Carnuntum und der Vindemitor

Idealrekonstruktion der Zivilstadt Carnuntum um 210 n. Chr., Foto Wolfgang Sauber

Carnuntum ist der Name einer römischen Zivilstadt und eines Legionlagers in der Nähe von Bad Deutsch-Altenburg. Die Ansiedlung trug mehrere unterschiedliche, aber ähnlich klingende Namen. Da einer der Namen, carnunto, mit der Grundform auf das keltische Wort carn, Horn oder Trompete verweist, erscheint im Ortsnamen auch das Bild des keltischen Hirschgottes Cernunnos.

Er wurde als Herr der Tiere und des Waldes, wie auch als Gott der Fruchtbarkeit verehrt. Eines der wenigen überlieferten Bilder des Cernunnos befindet sich auf dem Kessel von Gundestrop, wo er zwischen Schlange und Hirsch abgebildet ist.

Kessel von Gundestrup, Sitzende Figur mit Gehörn, Halsband und Schlange in den Händen haltend. Ausschnitt der Innenseite, Foto Nationalmuseet

Dieses Bild verweist auch auf die Abläufe in der Natur. Ein sichtbares Zeichen gibt der Hirsch, dessen Geweihabwurf ab Mitte Februar erfolgt und sich in den anschließenden 3 Monaten wieder erneuert Seine einem Schamanen ähnliche Geste und Haltung hat ihre Vorbilder im asiatischen Raum. Eines stammt aus der hinduistischen Religion, wo Pashupati, also Shiva, als Herr der Tiere und Schutzherr der Tiere angesehen wird.

Beide, Shiva und Cernunnos gleichen sich in den Darstellungen. Eine ganz ähnliche Rolle hatte wohl der in der römischen Provinz Noricum verehrte Mars Latobius, der als Hirten- und Totengott, aber auch als Heilgott galt. Entsprechend seiner Rolle soll der Name „der weithin Gewaltige“ bedeuten.

In Carnuntum verweist das Heidentor im Westen und die anschließende Hauptstraße mit der Ausrichtung auf den Sonnenaufgang am 19. März auf den Bezug zum römischen Mars und der Feier Quinquatrus.

Carnuntum, der Vindemitor(Boötes) und Mars

Damit verknüpfte die Richtung den Kult des römischen Mars mit dem des Cernunnos. Das viertägige Fest Quinquatrus war ursprünglich ein reines Fruchtbarkeitsfest, doch im Laufe der Geschichte wandelte sich der altitalisce Bauerngott Mars zu einem Kriegsgott. Damit wurde das Fest Quinquatrus zu einem wichtigen Bestandteil der römischen Militärreligion. Vor diesem Hintergrund bildete die Kultfeier auch den Auftakt der jährlichen Militäraktionen.

Der Glaube im Römischen Reich war zwar auf die Kapitolinische Trias ausgerichtet, doch unter deren Schutz gediehen auch andere Glaubensvorstellungen. Wie in Noricum, wo dem dort verbreiteten Kult der Göttin Noreia, der norischen Muttergöttin, eine Verbindung zum römisch-ägyptischen Isiskult zugesprochen wird.

Bereits Herodot verwies in seinem Werk Histories auf die Vielschichtigkeit des Isiskultes wo er schrieb: `Denn keine Götter werden von allen Ägyptern gemeinsam verehrt, außer Isis und Osiris, von denen sie sagen, dass sie Dionysos sind; diese werden von allen gleichermaßen verehrt. […] Osiris ist in der griechischen Sprache Dionysos.´ Wie der eingangs beschriebene Cernunnos übte auch Dionysos die Rolle eines Schamengottes aus. In der antiken Mythologie verkörperte er wie kein andre das Prinzip des Todes und der Wiederauferstehung.

Dionysos, der einst durch einen Seitensprung des Zeus entstand, wurde anschließend von Hera verfolgt und in ihrem Auftrag zerstückelten Titanen ihn in 7 Teile und kochten diese. Mehrere Mythen beschreiben dann seine Auferstehung von den Toten. Demeter lässt Dionysos als Weinstock auferstehen, doch im Heiligtum von Delphi vermischt Apollon seine Asche mit der eines Titanen, aus der dann das Menschengeschlecht entsteht.

Bacchus und Ampelos, Lithographie nach einer römischen Statue, Giovanni Domenico Campiglia (1692-1768).

Der Dionysosmythos bietet eine ganze Reihe an Erzählungen, der Dank Ovid´s Werk Fasti, dann mit dem Motiv des von Dionysos geliebten Jünglings Amepelos ihren Höhepunkt finden. So lebt der Name Ampelos heute noch in der Ampelographie, der Kunde vom Weinstock weiter.

Mit einer Meereshöhe von ungefähr 200 m, liegt Carnunutum in einer Landschaft, in der es warme Sommer gibt und deren nährstoffreiche Böden sich gut für den Weinbau eigneten. Den Bezug zum Weinbau und die Verbindung unterschiedlicher Mythologien verkörperte am 5. März, dem Fest der Ausfahrt der Isis(Noreia) das Sternbild des Boötes mit seiner seitenrichtigen Lage im Norden.

In dem Werk Fasti beschreibt Ovid dessen Entstehung so: Der Satyr Ampelos wird der Geliebte des Bacchus, dem griechischen Dionysos. Als Ampelos beim Pflücken von Trauben auf einer an einem Baum gewachsenen Weinrebe abstürzt und dabei getötet wird, versetzt ihn Bacchus als Vindemitor an den Himmel. Damit verkörperte der Sternbild Bärenhüter neben dem Motiv des Hirten, des Pflügers, des Aufsehers des Bären nun noch ein weiteres Bild. Dank Ovid wurde er zum Sinnbild des kosmischen Winzers, oder auch des kosmischen Weinstockes.

Bilder: Wikipedia /Idealrekonstruktion der Zivilstadt um 210 n. Chr., im Zentrum die Forumstherme („Palastruine“) und das Forum, im Hintergrund oben das Amphitheater II , Foto Wolfgang Sauber ,CC BY-SA 3.0 /Kessel von Gundestrup, Sitzende Figur mit Gehörn, Halsband und Schlange in den Händen haltend. Ausschnitt der Innenseite, Foto Nationalmuseet , CC BY-SA 3.0Giovanni Domenico Campiglia (1692-1768), Bacchus cum Ampelo“. Engraving of a Roman statue, gemeinfrei.Carnuntum, der Vindemitor(Boötes) und Mars, eigen

Die Insel des Cernunnos

Bardsey Island, von Braich y Pwll, Lleyn Peninsula, Foto Martin Connoll

Die Insel Bardsey wird im Wallisischen auch Ynys Enlli, die Insel de Gezeiten genannt. Während der Christianisierung hat die Insel wohl auch wegen ihre Vorgeschichte den Namen Insel der 20000 Heiligen erhalten. Die Insel, die seit dem frühen Neolithikum bewohnt war, wandelte sich bereits in den Anfängen des Christentums zu einem heilig- en Ort, als der heilige Cadfan dort im Jahr 516 das Kloster St, Marys errichten ließ. Durch dessen Bedeutung entwickelte sich die Insel Bardsey während des Mittelalters zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte im Norden, der der Bedeutung Roms gleich- kam. In dieser Zeit entwickelte sich auch die Vorstellung, dass dies der heilige Ort für die Bestattung der Tapfersten und Besten des Landes sei und zugleich wurde die Insel als ein Ort der Ablässe, der Absolution und Vergebung angesehen. Sie sollten Gläub- igen einen Weg zum Himmel bieten und zugleich Tor zum Paradies sein.

Die Kapelle und das Kapellenhaus bei der Ruine von St, Marys, Foto David Medcalf

Die Bardsey zugeschriebene Zahl der 20000 verweist zum einen, auf ein ureuropäisch- es Zählsystem, das Vigesimalsystems und zugleich auf das biblische Symbolik der Zahl 20. Sie taucht an mehreren Stellen des Alten Testaments auf, wo sie immer mit einer Zeit des Wartens verknüpft ist. Beispiele sind: 20 Jahre lang wartete Jakob. – 1.Mose 31,38, 20 Jahre lang wartete die Bundeslade in Kir-jat-Jearim. – 1.Sam 7,2.oder 20 Jahre wartete Jerusalem zwischen seiner Einnahme und Zerstörung. Mit der Ver- dopplung der Zahl 10, verweist die 20 auch auf die 10 Gebote , dem Sinnbild einer vollständigen Gesetzgebung. Die Symbolik des Wartens kann hier auch als Verweis auf das Erwarten der Erlösung in einer anderen Welt gesehen werden. Als Grund- lage biblischer Symbolik dienten aber meist astronomische Bilder und Ereignisse. Auch hier verweist die Zahl 20 auf ein Schauspiel am Himmel, die Große Kon- junktion. Sie stellt die größt mögliche Annäherung der beiden Planeten Jupiter und Saturn dar, die durchschnittlich alle 20 Jahre erfolgt. Dieses biblische Zeit des Wartens erinnerte damit an die Zeit der Erwartung, bis zur Annäherung der zwei großen Planet- engottheiten. In einer Vorstellungswelt, in der Naturerscheinungen, wie Landschaften und Flüsse als Gottheiten wahrgenommen wurden, passte auch de Form der Insel ideal zum Prinzip eines analogen Aufbaus des Kosmos. So deckt sich hier das Bild der Landschaft mit dem himmlischen Bild einer der wichtigsten Gottheiten, die seit der Früh- geschichte die Mythologie vieler Kulturen prägte.

Bardsey und Orion (Cernunnos), seitenrichtig am Abend des 1. Mai, (2.Jhd.BC),

So wie Orion in der La Tene Zeit am Abend des 1. Mai, dem Beginn des Sommers,  am Himmel zu sehen war, deckte sich seine Struktur mit der Geometrie der Insel, Dabei führt der Gürtel des Orion, auch Himmelsleiter genannt, geradewegs zum Gipfel des Mynydd Enilii. Die Lage des Fußsternes Riegel lag dann so, dass von diesem Punkt aus, über dem Gipfel der Sonnenaufgang am 1 Februar zu sehen war. Orion war auch Teil der keltischen Mytho-logie, wo er mit dem gehörnten Gott Cernunnos identifiziert wird. Als Gott der Natur und der Fruchtbarkeit war er zugleich auch Herrscher der Unterwelt. Damit entsprach er sowohl dem griechischen Gott Dionysos, als auch dem ägyptischen Gott Osiris. Der hatte sich im Laufe seiner Geschichte vom Fruchtbarkeits- gott zum Herrscher des Totenreiches gewandelt.

Gehörnter Gott /  Schamane, sitzenden, auf dem Kessel von Gundestrup , Foto Malene

Die Darstellung des gehörnten Gottes scheint über mehrere Jahrtausende hinweg gleich geblieben zu sein. So gab es bereits in den Felsritzung im italienischen Val Camorica Darstellungen eines gehörnten Gottes, mit erhobenen Armen, Torques und Schlangen in en Händen. Diese, im 6. Jtsd. Entstanden Bilder glichen bereits der Darstellung auf dem berühmten Kessel von Gundestrup, der aus der La Tene Zeit stammt. In Europa war diese Vorstellung eines gehörnten Gottes weit verbreitet und so führt seine Spur bis nach Indien, wo er in seinem Wesen auch dem hinudistischen Gott Shiva entspricht. Cernunnos selbst, wie auch die Geweihsymbolik des Hirsches, wurd- en vom Christen ebenso adaptiert, wie andere Symbole des paganen Glaubens. Die Gestalt des Hirsches wurde zum Sinnbild von Jesus, während Cernnunos sich in seinen teuflischen Gegenspieler verwandelte. Eine über Jahrtausende gewachsene Vorstell- ungswelt, die den Naturzyklen entsprach, wurde so zerstört. Die Bedeutung des Cernunnos bietet damit auch eine Erklärung für die Umwidmung der Insel in einen Wallfahrtsort inmitten des Meeres. Auf die unendliche Weite des Wasser weist hier auch wieder die Zahl 20 hin, denn sie entspricht dem 5. platonischen Körper dem Ikosaeder. In der Antike verkörperte er das Element Wasser das Wasser. das im alten Volksglauben immer wieder eine Grenze zwischen den Lebenden und den Toten bildet. So findet man auch In den Mythologien vielen Kulturen Jenseitsorte oft in einem Unterwasserreich, auf einer Insel, der Toteninsel, oder auf der anderen Seite des (Lebens-)Flusses.

Bilder: Wikipedia / Bardsey Island Taken from Braich y Pwll – at the end of the Lleyn Peninsula Foto Martin Connoll, CC BY-SA 2.0 / The Chapel and Chapel house Near the ruins of St Mary’s Abbey., Foto David Medcalf, CC BY-SA 2.0 /Gehörnter Gott oder Schamane in sitzender Position auf dem Kessel von Gundestrup , Foto Malene eigen. Bardsey und Orion, seitenrichtig am Abend des 1. Mai, (1.Jhd.BC), Stellarium opentopomap