauf hin, dass das Gebiet um die beiden Gleichen weitaus früher bereits als besonderer Ort angesehen wurde. Diese beiden Berge boten auch noch im 8 Jhd. eine Landschaftskulisse, hinter der alljährlich ein Schauspiel zu beobachten war, das eine Erklärung für den Bau der Kirche St. Christophorus bieten könnte.

Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke

In Legenden, wie der des Christophorus, mischen sich ältere Erzählungen, aus deren Motiven eine neue Gestalt entsteht. Ein Bild der riesenhaften Gestalt des Chrstophorus stammt hier aus dem Sagenkreis des Odysseus, der nach seiner Flucht aus Troya auf der Zyklopeninsel strandet, die vor der Küste Catanias liegt. Doch der einäugige Zyklop verweigerte Odysseus und seinen Männern die Gastfreundschaft und nahm die Griechen gefangen. Nach und nach verspeiste er sie, bis es Odysseus und seinen Männern gelang ihn mit einem glühenden Pfahl zu blenden und eingewickelt in ein Schafsfell aus der Höhle des Riesen wieder zu entkommen. Darauf bat der Zyklop seinen Vater Poseidon um die Rache seiner Blendung. Er verlangte von ihm Odysseus nie wieder in seine Heimat zurückkehren zu lassen.

Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato

Die Rache Poseidons führte schließlich zur 10-jährigen Irrfahrt der Griechen. Nicht nur die Gestalt des Riesen, auch Poseidon selbst, tauchen auch im Mythos des Orion auf. Dessen Erzeuger wird unterschiedlich erklärt, doch in einer Erzählung ist dies Poseidon und Euryale, eine der drei Gorgonen. In der griechischen Sage werden sie als ge- flügelte Gestalten mit Schlangenhaaren beschrieben, die jeden bei ihrem Anblick zu Stein erstarren lassen. Ein ganz ähnliches Bild eines geblendeten Riesen der eine Last über das Wasser zu tragen hat gibt es auch im Sagenkreis des Orion. Einst kam der kühne Jäger auf seiner Wanderung zu Oenopion, dem Sohn des Bacchus und König von Chios. Dort verlangte er dessen Tochter Merope zur Frau, doch der König fürchtete den Riesen und ließ ihn blenden. Umherirrend fand Orion am Strand der Insel Lemnos schließlich zu Hephaistos, dem Gott des Feuers. Der brachte ihn in seine Schmiede wo er Orion den Zwerg Kedalion gab. Dem trug er auf ihn nach Osten zu bringen, zum Licht der aufgehenden Sonne, in der sich der Sonnengott Helios verkörperte und rr machte Orion wieder sehend. Ein ähnliches Motiv taucht auch in den Schriften der Veden auf, wo von Vishnu berichtet wird, der in seiner Inkarnation als Zwerg sich auf die Schulter des Riesen Bali setzt und dann immer schwerer wird.

Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum

Eine optische Verbindung beider Legenden wurde im 9. Jhd. Hinter der Kulisse der Gleichen sichtbar, denn dort erschien war am Morgen des Christophorustages der Stern Beteigeuze, die Hand des Riesen Orion über dem Bergsattel der Gleichen. Ideal war jedoch der Beobachtungspunkt Reinhausen zur Wintersonnenwende, wenn Orion kurz nach Sonnenuntergang mit seinen beiden Hunden hinter den Gleichen in den Himmel stieg. Dies führt zurück zum ursprünglichen Bild des Christophorus als hundsköpfiges Ungeheuer, denn auch diese Vorstellung scheint dem realen Bild am Himmel entlehnt worden zu sein. Hier wird Orion ja von den beiden Sternbildern Großer und Kleiner Hund begleitet. Wie Christophorus scheint auch Orion einen Fluss zu überqueren der am Himmel als helles Band erscheint, die Milchstrasse. Auch der Stab des Christophorus, aus dem in der Legende Knospen sprießen, lässt sich mit dem Bild des Orion in Verbindung bringen. So verkörperte er doch im alten Ägypten am Anfang den Fruchtbarkeits- und später den Totengott Osiris. Der Stab, der heute meist als furchterregende Keule darge-stellt wird, verwies somit auch  auf seine Rolle des guten Hirten.

Visurpunkt Gleichen, zur Tagundnachtgleiche u.zur Wintersonnenwende um n. 850 Chr.

Ganz offensichtlich wird er Flurname Gleichen jedoch an den beiden Tagundnacht-gleichen im Frühjahr und im Herbst, denn dann steigt die Sonnenscheibe entlang des Alten Gleichen auf. Die beiden Berge die dann zu einem Sonnentor werden, eigneten sich also von Reinhausen aus betrachtet, als idealer Sonnenkalender. Als idealer Beobachtungspunkt könnte der Ort aber bereits in der Zeit Linienbrand-keramik gedient haben, als das Motiv des kultisch verehrten Stieres aufkam. In dieser Epoche tauchte während des Herbstäquinoktiums der Stern Pollux aus dem Sternbild der heutigen Zwillinge in der Mitte der beiden Gleichen auf. Das Sternbild mit seinen fast parallelen Armen sah dann aus wie die Hörner eines gesenkten Stierkopfes, so wie er aus Abbildungen jener Zeit bekannt ist. Der Name Gleichen erinnert somit nicht nur an die Tagundnachtgleichen, sondern auch an eine Zeit, als Sonnenfeste wichtige Daten des Landwirtschaftlichen Lebens er frühen Ackerbau-kulturen markierten.

Bilder: Wikipedia / Scheibenkreuze am Bielstein, Foto Jan Stubenitzky (Dehio), CC BY-SA 3.0 / Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Gruppenrekonstruktion, Grotte des Tiberius, Museo Archeologico di Sperlonga, Foto Carole Raddato from FRANKFURT, Germany /Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato / Simulation, opentopomap, Stellarium sunearthtools

Der Stier von Knossos

Rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos, Foto Bernard Gagnon

Knossos, das übersetzt der Palast bedeutet, liegt ungefähr 5 Kilometer südlich von Iraklion, in Sichtweite des Giouchtas und dem Profil des `schlafenden Zeus. Der Palast wurde hier auf den Ruinen einer viel älteren Kultur errichtet, deren Spuren bis ins 4. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Wissenschaftler vermuten heute, dass Einwanderer aus Kleinasien während der neolithischen Revolution die Insel besiedelten. Erst am Ende des 3. Jahrtausends sind dann einzelne Königreiche entstanden, deren Zeugen die Paläste von Phaistos, Malia oder Knossos sind. Jedoch ist der Palast von Knossos der größte unter diesen Anlagen. Der Name Knossos ist mit dem Mythos des Mino- taurus verbunden, der die Menschen bis heute erschaudern lässt. Doch der von Homer verfasste Text der Erzählung entstand aber erst 700 Jahre nach der Zerstörung des Palastes. Sie beginnt mit einem weißem Stier, den der Gott Poseidon König Minos schenkte und ihm auftrug Zeus zu opfern. Der jedoch trieb ihn in seine Herde und opferte stattdessen einen gewöhnlichen. Der Zorn des Zeus traf Minos unmittelbar in dem er bei Minos Gemahlin Pasiphaë eine Begierde nach dem Tier entfachte.

Pasiphaë und der Minotaurus, Foto Bibi Saint-Pol

Die ließ sich dann vom königlichen Baumeister Daidalos eine mit Fell überspannte Holzkuh anfertigen, in der sie sich dem göttlichen Stier unbemerkt nähern konnte. Mit ihm zeigte Pasiphaë dann den menschenfressenden Stiermenschen Minotaurus. Minos ließ dieses Ungeheuer aber nicht töten, sondern von Daidalos ein sicheres Versteck errichten. Als Minos Sohn eines Tages bei einem Wettkampf getötet wurde, nahm er dies zum Anlass von den Athenern jährlich 7 Jünglinge und 7 Jungfrauen zu fordern, die dem Minotaurus geopfert wurden. Erst dem attischen Prinzen Theseus gelang es dann das Ungeheuer zu töten.

`Thronsaal´ von Knossos, Foto Olaf Tausch

Wie alle Anlagen aus der frühen Epoche der minoischen Kultur wurde auch Knossos während eines schweren Erdbebens um 1700 v. Chr zerstört, aber später wieder neu ausgebaut. Diese Naturkatastrophe markierte die Zäsur zwischen den Epochen der älteren und der jüngeren Palastzeit. Auf den Mauern der alten Paläste wurden neue errichtet und Knossos wurde während einer darauf folgenden Blütezeit wahrscheinlich zu einem wirtschaftlichen und religiösen Zentrum der Insel. Der Palast umfasste fast 1300 Räume, die meist in Clustern zusammengefasst waren. Sie wurden durch vier verwinkelt angelegte Gänge mit aufwendig gestalteten Treppenhäusern erschlossen. Dieses Konglomerat aus Räumen besaß aber keine einheitliche Fassade, wie auch eine Befestigung des Palastes fehlte. Doch der rechtwinklig geformte Innenhof entspricht nicht der amorphen Struktur des Gebäudes. Er wurde direkt über der ersten neolith- ischen Siedlung errichtet, was bereits in der Vergangenheit Spekulationen über die Gründe seiner Anordnung auf einer der Keimzellen der minoischen Zivilisation weckte.

Die Ausrichtung des Palastes

Die Länge des Hofes beträgt 53m und seine Breite 28m, Maße deren Symbolik nur bei genauerer Betrachtung erkennbar sind. So öffnet das Seitenverhältnis von 36Teilen zu 19 Teilen die Tür zu einer möglichen Interpretation, die auch mit der Ausrichtung der Anlage korrespondiert.Sie Zahl 36 beweist hier auf den Vollkreis und damit auch auf den Zyklus des Sonnenjahres. Auf einen anderen Zyklus verweist die Zahl 19 , denn 19 Jahre dauert der nach dem griechischen Astronomen Meton benannte Zyklus der exakt 235 Mondmonaten entspricht. Doch die Zahl 19 verkörpert auch eine Urform der Zahlensymbolik, die Trinität. Diese 19 erscheint auch in einem gleichseitigen Dreieck, wenn auf allen drei Seiten die Zahlen 1 bis 9 mit 9 Punkten angetragen werden. Somit entstehen auch 9 Strecken und die Zahl 10 bildet dann den Mittelpunkt dieses Dreieckes. Alle Elemente addiert, ergeben dann die Zahl 19.

Symbolik der Zahl 19

Diese Längsrichtung des Hofes weist auf die Letztsicht des Sirius während  Herbst-äquinoktiums. Eine der häufig anzutreffenden Wandmalereien in Knossos zeigt den minoischen Stiersprung. Bei dieser kultischen Handlung sprangen Männer wie Frauen in Längsrichtung über den Stier. Ein heute umstrittene Rekonstruktionszeichnung des Archäologen Evans zeigt den Sprung und seine Bewegungsphasen. Dabei fasst der Springer den galoppierenden Wildstier zunächst am linken Horn. Durch die Kopfbe-wegung des Stieres wird der Springer dann angehoben und schleudert sich mit einem Salto über den Rücken des Stieres. Diese kultische Bedeutung des Stieres lässt auch auf seine Bedeutung als Zeitzeiger schließen. Dies verdeutlicht die Querrichtung des Hofes mit seinen 19 Teilen, in der 36 Tage vor der Wintersonnenwende, einer Zeit ver- gleichbar mit den römischen Brumalien, die Erstsicht des Sternes Aldebaran aus dem Sternbild Stier möglich war.  In Gegenrichtung war zu dieser Zeit dann der Untergang der Plejaden im Westen zu beobachten. Aber auch der Giouchtas scheint in das Konzept des Palastes einbezogen worden zu sein, denn von hier war während des Frühlingsäquinoktiums der Untergang des Sirius über dem Profil des `schlafenden Zeus´ zu sehen. Damit war der Palast eingebunden in eine Ordnung aus Raum und Zeit die das Sternbild des Stieres vermittelte.

Bilder: Wikipedia, Rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos, Foto Bernard Gagnon, CC BY-SA 3.0 / Pasiphaë und der Minotaur, Attisch-rotfigurige Kylix des Settecamini-Malers, 340–320 v. Chr., Cabinet des Médailles, Paris, Foto Bibi Saint-Pol, `Thronsaal´ von Knossos, Foto Olaf Tausch / Simulation Stellarium/  Zahl 19, https://www.decemsys.de/reflexio/islam/zahl19-im-koran.htm

Die Hirnschale des Teufels

Die Hirnschale des Teufels in Nagold

In der kleinen Stadt Nagold im Schwarzwald befindet sich ein höchst seltsamer Ort. Dort wurde Kraft einer Landesverordnung die Hirnschale des Teufels unter Naturschutz ge- stellt. Auf diese Weise sollte die reich strukturierte Landschaft auf einer Anhöhe im Süden der Stadt vor Veränderungen bewahrt werden. Dass hier ausgerechnet das Krankenhaus der Stadt errichtet wurde, ist wohl als eine Ironie der Geschichte zu wert- en und nicht jenen geheimnisvollen Kräften des Teufels zuzuschreiben, von denen eine Sage aus Nagold erzählt. Sie berichtet, wie der Teufel eines Tages dort mit einem furchtbaren Getöse sein Kommen zeigte und damit die gottesfürchtigen Bewohner auf sich aufmerksam gemacht hatte. Aufgeschreckt von dem Lärm machten die sich mit Beilen und Mistgabel auf den Weg den Teufel abzuwehren. Auf dem Lemberg ent-deckten sie, wie der sich durch die Erde nach oben arbeitete und schlugen sofort auf ihn ein. Da ihm die kräftigen Schläge so der wackeren Nagolder so zusetzten, ließ er von seinem Vorhaben ab in die Stadt einzudringen, doch der Berg war fortan steinig und unfruchtbar. Heute wird der Ursprung der Sage in einem Scherz über diesen unfruchtbaren Berg gesehen. Der Kern dieser Erzählung führt aber zur Entwicklung einer Gestalt, die die Menschen des Mittelalters in Angst und Schrecken versetzte.

Waldstreifen unterhalb des Kreiskrankenhauses. Foto Friedi13

Der Name Teufel stammt aus dem Altgriechischen, wo er Diábolos, genannt wurde, der `Durcheinanderwerfer‘, im Sinne von Verwirren. Im Christentum und dem Islam wurde seine Gestalt dann als das personifizierte Böse betrachtet. Als gefallener Engel, der gegen Gott rebellierte, bekam er den Namen Luzifer, was übersetzt der Lichtträger be- deutet. Die Bezeichnung ist verwirrend, denn im Petrusbrief ist der Lichtträger der Morg- enstern, die Venus und wird als das Zeichen der Verheißung bezeichnet. Auch in der Offenbarung des Johannes bezeichnet sich Jesus noch selbst als den Morgenstern. Erst als die Schriften des antiken Kirchenvaters Origines im 6.Jhd. Anerkennung fand- en, änderte sich die Bedeutung des Namens Luzifer. Nun gewannen altestamentarische Texte die Oberhand, in denen Luzifer mit dem Bösen in Verbindung gebracht wurde.

Kirchenvater Augustinus und der Teufel, Michael Pacher um 1471

Texte, wie das Lukasevangelium, in denen Jesus den Satan in einen Blitz vom Himmel fallen sieht, formten dann das Bild des personifizierten Bösen. Im späten Mittelalter entstand dann neben der Gestalt des Satans auch die Vorstellung von dessen Wohnort, der Hölle. Sie hat ihre Ursprünge in der griechischen Legende, wo der Höllenhund sie Kerberos bewachte. Er wird als schwarze, dreiköpfige Gestalt beschrieben, der todbringender Speichel aus der Lefze tropfte. Dieses Motiv des Hundes tauchte in den Mythen nicht nur als Wächter der Unterwelt auf, sondern ebenso als Begleiter der Seelen Verstorbener, der die in diese führt. Dieses Bild des Hundes zeigt sich auch in Osiris, den ägyptischen Gott des Jenseits und Totenrichter, der sich im Sternbild des Orion verkörperte. Er wird von zwei Hunden begleitet, von denen einer das Sternbild Großer Hund darstellt, Sirius, der hellste Stern des Großen Hundes, canis mayor, ist zugleich auch der hellste am Nachthimmel. Bei den Römern kündigte der Hundsstern immer die heiße Jahreszeit des Sommers an. Ein alter Brauch war es zu dieser Zeit, dem Hundsstern rote Hunde,die Molosser zu opfern.

Altpersische Darstellung eines Molossers aus Persepolis, Foto  Philippe Chavin

Damit führten die Römer aber nur weiter was Homer bereits im 6. Jhd. v. Chr. in seinem Werk Ilias schrieb. Dort steht im 22. Kapitel: `Welcher Orions Hund genannt wird unter den Menschen; Hell zwar glänzt er hervor, doch zum schädlichen Zeichen geordnet, Denn er bringt ausdörrende Glut den elenden Menschen´  Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte der griechische Bauerndichter Hesiod in seinem Lehrgedicht Werk und Tage den Stern Sirius mit Seirios bezeichnet. Eine Deutung über die Herkunft des Namens ver- weist auf die Mythologie der Sirenen, den Seiren. Sie werden als betörenden Misch- wesen geschildert, die Seefahrer anlockten um ihr Blut zu trinken. Doch diese frühe Form eines teuflischen Wesens hatte aber auch noch eine ganz andere Bedeutung. Die beschrieb Hesiod in seiner Schrift Werk und Tage als Kalenderstern, an dessen Auf- gang der Landmann seine Tätigkeit ausrichten konnte. Im alten Ägypten war dies ja seit Jahr- tausenden der Fall, denn dort kündigte der Aufgang des Sirius vor der sonne die jährliche Nilflut an. Als Kalenderstern konnte der Hundsstern Sirius aber auch in Nagold betrachtet werden. Dort ging er noch im 17. Jahrhundert am Abend des Frühlingsäquin-oktiums exakt im Süden, über der Hirnschale des Teufels auf und erinnerte damit an die vorchristlichen Frühlingsfeste. Während des Herbäquinoktiums wiederholte sich dieses Schauspiel, doch da verblasste der Hundsstern am Morgen über dem östlichen Rand der Hirnschale.

Sirius über der hirnscale des Teufels

Eine Woche vor diesem Ereignis wird der Tag Kreuzerhöhung gefeiert. Dieses Kreuz schließt den Kreis der Erzählung vom Baum des Paradieses. Von ihm kam der Tod und vom Baum des Kreuzes erstand dann das Leben, in dem der Feind, der Teufel, besiegt wurde. Von der Stadt aus gesehen, geschah dies während des Herbstäquinoktiums, denn dann wurde der Teufel in Gestalt des Sirius besiegt, in dem ihn die Sonne am Morgen verblassen ließ. Nur seine Hirnschale blieb zurück. Dass Sirius, mit der Bezeichnung Meerstern, gleichzeitig zum volkstümlichen Symbol Marias wurde, ist wohl den unterschiedlichen biblischen Interpretationen, der sich nicht immer wohlgesonnenen Kirchenväter zuzuschreiben.

Bilder: Wikipedia / Der Waldstreifen unterhalb des Kreiskrankenhauses ist der nordwest-liche Ausläufer des Naturschutzgebiets, Foto Friedi13 , CC BY-SA 4.0 / Kirchenvater Augustinus und der Teufel, Michael Pacher – The Yorck Project (2002) / Altpersische Darstellung eines molossoiden Hundes aus Persepolis, Foto Philippe Chavin (Simorg) / Simulation, stellarium, opentopomap