Kultort Gleichen – Teil 2

Scheibenkreuze am Bielstein in Reinhausen, Foto Jan Stubenitzky

Erst ab dem 11. Jahrhundert beginnt die Geschichte Reinhausens fassbar zu werden. Dies auch nur auf Grund einer gefälschten Urkunde die auf den 26. Juli 1097 datiert und Heinrich IV. zugeschrieben wird. Dabei gibt es rund um den Ort zahlreiche Hinweise weit zurückliegender Kulturen, wie den mit Zeichen versehenen Felssporn Bielstein, den Hurkutstein mit der in den Stein gehauenen Eremitenklause, oder die als Jägersteine bezeichneten Felsabstürze. Alle drei Orte deuten darauf hin, dass das Gebiet um die beiden Gleichen weitaus früher bereits als besonderer Ort angesehen wurde. Diese beiden Berge boten auch noch im 8 Jhd. eine Landschaftskulisse, hinter der alljährlich ein Schauspiel zu beobachten war, das eine Erklärung für den Bau der Kirche St. Christophorus bieten könnte.

Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke

In Legenden, wie der des Christophorus, mischen sich ältere Erzählungen, aus deren Motiven eine neue Gestalt entsteht. Ein Bild der riesenhaften Gestalt des Chrstophorus stammt hier aus dem Sagenkreis des Odysseus, der nach seiner Flucht aus Troya auf der Zyklopeninsel strandet, die vor der Küste Catanias liegt. Doch der einäugige Zyklop verweigerte Odysseus und seinen Männern die Gastfreundschaft und nahm die Griechen gefangen. Nach und nach verspeiste er sie, bis es Odysseus und seinen Männern gelang ihn mit einem glühenden Pfahl zu blenden und eingewickelt in ein Schafsfell aus der Höhle des Riesen wieder zu entkommen. Darauf bat der Zyklop seinen Vater Poseidon um die Rache seiner Blendung. Er verlangte von ihm Odysseus nie wieder in seine Heimat zurückkehren zu lassen.

Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato

Die Rache Poseidons führte schließlich zur 10-jährigen Irrfahrt der Griechen. Nicht nur die Gestalt des Riesen, auch Poseidon selbst, tauchen auch im Mythos des Orion auf. Dessen Erzeuger wird unterschiedlich erklärt, doch in einer Erzählung ist dies Poseidon und Euryale, eine der drei Gorgonen. In der griechischen Sage werden sie als ge- flügelte Gestalten mit Schlangenhaaren beschrieben, die jeden bei ihrem Anblick zu Stein erstarren lassen. Ein ganz ähnliches Bild eines geblendeten Riesen der eine Last über das Wasser zu tragen hat gibt es auch im Sagenkreis des Orion. Einst kam der kühne Jäger auf seiner Wanderung zu Oenopion, dem Sohn des Bacchus und König von Chios. Dort verlangte er dessen Tochter Merope zur Frau, doch der König fürchtete den Riesen und ließ ihn blenden. Umherirrend fand Orion am Strand der Insel Lemnos schließlich zu Hephaistos, dem Gott des Feuers. Der brachte ihn in seine Schmiede wo er Orion den Zwerg Kedalion gab. Dem trug er auf ihn nach Osten zu bringen, zum Licht der aufgehenden Sonne, in der sich der Sonnengott Helios verkörperte und rr machte Orion wieder sehend. Ein ähnliches Motiv taucht auch in den Schriften der Veden auf, wo von Vishnu berichtet wird, der in seiner Inkarnation als Zwerg sich auf die Schulter des Riesen Bali setzt und dann immer schwerer wird.

Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum

Eine optische Verbindung beider Legenden wurde im 9. Jhd. Hinter der Kulisse der Gleichen sichtbar, denn dort erschien war am Morgen des Christophorustages der Stern Beteigeuze, die Hand des Riesen Orion über dem Bergsattel der Gleichen. Ideal war jedoch der Beobachtungspunkt Reinhausen zur Wintersonnenwende, wenn Orion kurz nach Sonnenuntergang mit seinen beiden Hunden hinter den Gleichen in den Himmel stieg. Dies führt zurück zum ursprünglichen Bild des Christophorus als hundsköpfiges Ungeheuer, denn auch diese Vorstellung scheint dem realen Bild am Himmel entlehnt worden zu sein. Hier wird Orion ja von den beiden Sternbildern Großer und Kleiner Hund begleitet. Wie Christophorus scheint auch Orion einen Fluss zu überqueren der am Himmel als helles Band erscheint, die Milchstrasse. Auch der Stab des Christophorus, aus dem in der Legende Knospen sprießen, lässt sich mit dem Bild des Orion in Verbindung bringen. So verkörperte er doch im alten Ägypten am Anfang den Fruchtbarkeits- und später den Totengott Osiris. Der Stab, der heute meist als furchterregende Keule darge-stellt wird, verwies somit auch  auf seine Rolle des guten Hirten.

Visurpunkt Gleichen, zur Tagundnachtgleiche u.zur Wintersonnenwende um n. 850 Chr.

Ganz offensichtlich wird er Flurname Gleichen jedoch an den beiden Tagundnacht-gleichen im Frühjahr und im Herbst, denn dann steigt die Sonnenscheibe entlang des Alten Gleichen auf. Die beiden Berge die dann zu einem Sonnentor werden, eigneten sich also von Reinhausen aus betrachtet, als idealer Sonnenkalender. Als idealer Beobachtungspunkt könnte der Ort aber bereits in der Zeit Linienbrand-keramik gedient haben, als das Motiv des kultisch verehrten Stieres aufkam. In dieser Epoche tauchte während des Herbstäquinoktiums der Stern Pollux aus dem Sternbild der heutigen Zwillinge in der Mitte der beiden Gleichen auf. Das Sternbild mit seinen fast parallelen Armen sah dann aus wie die Hörner eines gesenkten Stierkopfes, so wie er aus Abbildungen jener Zeit bekannt ist. Der Name Gleichen erinnert somit nicht nur an die Tagundnachtgleichen, sondern auch an eine Zeit, als Sonnenfeste wichtige Daten des Landwirtschaftlichen Lebens er frühen Ackerbau-kulturen markierten.

Bilder: Wikipedia / Scheibenkreuze am Bielstein, Foto Jan Stubenitzky (Dehio), CC BY-SA 3.0 / Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Gruppenrekonstruktion, Grotte des Tiberius, Museo Archeologico di Sperlonga, Foto Carole Raddato from FRANKFURT, Germany /Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato / Simulation, opentopomap, Stellarium sunearthtools

Der Stier von Knossos

Rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos, Foto Bernard Gagnon

Knossos, das übersetzt der Palast bedeutet, liegt ungefähr 5 Kilometer südlich von Iraklion, in Sichtweite des Giouchtas und dem Profil des `schlafenden Zeus. Der Palast wurde hier auf den Ruinen einer viel älteren Kultur errichtet, deren Spuren bis ins 4. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Wissenschaftler vermuten heute, dass Einwanderer aus Kleinasien während der neolithischen Revolution die Insel besiedelten. Erst am Ende des 3. Jahrtausends sind dann einzelne Königreiche entstanden, deren Zeugen die Paläste von Phaistos, Malia oder Knossos sind. Jedoch ist der Palast von Knossos der größte unter diesen Anlagen. Der Name Knossos ist mit dem Mythos des Mino- taurus verbunden, der die Menschen bis heute erschaudern lässt. Doch der von Homer verfasste Text der Erzählung entstand aber erst 700 Jahre nach der Zerstörung des Palastes. Sie beginnt mit einem weißem Stier, den der Gott Poseidon König Minos schenkte und ihm auftrug Zeus zu opfern. Der jedoch trieb ihn in seine Herde und opferte stattdessen einen gewöhnlichen. Der Zorn des Zeus traf Minos unmittelbar in dem er bei Minos Gemahlin Pasiphaë eine Begierde nach dem Tier entfachte.

Pasiphaë und der Minotaurus, Foto Bibi Saint-Pol

Die ließ sich dann vom königlichen Baumeister Daidalos eine mit Fell überspannte Holzkuh anfertigen, in der sie sich dem göttlichen Stier unbemerkt nähern konnte. Mit ihm zeigte Pasiphaë dann den menschenfressenden Stiermenschen Minotaurus. Minos ließ dieses Ungeheuer aber nicht töten, sondern von Daidalos ein sicheres Versteck errichten. Als Minos Sohn eines Tages bei einem Wettkampf getötet wurde, nahm er dies zum Anlass von den Athenern jährlich 7 Jünglinge und 7 Jungfrauen zu fordern, die dem Minotaurus geopfert wurden. Erst dem attischen Prinzen Theseus gelang es dann das Ungeheuer zu töten.

`Thronsaal´ von Knossos, Foto Olaf Tausch

Wie alle Anlagen aus der frühen Epoche der minoischen Kultur wurde auch Knossos während eines schweren Erdbebens um 1700 v. Chr zerstört, aber später wieder neu ausgebaut. Diese Naturkatastrophe markierte die Zäsur zwischen den Epochen der älteren und der jüngeren Palastzeit. Auf den Mauern der alten Paläste wurden neue errichtet und Knossos wurde während einer darauf folgenden Blütezeit wahrscheinlich zu einem wirtschaftlichen und religiösen Zentrum der Insel. Der Palast umfasste fast 1300 Räume, die meist in Clustern zusammengefasst waren. Sie wurden durch vier verwinkelt angelegte Gänge mit aufwendig gestalteten Treppenhäusern erschlossen. Dieses Konglomerat aus Räumen besaß aber keine einheitliche Fassade, wie auch eine Befestigung des Palastes fehlte. Doch der rechtwinklig geformte Innenhof entspricht nicht der amorphen Struktur des Gebäudes. Er wurde direkt über der ersten neolith- ischen Siedlung errichtet, was bereits in der Vergangenheit Spekulationen über die Gründe seiner Anordnung auf einer der Keimzellen der minoischen Zivilisation weckte.

Die Ausrichtung des Palastes

Die Länge des Hofes beträgt 53m und seine Breite 28m, Maße deren Symbolik nur bei genauerer Betrachtung erkennbar sind. So öffnet das Seitenverhältnis von 36Teilen zu 19 Teilen die Tür zu einer möglichen Interpretation, die auch mit der Ausrichtung der Anlage korrespondiert.Sie Zahl 36 beweist hier auf den Vollkreis und damit auch auf den Zyklus des Sonnenjahres. Auf einen anderen Zyklus verweist die Zahl 19 , denn 19 Jahre dauert der nach dem griechischen Astronomen Meton benannte Zyklus der exakt 235 Mondmonaten entspricht. Doch die Zahl 19 verkörpert auch eine Urform der Zahlensymbolik, die Trinität. Diese 19 erscheint auch in einem gleichseitigen Dreieck, wenn auf allen drei Seiten die Zahlen 1 bis 9 mit 9 Punkten angetragen werden. Somit entstehen auch 9 Strecken und die Zahl 10 bildet dann den Mittelpunkt dieses Dreieckes. Alle Elemente addiert, ergeben dann die Zahl 19.

Symbolik der Zahl 19

Diese Längsrichtung des Hofes weist auf die Letztsicht des Sirius während  Herbst-äquinoktiums. Eine der häufig anzutreffenden Wandmalereien in Knossos zeigt den minoischen Stiersprung. Bei dieser kultischen Handlung sprangen Männer wie Frauen in Längsrichtung über den Stier. Ein heute umstrittene Rekonstruktionszeichnung des Archäologen Evans zeigt den Sprung und seine Bewegungsphasen. Dabei fasst der Springer den galoppierenden Wildstier zunächst am linken Horn. Durch die Kopfbe-wegung des Stieres wird der Springer dann angehoben und schleudert sich mit einem Salto über den Rücken des Stieres. Diese kultische Bedeutung des Stieres lässt auch auf seine Bedeutung als Zeitzeiger schließen. Dies verdeutlicht die Querrichtung des Hofes mit seinen 19 Teilen, in der 36 Tage vor der Wintersonnenwende, einer Zeit ver- gleichbar mit den römischen Brumalien, die Erstsicht des Sternes Aldebaran aus dem Sternbild Stier möglich war.  In Gegenrichtung war zu dieser Zeit dann der Untergang der Plejaden im Westen zu beobachten. Aber auch der Giouchtas scheint in das Konzept des Palastes einbezogen worden zu sein, denn von hier war während des Frühlingsäquinoktiums der Untergang des Sirius über dem Profil des `schlafenden Zeus´ zu sehen. Damit war der Palast eingebunden in eine Ordnung aus Raum und Zeit die das Sternbild des Stieres vermittelte.

Bilder: Wikipedia, Rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos, Foto Bernard Gagnon, CC BY-SA 3.0 / Pasiphaë und der Minotaur, Attisch-rotfigurige Kylix des Settecamini-Malers, 340–320 v. Chr., Cabinet des Médailles, Paris, Foto Bibi Saint-Pol, `Thronsaal´ von Knossos, Foto Olaf Tausch / Simulation Stellarium/  Zahl 19, https://www.decemsys.de/reflexio/islam/zahl19-im-koran.htm

Die Hirnschale des Teufels

Die Hirnschale des Teufels in Nagold

In der kleinen Stadt Nagold im Schwarzwald befindet sich ein höchst seltsamer Ort. Dort wurde Kraft einer Landesverordnung die Hirnschale des Teufels unter Naturschutz ge- stellt. Auf diese Weise sollte die reich strukturierte Landschaft auf einer Anhöhe im Süden der Stadt vor Veränderungen bewahrt werden. Dass hier ausgerechnet das Krankenhaus der Stadt errichtet wurde, ist wohl als eine Ironie der Geschichte zu wert- en und nicht jenen geheimnisvollen Kräften des Teufels zuzuschreiben, von denen eine Sage aus Nagold erzählt. Sie berichtet, wie der Teufel eines Tages dort mit einem furchtbaren Getöse sein Kommen zeigte und damit die gottesfürchtigen Bewohner auf sich aufmerksam gemacht hatte. Aufgeschreckt von dem Lärm machten die sich mit Beilen und Mistgabel auf den Weg den Teufel abzuwehren. Auf dem Lemberg ent-deckten sie, wie der sich durch die Erde nach oben arbeitete und schlugen sofort auf ihn ein. Da ihm die kräftigen Schläge so der wackeren Nagolder so zusetzten, ließ er von seinem Vorhaben ab in die Stadt einzudringen, doch der Berg war fortan steinig und unfruchtbar. Heute wird der Ursprung der Sage in einem Scherz über diesen unfruchtbaren Berg gesehen. Der Kern dieser Erzählung führt aber zur Entwicklung einer Gestalt, die die Menschen des Mittelalters in Angst und Schrecken versetzte.

Waldstreifen unterhalb des Kreiskrankenhauses. Foto Friedi13

Der Name Teufel stammt aus dem Altgriechischen, wo er Diábolos, genannt wurde, der `Durcheinanderwerfer‘, im Sinne von Verwirren. Im Christentum und dem Islam wurde seine Gestalt dann als das personifizierte Böse betrachtet. Als gefallener Engel, der gegen Gott rebellierte, bekam er den Namen Luzifer, was übersetzt der Lichtträger be- deutet. Die Bezeichnung ist verwirrend, denn im Petrusbrief ist der Lichtträger der Morg- enstern, die Venus und wird als das Zeichen der Verheißung bezeichnet. Auch in der Offenbarung des Johannes bezeichnet sich Jesus noch selbst als den Morgenstern. Erst als die Schriften des antiken Kirchenvaters Origines im 6.Jhd. Anerkennung fand- en, änderte sich die Bedeutung des Namens Luzifer. Nun gewannen altestamentarische Texte die Oberhand, in denen Luzifer mit dem Bösen in Verbindung gebracht wurde.

Kirchenvater Augustinus und der Teufel, Michael Pacher um 1471

Texte, wie das Lukasevangelium, in denen Jesus den Satan in einen Blitz vom Himmel fallen sieht, formten dann das Bild des personifizierten Bösen. Im späten Mittelalter entstand dann neben der Gestalt des Satans auch die Vorstellung von dessen Wohnort, der Hölle. Sie hat ihre Ursprünge in der griechischen Legende, wo der Höllenhund sie Kerberos bewachte. Er wird als schwarze, dreiköpfige Gestalt beschrieben, der todbringender Speichel aus der Lefze tropfte. Dieses Motiv des Hundes tauchte in den Mythen nicht nur als Wächter der Unterwelt auf, sondern ebenso als Begleiter der Seelen Verstorbener, der die in diese führt. Dieses Bild des Hundes zeigt sich auch in Osiris, den ägyptischen Gott des Jenseits und Totenrichter, der sich im Sternbild des Orion verkörperte. Er wird von zwei Hunden begleitet, von denen einer das Sternbild Großer Hund darstellt, Sirius, der hellste Stern des Großen Hundes, canis mayor, ist zugleich auch der hellste am Nachthimmel. Bei den Römern kündigte der Hundsstern immer die heiße Jahreszeit des Sommers an. Ein alter Brauch war es zu dieser Zeit, dem Hundsstern rote Hunde,die Molosser zu opfern.

Altpersische Darstellung eines Molossers aus Persepolis, Foto  Philippe Chavin

Damit führten die Römer aber nur weiter was Homer bereits im 6. Jhd. v. Chr. in seinem Werk Ilias schrieb. Dort steht im 22. Kapitel: `Welcher Orions Hund genannt wird unter den Menschen; Hell zwar glänzt er hervor, doch zum schädlichen Zeichen geordnet, Denn er bringt ausdörrende Glut den elenden Menschen´  Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte der griechische Bauerndichter Hesiod in seinem Lehrgedicht Werk und Tage den Stern Sirius mit Seirios bezeichnet. Eine Deutung über die Herkunft des Namens ver- weist auf die Mythologie der Sirenen, den Seiren. Sie werden als betörenden Misch- wesen geschildert, die Seefahrer anlockten um ihr Blut zu trinken. Doch diese frühe Form eines teuflischen Wesens hatte aber auch noch eine ganz andere Bedeutung. Die beschrieb Hesiod in seiner Schrift Werk und Tage als Kalenderstern, an dessen Auf- gang der Landmann seine Tätigkeit ausrichten konnte. Im alten Ägypten war dies ja seit Jahr- tausenden der Fall, denn dort kündigte der Aufgang des Sirius vor der sonne die jährliche Nilflut an. Als Kalenderstern konnte der Hundsstern Sirius aber auch in Nagold betrachtet werden. Dort ging er noch im 17. Jahrhundert am Abend des Frühlingsäquin-oktiums exakt im Süden, über der Hirnschale des Teufels auf und erinnerte damit an die vorchristlichen Frühlingsfeste. Während des Herbäquinoktiums wiederholte sich dieses Schauspiel, doch da verblasste der Hundsstern am Morgen über dem östlichen Rand der Hirnschale.

Sirius über der hirnscale des Teufels

Eine Woche vor diesem Ereignis wird der Tag Kreuzerhöhung gefeiert. Dieses Kreuz schließt den Kreis der Erzählung vom Baum des Paradieses. Von ihm kam der Tod und vom Baum des Kreuzes erstand dann das Leben, in dem der Feind, der Teufel, besiegt wurde. Von der Stadt aus gesehen, geschah dies während des Herbstäquinoktiums, denn dann wurde der Teufel in Gestalt des Sirius besiegt, in dem ihn die Sonne am Morgen verblassen ließ. Nur seine Hirnschale blieb zurück. Dass Sirius, mit der Bezeichnung Meerstern, gleichzeitig zum volkstümlichen Symbol Marias wurde, ist wohl den unterschiedlichen biblischen Interpretationen, der sich nicht immer wohlgesonnenen Kirchenväter zuzuschreiben.

Bilder: Wikipedia / Der Waldstreifen unterhalb des Kreiskrankenhauses ist der nordwest-liche Ausläufer des Naturschutzgebiets, Foto Friedi13 , CC BY-SA 4.0 / Kirchenvater Augustinus und der Teufel, Michael Pacher – The Yorck Project (2002) / Altpersische Darstellung eines molossoiden Hundes aus Persepolis, Foto Philippe Chavin (Simorg) / Simulation, stellarium, opentopomap

Wilhelm Hauff und sein Riese Heim

Wilhelm Hauff nach einem Gemälde von J. Behringer, Pastellkreide 1826

In der kurzen Zeit seines Lebens schuf der Stuttgarter Schriftsteller Wilhelm Hauff einen farbenprächtigen Kosmos an fantastischen Erzählungen und Märchen. Die Orte der Er- zählungen lagen auf dem Mond, im Orient, aber auch an heimischen Plätzen im Schwarz- wald oder auf der Schwäbischen Alb. Dort hatte es im eine Ruine besonders angetan, der Reußenstein. Ihre Entstehung erklärte er mit einer Volkssage, die weit mehr als eine erbauliche Geschichte darstellt. Schon die Beschreibung des Reußensteins, von dem Hauff erzählt, dass er auf einem jähen Felsen liegt und dort keine Nachbarschaft habe außer den Wolken und den Mond, weist auf einen entrückten Ort hin.. Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man sich der Ruine aus Neidlingen kommend nähert und sie com Tal aus, auf dem Felsenturm erblickt.

Blick von Südwesten auf die Ruine Reußenstein, Foto Stefan Karl

Noch immer ist dieser besondere Ort Tag-täglich das Ziel von Wanderern und Kletterern, die sich an dem Felsenturm erproben. Oben angelangt, glaubt wohl jeder Besucher, dass, diese Mauern nur durch außergewöhnliche Umstände zustande gekommen sein konnten. Hauff, der vorgab, hier eine noch ältere Sage niedergeschrieben zu haben, erzählt hier von einem Riesen. Der lebte in der im westlich gelegenen Höhle unterhalb des Heimsteines. Er hatte unermessliche Goldschätze angehäuft und wollte eines Tages ebenso schöne Burg besitzen, wie die übrigen Ritter des Landes. Da er selbst aber nicht bauen konnte, rief er die Handwerker des Landes zu sich, damit sie ihm auf dem Reußenstein eine Burg bauten. Die aus allen Orten herbeigeeilten Meister und Gesellen bauten was der Riese ihnen auftrug. Als er schließlich einzog, entdeckte er voller Grimm m obersten Fenster ein- en fehlenden Nagel. Die Schlosser, die ihn vergaßen entschuldigten sich und versprach- en ihn einzuschlagen. Die wildesten Burschen, die sich dafür anboten hatten den Nagel einzuschlagen, traten von der Aufgabe zurück als sie vom Fels in den Abgrund blickten. Nach dem die Meister den 10-fachen Lohn boten, trat ein armer Geselle auf, der sich das Geld verdienen wollte um seine Liebste heiraten zu können. Der hartherzige Vater der Braut willigte nun in die Verbindung ein, denn er hoffte insgeheim, dass sich der Geselle bei der Arbeit den Hals brechen würde. Doch der Geselle hatte Glück. Er weckte den Riesen, der ihm mit seinem kräftigen Arm über den Abgrund hielt damit er so den letzten Nagel einschlagen konnte. Am Ende erhielt er seine Braut erhielt und vom Riesen auch noch die Burg als Geschenk.

.Burgruine Reußenstein, Blick aus einem der Höfe 2016, Foto Ursus minor

Mit dem Riesen, dem Fenster, dem Nagel und auch den Handwerkern verwendet Hauff Motive, die einen vielschichtige Symbolik besitzen. Seit alters her hat der Nagel die mythische Bedeutung auch etwas Immaterielles zusammen zuhalten. Schon die Römer schätzten seine zeichenhaften Charakter, in dem an der Stelle, wo sich auf dem Kapitol die Tempel der Minerva und des Jupiter berührten, jedes Jahr der heilige Nagel eingeschlagen wurde. Im Christentum dienen die 5 Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, der Erinnerung an das Leid, das er auf sich genommen hatte. Auch das Motiv des Fensters stammt aus dem christlichen Kontext, der dem studierten Theologen wohl vertraut war. Im Christentum gewann das Fenster eine besondere Bedeutung, denn es erlaubte dem göttlichen Licht ins innere des Kirchenschiffes zu dringen, dem Symbol der Gemeinde. Licht war sorgte somit für die Erkenntnis auf dem Weg zu Gott Auch die Handwerker, die in fast allen Erzählungen Hauffs auftauchen, haben hier eine symbolische Bedeutung. Für Hauff war Handwerk nicht nur Arbeit, sondern forderte durch die Beanspruchung der Sinne, den Geist, die Ethik und die Kraft des Menschen.

Der Riese Orion über dem Heimenstein

Die Heimensteinhöhle, der Wohnort jenes Riesen Heim, gilt als Rest eines erodierten Wasserlaufes im oberen Kalkgestein der Schwäbischen Alb. Schon damals war Sie eine Durchgangshöhle, deren Eingänge einen Höhenunterschied von 20 m aufwiesen. Doch ihre Lage und Ausrichtung ist bestechend, denn vom unteren Zugang aus kann man den Sonnenauigang über dem Reußenstein am 11. April beobachten. Die einstige Bedeutung dieses Tages ist längst vergessen. Erahnen lässt sie sich höchstens noch am Gedenktag des Ezechiel, einem der drei große biblischen Schriftpropheten, dem am Tag zuvor gedacht wird. Schließlich war er der erste, der ausführlich über seine Sichtung von Gottes Thronwagen schrieb. In Rom wurde der Tag noch gefeiert, dessen Bedeutung schon damals auf viel ältere Kulte zurückgeführt wurde.Der 11. April war das Ende der Ludi Megalenses, des Festes des Staatskultes der Magna Mater, das 7 Tage lang gefeiert wurde

Burgruine Reussenstein vom Heimenstein aus, Stahlstich aus der Zeit um 1845

Das Datum wurde wohl nicht zufällig gewählt, denn dies ist zugleich der 111. Tag nach der Wintersonnenwende. In dieser Zahl zeigt sich das göttliche Prinzip gleich dreifach. In der 1 erscheint sie als göttliche Kraft sowie als Symbol für den Beginn der Schöpfung. In der Quersumme drei wird sie dann zum Zeichen einer göttlichen Trinität. Wie die 1 für den Beginn steht , so steht die 3 für die Vollendung.  Jedem Beginn folgt so auch der Tod und an ihn erinnert der 111.Vers der Bibel. Somit dürfte auch die Bedeutung beider Orte viel weiter zurückreichen, und die Höhle für die frünen Bewohner der Alb eine kultische Bedeutung bessen haben. An die Vergänglichkeit, den Tod und die Unterwelt erinnerte im 19. Jahrhundert aber auch ein himmlisches Schauspiel über der Heimsteinhöhle. Blickte man am Morgen von Hauffs Geburtstag auf vom Reußenstein zum Heimenstein, so ver- blasste dort jener himmlische Riese Orion, der bereits die Legenden Babylons bestimmte. Kurz vor Sonnenaufgang trat er über der Höhle die Reise in seine Heimstatt die Unterwelt an. Somit wurde der Ort gleich doppelt seiner Bedeutung gerecht. Als Heimstatt des Riesen und mit ihm ein Blick auf Hauffs Spiegelbild. Wie Orion, hatte Hauff bereits in jungen Jahren viel Ruhm erworben und konnte sich so wohl zurecht als literarischer Riese betrachten.

Bilder: Wikipedia / Wilhelm Hauff nach einem Gemälde von J. Behringer, Pastellkreide 1826, J. Behringer – Klaus Günzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995, gemeinfrei / Blick von Südwesten auf die Ruine Reußenstein, Stefan Karl , CC BY-SA 4.0 / Blick aus einem der Höfe 2016, Foto Ursus minor / Simulation sunearthtools, opentopomap / stellarium