Bern, die Stadt des guten Hirten

Luftbild Dinkelsbühl (Bayern), aufgenommen von einem Zeppelin, Postkarte 1920

Im Vergleich zu den Planstädten der Renaissance und des Barock erwecken Städte des Mittelalters mit ihren gewundenen Straßen oft den Eindruck einer organisch gewachs- enen Struktur. Ihre polygonal verlaufenden Stadtmauern offenbaren auf den ersten Blick keine größeren Gesamtplan, wie dies bei späteren Gründungstädten der Fall ist. Erst die Studien des Freiburger Professors Humpert offenbarten, dass es auch bei der Stadtentwicklung von mittelalterlichen Städten ein planvolles Vorgehen gegeben haben musste. Ausgehend vom Plan der Stadt Freiburg, fanden er und sein Co-Autor auch in anderen Städten Hinweise dass die Gründungsstädte mit Hilfe geometrischen Figuren entwickelt wurden.

Villingen Baufluchten der großen Marktstraße, Klaus Humpert

Vor diesem Hintergrund interpretierte er die meist gekrümmten Straßenverläufe der Städte, wie auch deren Kreuzungspunkte als das Resultat von rationalen Messver-fahren. Nach seinen Überlegungen diente ein sogenannter „campus initialis“, ein Planrechteck als Bezugspunkt aller Messungen, denen dann ein meist geometrisches Muster zu Grunde lag. Doch die aufwendige Beweisführung ergibt in den wenigsten Fällen ein schlüssige Erklärung für die geometrische Auslegung der Städte. Die Überlegung, einen Stadtplan allein mit Maßschur und Richtscheit zu entwickeln ist doch zu sehr von einer zeitgenössischen Denkweise geprägt. Sie ist weit entfernt von einer Vorstellung die noch fest an eine Verbindung von Schicksal und dem Einfluss der Gestirne glaubte. Sie gewann um so mehr an Einfluss, Dank der aus dem mozarab-ischen Raum importierten Literatur zur Sternkunde.Auch unter den frühen Kirchen-lehrern herrschte trotz der offiziellen Ablehnung der Sternenkunde, größte Uneinigkeit über deren Anwendung. So sah der im 2. Jhd. lebende Kirchenlehrer Origenes in wechselnden astronomischen Konfigurationen eine von Gott geschaffene, aber nur für die Engel und seligen Geister lesbare Geheimschrift. Ebenso glaubte er, dass die Sterndeutung in einer Tradition stand, die bis zu dem Erzvater Abraham, dem chald-äischen Sterndeuter zurückreichte. Dagegen war der chistlich-römische Advokat Tert- ullian ein entschiedener Gegner der alten Wissenschaft der Sterndeutung. So war Terullian der Ansicht, dass seit dem Erscheinen von Christus keine Notwendigkeit mehr bestand, die Sterne zu deuten. Diese Sicht prägte zumindest die offizielle Haltung der Kirche, doch an der Westgrenze der christlichen Welt, dem mozaraboschen Spaniens hatte sich in Toledo ein Zentrum der Astronomie und Astrologie entwickelt. Hier wurde antike Texte neu übersetzt und mit eigenen Beobachtungen ergänzt. Von Toledo aus gelangten diese Schriften dann nach Mitteleuropa, wo sie auf großes Interesse stießen.

Berner Münze mit Bär, um 1274, Autor unbekannt

Bern und der Bärenhüter

So hatte das Sternbild des Bärenhüters neben der symboischen Bedeutung des Hirten auch einen Stern, dem günstige astrologische Einflüsse zugeschrieben wurden. Dabei  versprach der Stern Arctorus versprach eine ganze Reihe von Wirkungen, die einer neu gegründeten Stadt nur zuträglich sein konnten. Bereits der im 2. Jhd. Lebende Univer-salgelehrte Ptolemäus sprach Arcturus eine Wirkung zu, die Mars und Jupiter gleich-kommt. Auch in der Astrologie des Mittelalters zählte der Stern zu den Behanian Sternen denen magische Fähigkeiten zugesprochen wurden. Sein Wirkung wurde dem Jaspis und dem Wegerich gleichgesetzt. Jaspis, der als Mutter der Edelsteine gilt, wird bereits in der Bibel lobend erwähnt. Gemäß den Erzählungen soll er den Grundstein der Stadt- mauer und des Tempels von Jerusalem gebildet haben. Die Wirkung des Jaspis sollte zudem vor Krankheiten schützen und zugleich Herz, Geist und Verstand stärken. Für die eine Stadt des Handels bot Arcturus, in Vereinigung mit der mythischen Bedeu- t-ung des Bärenhüters also eine Menge positiver Aspekte, deren Wirkung wohl bis heute anhält. Die Form des ehemaligen, von den Plejaden bestimmten Brenodurum änderte sich mit hilfe des Bärenhüters in Gestalt des guten Hirten. So wie zu dieser Zeit am Morgen von Mariä Verkündigung am Himmel zu sehen war, prägte er nun das neue Stadtbild und dessen Straßenführung. Dieses Fest hatte die früheren paganen Früh- lingsfeste ersetzt. Damit bietet das Bild Berns auch eine in sich schlüssige Erzählung, denn Mariä brachte gemäß den biblischen Texten einst den guten Hirte zur Welt Hirte, der nun über die Stadt wachte.

Bilder: Wikipedia/ Luftbild Dinkelsbühl (Bayern), aufgenommen von einem Zeppelin, Postkarte 1920 /Bird’s view of Dinkelsbühl (Bavaria) taken from a Zeppelin airship. Postcard from the 1920s.Verlag Paul Schön & Co., Germany,

Villingen: Bern Siegel, Links Berner Stadtsiegel von 1224, rechts Münze , Autor unbekannt– ht//www.ngw.nl, Offizielles Wappenlexikon Abbildung 7: Konstruktion der Baufluchten der großen Marktstraße, Obere- und Niedere Straße, nach Klaus Humpert: Mit möglichst flachen Bögen, am liebsten in S-Form, werden die Baufluchten der Hauptstraßen überformt. Quelle: Villingen 999-1218, S. 266. ,Klaus Humpert, Entdeckung der Mittelalterlichen Stadtplanung

Bern: Kate Stadt Bern, Stellarium, sunearttools

Brenodurum und der Bärenkult

Luftaufnahme der Berner Innenstadt, Juni 2005, Foto de:Benutzer:Reaast

Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. gab es auf der Engenhalbinsel eine keltische Siedlung, Sie trug den Namen Brenodurum und hatte eine Ausdehnung von annähernd 130 ha, Damit zählt sie zu den großen, bislang bekannten keltischen Oppida, wobei die Fläche etwa 1/10 der Fläche der größten keltischen Siedlung Heidengraben hatte. Nach der Eroberung des Gebietes durch die Römer verlor Brenodurum seine Bedeutung, den- noch blieb es als gallo-römischer Vicus ein regionales Zentrum. Den Ursprung dieses Namens sieht eine Theorie im altirischen Wort bár, das übersetzt Weiser oder Anführer bedeutet. Zusamen mit der Silbe en, dem Wasser, und durum, der Burg, würde der de Ortsname dann `die Burg des Weisen am Wasser´ bedeuten. Gerade der Bär verkörpert in zahlreichen Mythen nicht nur die allseits bekannte Stärke, sondern ebenso auch hellseherische Kräfte und Weisheit.

Lageplan Oppidum Brenodurum, Institut für Archäologische Wissenschaften, Univ. Bern

Diese mythische Eigenschaft verweist auch auf den im Oppidum vermutetet Bärenkult. Im Jahr 1983 bei einem gallo-römischen Tempel entdeckte Relikte, wie ie eines Bären-schädels formten das Bild vom Kult der keltischen Bären – und Fruchtbarkeitsgöttin Artio. Deren Darstellung wird in der bei Muri gefundenen Bronzeplastiki vermutet. Die 28 cm große Bronzeplastik stell zeigt eine sitzende Frau mit einem Fruchtkorb die mit einem Bär zu sprechen scheint. Der steht in gespannt, interessierter Haltung unter einem knopsenden Baum. Der Fruchtkorb, wie auch der Ausdruck des Bären verweisen auf eine weite weitere Bedeutung des Wortes ber. So gab es im keltisch-slwaischen Raum das Wort ber, brend oder auch brenk, die alle Vorformen des heutigen Wortes brennen waren. Doch in diesem Wort waren einst mehrere Bedeutungen unterlegt, wie brennen, glühen, leuchten, oder auch glänzen.

Artio-Plastik aus Bern, Foto Sandstein

Diese Bedeutung, wie auch der Fruchtkorb der Artio-Plastik spiegeln sich auch im Um- riss des Oppidums wider, das auf den ersten Blick die Assoziation einer Streitaxt erweckt. Vergleicht man den Umriss aber mit der Geometrie der Pljeaden so deckt er sich mit der Geometrie des Siebengestirnes. Es zählt zu den ältesten Gestirnen, das die Menschen abgebildet haben. So finden sich die Pljeaden in den Höhlemalereien von Lascaux, wie später auch auf der Himmelsscheibe von Nebra. Vergil schrieb, dass das Gestirn für Griechen und Römer ein wichtiger Zeitgeber für die Feldarbeit war. So markierte der Frühuntergang ab Anfang November den Zeitpunkt der Feldbestellung und der Frühaufgang Ende Mai den Zeitraum der beginnenden Ernte. Auch der griech-isch-römische Geschichtsschreiber Flavius-Josephus erwähnte die Plejaden, denn ihr Frühuntergang offenbarte den Zeitpunkt des einsetzenden Regens, der nach der Dürre des Sommers die Feldfrüchte wieder gedeihen ließ. Auf die Bedeutung des Sieben-gestirns gür die Feldarbeit, verweist auch die Mythologie der 7 verstirnten Nymphen hin. Sie alle sind die Kinder des Titanen Atlas, der die Erde auf seinen Schultern trägt und der Okeanide Pleione, der Tochter der Okeanos, des personifizierten Urstromes der Erde. Doch die Peljaden bieten wieder eine Verbindung zum Mythos des Berner Bären, denn laut der Legende waren sie de ständigen Begleiterinnen der Göttin Artemis. Ihr Name wurde in der Antike keinesfalls einheitlich geschrieben. So gab es neben der bekannten, auch auch die Schreibweise artemḗs, das „heil und gesund bedeutet. Ebenso gab es Namensvarianten wie Arktemis und Arktemisa, die dem griechischen Wort árktos der „Bär“ glichen.

Brenodurum und die Stellung der Plejeaden, um 200 v. Chr.

Ein mit ihr verbundener Bärenkult ist auch in ihrem Heiligtum in Bauron belegt, der seine Paralellen in den nordischen Bärenkulten hat. Vor dem Hintergrund der Plejaden bietet sich nun auch eine Erklärung für die Namensinterpretation Burg des Wesen Anführers. Kein König oder ein Fürst ist hier gemeint sondern das Siebengestirn, das mit seinen Aufgängen die wichtigen Zeitabschnitte des Jahres markierte. So markierte In Ber- endurum sie die Grenze des Oppidums so, wie sie am Abend der Winterson-nenwende am Himmel auftauchten. Damit verweist Berendurum auch auf die Bedeutung der Plejaden bei der Entwicklung der ersten Schriftsysteme in denen das A die Form eines Ochsenkopfes hatte. Als Zeitmarker des Frühlings markierte eins das Gestirn den Auftakt des Jahres wie auch den Beginn eines Alphabets.

Bilder: Wikipedia / Luftaufnahme der Berner Innenstadt, Juni 2005, Foto de: Be- nutzer:Reaast , Wikipedia gemeinfrei / Lageplan Oppidum Brenodurum / Kelten und Tömer auf der Engenhalbinsel -Universität Bern, Institut für Archäologische Wissen-schaften Abt. für Ur- und Frühgeschichte & Archäologie der Römischen Provinzen, Artio-Plastik aus Bern, Foto Sandstein, CC BY 3.0 – Brenodurum und die Stellung der Plejeaden, um 200 v. Chr., Stellarium, Lageplan Oppidum Brenodurum, Institut für Archäologische Wissenschaften, Univ. Bern

Teil 3 – Bern und die Stadt des Guten Hirten

Der Mythos von Bern

Kramgasse in Bern, Foto Daniel Schwen

Über die Entstehung des Namens Bern gibt es zahlreiche Erklärungsansätze.. Einer der sprachlich begründeten Ansätze aus dem Lexikon der schweizerischen Gemeinde- namen sieht die Entstehung des Namens Bern im althochdeutschen Verben berja, das schlagen bedeutet. Inzwischen wird dieser Ansatz aber als nicht haltbar angesehen. Eine jüngere Deutung aus dem späten 19.Jahrhundert sieht auch den Bezug von Bern und Verona, das im Mittelalter noch das welsche Bern genannt wurde. Gemäß dieser These, hatte der Stadtgründer Berchtold V. die neu gegründete Stadt Bern nach der früheren, von den Zähringern besessen Markgrafschaft Verona benannt Doch eine Er- klärung gilt bis heute und sie hat sich im Stadtbild, dem Wappen und in de Identität der Stadt niedergeschlagen. Zum ersten mal wie die Legende vom Berner Bär in der Justingerchronik erwähnt. Sie entstand nach einem Ratsbeschluss im Jahr 1420. In ihr sollten die vergangenen großen Ereignisse der Stadt aufgeschrieben werden. Der in Rottweil geborene Stadtschreber Justinger erhielt dazu den Auftrag, diese Ereignisse in Ukunden und Briefen zu erforschen und niederzuschreiben.

Berthold V. in der Darstellung des Berner Zähringerdenkmals, Foto DrTW

Gemäß den Aufzeich-nungen Justingers hat der Stadtgründer Herzog Berchtold V. einst gelobt die Stadt nach dem ersten, von ihm in den Wldern erlegten Tier zu benennen und das war ein Bär. in der keltisch-gemanischen Kultur war der Bär eine wichtige Symbol-gestaltr Es wird vermutet, dass er sich auch in der keltischen Bärengöttin Artio ver- köperte, Diese Göttin über de es nur wenige Relikte gibt, war die Göttin der brach-liegenden, bewaldeten Erde, wie auch der schwangeren und stillenden Mütter. Eine kraftstrotzende große Bärin strahlte einen furchteinflößenden Respekt aus, so daß die Bärengöttin auch die Aspekte Schutz und Verteidigung.

Artio-Plastik aus Bern, Foto by Sandstein

Parallelen gibt es zur griechischen Göttin Artemis, die laut der Legende ebenso in einer Bärengestalt erscheinen konnte. Sie galt auch als Herrin der Tiere. Trotz dieser mythologischen Bedeutung des Bären in Gestalt eine großen Mutter war der Bär in der mediterranen Vorstellung das Sinnbild ungebändigter Wildheit und prägte damit das Bild der Germanen. Auf Grund ihrer Kampfeskraft erhielten sie einst den Beiname der alles verwüstende Berserker. Diese Sicht der römischen Geschichtsschreibung prägte auch die frühe biblische Symbolik des Bären. In Texten wird er mehrmals als gefährliches Tier erwähnt. Nur mutige Gaubensverkünder, wie der heilige Gallus vermochten den Bär zu bezwingen und ihn fü sich dienstbar zu machen. Diese Legende vom erlegten Bären prägte fortan das Gesicht Berns, denn bereits 21 Jahre nach dem Erscheinen der Chronik gibt es eine Nachricht über von einem Bärengraben in der Stadt, in dem mehrere Bären gehalten wurden. Auch im Jahr 1513 ist in Bern wieder von Bären die Rede, als der Chronist Valerius Anshelm berichtete, dass die Berner nach der Schlacht von Novara nicht nur die Fahnen der Besiegten mit nach Hause brachten, sondern auch einen Bär. Obwohl der besiegte Bär die Kräfte seines Bezwingers widerspiegelte nahm das Tier keinen unmittelbaren Platz in der christlichen Symbolsprache ein. So stellt sich die Frage, weshalb ausgerechnet dieses Tier, das Berserkern den Name gab, zum Sinnbild einer Stadt wurde.

Das Wappen von Bern und der Bärenhüter am Abend von Petri Stuhl (Kathedra Petri)

Ein Blick in dem Himmel führt hier zu einer ersten Erklärung. die die komplexe Idee des Berner Bären zeigt. Als Sternbild umkreist der Große Bär den Himmelspol zirkumpolar, wobei eine Seite des Sternbildes auf den Schwanz des kleinen Bären weist, an dessen Schwanzende der Polarstern sitzt. Somit verkörpert der große Bär als Sternbild die Aspekte der Stetigkeit und der Orientierung, beides Fähigkeiten die auch ein Städte-gründer benötigt. Doch all dies ist im himmlischen Schauspiel auch ein Verdienst des Bärenhüters, der dem Bären folgt. Betrachtet man aber das Wappen der Stadt genauer spiegelt dies aber nicht den Bären wieder, sondern den mystischen Bärenhüter. Bis in Einzelteile deckt sich das Wappen mit der Lage seiner Sterne, so dass der hellste und kräftigste Stern Arktur auch da sitzt, wo auch der Bär seine Kraft weitergibt, seinem Penis. Sein Stern Nekkar, liegt dort wo der Bär seine kraftvolle Tatze hebt und der fünfthellste Stern des Bärenhüters, der im Arabischen der Rinderhirte bedeutet bildet den Kopf des Berner Bären. Diese Bezeichnung reicht weit zurück in die Geschichte des Orients, wo das Bild des Guten Hirten als Sinnbild eines eines verantwort-ungsvollen Hersches gesehen wurde, der sein Volk beschützt, aber auch erzieht. Dies- es Bild des Hirten wurde bereits im frühen Christentum adaptiert. Er galt hier nicht nur als Sinnbild für Christus, sondern auch Fürsten sagen sich nun in der rolle des Guten Hirten. In dieser Haltung, wie im Wappen abgebildet, tauchte der Bärenhüter auch auch am Abend von Petri Stuhl am Himmel auf.. Dies war im Mittelalter ein wichtiger Tag im Bauernkalender und wurde in vielen Gegenden auch als Frühlingsbeginn gefeiert. Also ein durchaus symbolische Geste für eine Stadtgründung.

Teil 2 – Der frühe Berner Bärenkult und die Plejaden / Teil 3 – Die Stadt des Guten Hirten

Bilder: Wikipedia / Kramgasse in Bern, Foto Daniel Schwen ,CC BY-SA 4.0 / Berthold V. in der Darstellung des Berner Zähringerdenkmals, Foto DrTW CC BY-SA 3.0 / Artio-Plastik aus Bern, Foto by Sandstein. Das Wappen von Bern und der Bärenhüter