Kultort Gleichen – Teil 3

Der Hurkutstein, Foto Jan Stubenitzky

Das auffällig isoliert stehende Sandsteinkonkolmerat im Reinhauser Wald umgibt eine Sage. Sie erzählt vom Erbstreit zweier Brüder, die jeweils Burgen auf den beiden Gleichen besaßen.Eines Tages wollte aber der Herr von Neuen Gleichen das Erbe seines Bruders an sich bringen und ließ dessen Sohn entführen.Der beauftragte Knecht lockte den Sohn in den nahen Wald, wo er ihn dann seinem Schicksal überließ. Von Gewissensbissen geplagt, vertraute er sich dem Abt des nahe gelegenen Klosters Reinhausen an, der ihm auftrug für seine Sünde als Eremit auf dem Hurkutstein Buße zu tun. Tatsächlich ist hier auch eine Eremitentenklause nachgewiesen, die der Mönch Hufnagel 1385 bezog und dort die Kapelle zum heiligen Grab errichtete. Die Widmung des Ortes, aber auch der Fels selbst wirft die Frage auf, ob der Ort nicht eine be- sondere Eigenschaft besitzt.

.

Der Hurkutstein. Panorama, Foto Jan Stubenitzky

Sprachwissenschaftler leiten dem Namen aus dem Wort der `hurkuzende´ , der Kau- ernde ab. Dabei hat wohl der kleine Raum des Eremiten hier die Interpretation beeinflusst, denn das Wort lässt auch noch eine andere Deutung zu. Das ähnlich klingende Urkende bedeutet im Mittelhochdeutschen die Erkennung. Die wäre hier bei freier Sicht auch gleich auf mehrfache Weise möglich, denn bei genauer Be- trachtung liegt der Fels auf der Linie der Sonnenwenden, die vom Taleinschnitt zwischen dem Großem Bocksbühl und dem Plesse zum Alten Gleichen führt. Beide Punkte werden so zu Landschaftsmarken die den Wendepunkt der Sonnen- bahn markieren. Zugleich teilt aber der Hurkutstein die Strecke, die mit 6630m 8000 Megalithischen Yards entspricht im Verhältnis von 3 zu 2. Diese ganzzahlige Streck- enteilung entspricht auch dem Fünftonschritt einer Quint. Wird das Jahr im selben Verhältnis geteilt und der obere Teil ab der Sommersonnenwende berechnet, so erhält man das Datum des 14. November und an dem Tag ist der Sonnenuntergang vom Hurkutstein aus über dem Speerberg zu sehen.

Der Kalender des Hurkutsteines

In römischer Zeit war dieser der Feiertag Mercuralia wo Merkur und die Göttin Maia verehrt wurden. Auch für den Sonnenaufgang am 1. Mai ist der Stein wein wichtiger Punkt, denn an diesem Tag markiert er genau die Hälfte des Winkels zwischen dem Sonnenaufgang über dem Gleichen zur Sommersonnenwende und dem am 12. April über dem Eschenberg. Auch hier finden sich Reste einer unerforschten Wallburg. Im Römischen Reich begannen 22 Tage nach dem Frühlingsäquinoktium, am 12. April, die Ludi Cereris, das Fest der altitalischen Fruchtbarkeitsgöttin Ceres.

Rotunde mit Ädikula über dem Grab., Foto Berthold Werner

Auch die Widmung der Ermitenklause dem heiligen Grab in Jerusalem korres- pondierte damals mit einem symbolischen Sonnenaufgang, denn das Grab ist mit dem Tag der Kreuzauffindung, dem 3. Mai verbunden. An diesem Tag war einst von der Klause aus der Sonnenaufgang unter einem Winkel von 30° von der Ost- Westrichtung zu sehen. Die Zahl stand nicht nur für die Trinität und damit für das heilige Grab, sondern sie teilte auch den Winkel zwischen den beiden Sonnenauf- gängen auf dem Gleichen und dem Eschenberg im Verhältnis 2 zu 1. Als erster berichtete der Kirchenlehrer Ambrosius im Jahr 395 von der Auffindung des Kreuz- es durch die Kaiserin Helena. Sie war nach einer Traumvision ins Heilige Land gereist um das Kreuz zu suchen. Die Legende erzählt, dass Helena dann durch die Hinweise eines `Judenchristen´ den Fundort unter einem von Hadrian errichteten Venustempel ausmachen konnte. Ein Wunder ermöglichte ihr dann die Zuordnung der drei dort gefundenen Kreuze, was Bischof Makarios I. von Jerusalem bezeugte.

Grabeskirche 1149, FotoI dont know

Über den Fundort in Jersualem wurde dann die Grabeskirche errichtet, in der sich ein kubisch gestalteter Schrein befindet, der die eigentliche Fundstätte beherbergt. Diese Schrein wurde in der Folgezeit zu einem beliebten künstlerischen Motiv, das vielfach auch in reduzierter Form ausgeführt, an die Situation in der Grabeskirche erinnern soll. Nachbildung des Schreines werden ab dem Mittelalter auch gerne in Osterfestspielen verwendet, wobei auch der Leichnam Christi ein integraler Be- standteil der Handlungen. In zahlreichen Kirchen finden sich heute noch zahlreiche, aufwendig gestaltete Anlagen, die bis in die Zeit des Barock entstanden sind. So scheint die blockhafte Form des Hurkutsteines ebenso in dieses Bauschema der Schreine zu passen. Auch der Sonnenaufgang am 12. April über dem Eschenberg deutet eine besondere Beziehung zum Sonnenkalender des Hurkutsteines an. Die Namensverwandtschaft des Eschenberges zur Esche verweist hier auf die nord- ischen Mythologie, in der die Esche den Weltenbaum verkörpert und für die Fülle des Lebens steht. Diese Fülle beginnt sich nahezu zeitgleich um den 12. April zu entfalten, denn mit dem heute noch als Kuckuckstag bezeichneten 14. April sind die gefürchteten Nachtfröste vorüber. Die wartet der sensible Kuckuck meist ab, ehe er als letzter Zugvogel auftaucht. Mit seiner Einordnung in die Landschaft zeigt  der Hurkutstein die Charakteristik eines frühen Sonnenkalenders und weist damit auch auf die Bedeutung des Sonnenkultes der frühen Ackerbaukulturen hin. Seinen Namen von dem `Kauernden´ abzuleiten zeigt wieder, wie Unkenntnis die Geschichte von Orten vergessen lassen kann. Doch gerade solche Orte sollen dazu anregen, diese Bezüge einer alten Kulturlandschaft neu zu erkennen.

Bilder: Wikipedia / Der Hurkutstein, Der Hurkutstein Panorama , Foto Jan Stubenitzky(Dehio) / Rotunde mit Ädikula über dem Grab. Zustand 2008 mit stützender Stahlkonstruktion, Foto Berthold Werner /Grabeskirche 1149, FotoI dont know – http:// http://www.techartis.cz/Anna/Anastasis01.htm/ Simulation sunearthtools, opentopomap

Kultort Gleichen – Teil 2

Scheibenkreuze am Bielstein in Reinhausen, Foto Jan Stubenitzky

Erst ab dem 11. Jahrhundert beginnt die Geschichte Reinhausens fassbar zu werden. Dies auch nur auf Grund einer gefälschten Urkunde die auf den 26. Juli 1097 datiert und Heinrich IV. zugeschrieben wird. Dabei gibt es rund um den Ort zahlreiche Hinweise weit zurückliegender Kulturen, wie den mit Zeichen versehenen Felssporn Bielstein, den Hurkutstein mit der in den Stein gehauenen Eremitenklause, oder die als Jägersteine bezeichneten Felsabstürze. Alle drei Orte deuten darauf hin, dass das Gebiet um die beiden Gleichen weitaus früher bereits als besonderer Ort angesehen wurde. Diese beiden Berge boten auch noch im 8 Jhd. eine Landschaftskulisse, hinter der alljährlich ein Schauspiel zu beobachten war, das eine Erklärung für den Bau der Kirche St. Christophorus bieten könnte.

Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke

In Legenden, wie der des Christophorus, mischen sich ältere Erzählungen, aus deren Motiven eine neue Gestalt entsteht. Ein Bild der riesenhaften Gestalt des Chrstophorus stammt hier aus dem Sagenkreis des Odysseus, der nach seiner Flucht aus Troya auf der Zyklopeninsel strandet, die vor der Küste Catanias liegt. Doch der einäugige Zyklop verweigerte Odysseus und seinen Männern die Gastfreundschaft und nahm die Griechen gefangen. Nach und nach verspeiste er sie, bis es Odysseus und seinen Männern gelang ihn mit einem glühenden Pfahl zu blenden und eingewickelt in ein Schafsfell aus der Höhle des Riesen wieder zu entkommen. Darauf bat der Zyklop seinen Vater Poseidon um die Rache seiner Blendung. Er verlangte von ihm Odysseus nie wieder in seine Heimat zurückkehren zu lassen.

Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato

Die Rache Poseidons führte schließlich zur 10-jährigen Irrfahrt der Griechen. Nicht nur die Gestalt des Riesen, auch Poseidon selbst, tauchen auch im Mythos des Orion auf. Dessen Erzeuger wird unterschiedlich erklärt, doch in einer Erzählung ist dies Poseidon und Euryale, eine der drei Gorgonen. In der griechischen Sage werden sie als ge- flügelte Gestalten mit Schlangenhaaren beschrieben, die jeden bei ihrem Anblick zu Stein erstarren lassen. Ein ganz ähnliches Bild eines geblendeten Riesen der eine Last über das Wasser zu tragen hat gibt es auch im Sagenkreis des Orion. Einst kam der kühne Jäger auf seiner Wanderung zu Oenopion, dem Sohn des Bacchus und König von Chios. Dort verlangte er dessen Tochter Merope zur Frau, doch der König fürchtete den Riesen und ließ ihn blenden. Umherirrend fand Orion am Strand der Insel Lemnos schließlich zu Hephaistos, dem Gott des Feuers. Der brachte ihn in seine Schmiede wo er Orion den Zwerg Kedalion gab. Dem trug er auf ihn nach Osten zu bringen, zum Licht der aufgehenden Sonne, in der sich der Sonnengott Helios verkörperte und rr machte Orion wieder sehend. Ein ähnliches Motiv taucht auch in den Schriften der Veden auf, wo von Vishnu berichtet wird, der in seiner Inkarnation als Zwerg sich auf die Schulter des Riesen Bali setzt und dann immer schwerer wird.

Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum

Eine optische Verbindung beider Legenden wurde im 9. Jhd. Hinter der Kulisse der Gleichen sichtbar, denn dort erschien war am Morgen des Christophorustages der Stern Beteigeuze, die Hand des Riesen Orion über dem Bergsattel der Gleichen. Ideal war jedoch der Beobachtungspunkt Reinhausen zur Wintersonnenwende, wenn Orion kurz nach Sonnenuntergang mit seinen beiden Hunden hinter den Gleichen in den Himmel stieg. Dies führt zurück zum ursprünglichen Bild des Christophorus als hundsköpfiges Ungeheuer, denn auch diese Vorstellung scheint dem realen Bild am Himmel entlehnt worden zu sein. Hier wird Orion ja von den beiden Sternbildern Großer und Kleiner Hund begleitet. Wie Christophorus scheint auch Orion einen Fluss zu überqueren der am Himmel als helles Band erscheint, die Milchstrasse. Auch der Stab des Christophorus, aus dem in der Legende Knospen sprießen, lässt sich mit dem Bild des Orion in Verbindung bringen. So verkörperte er doch im alten Ägypten am Anfang den Fruchtbarkeits- und später den Totengott Osiris. Der Stab, der heute meist als furchterregende Keule darge-stellt wird, verwies somit auch  auf seine Rolle des guten Hirten.

Visurpunkt Gleichen, zur Tagundnachtgleiche u.zur Wintersonnenwende um n. 850 Chr.

Ganz offensichtlich wird er Flurname Gleichen jedoch an den beiden Tagundnacht-gleichen im Frühjahr und im Herbst, denn dann steigt die Sonnenscheibe entlang des Alten Gleichen auf. Die beiden Berge die dann zu einem Sonnentor werden, eigneten sich also von Reinhausen aus betrachtet, als idealer Sonnenkalender. Als idealer Beobachtungspunkt könnte der Ort aber bereits in der Zeit Linienbrand-keramik gedient haben, als das Motiv des kultisch verehrten Stieres aufkam. In dieser Epoche tauchte während des Herbstäquinoktiums der Stern Pollux aus dem Sternbild der heutigen Zwillinge in der Mitte der beiden Gleichen auf. Das Sternbild mit seinen fast parallelen Armen sah dann aus wie die Hörner eines gesenkten Stierkopfes, so wie er aus Abbildungen jener Zeit bekannt ist. Der Name Gleichen erinnert somit nicht nur an die Tagundnachtgleichen, sondern auch an eine Zeit, als Sonnenfeste wichtige Daten des Landwirtschaftlichen Lebens er frühen Ackerbau-kulturen markierten.

Bilder: Wikipedia / Scheibenkreuze am Bielstein, Foto Jan Stubenitzky (Dehio), CC BY-SA 3.0 / Bergpaar Die Gleichen, Foto Matthias Wilke / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Gruppenrekonstruktion, Grotte des Tiberius, Museo Archeologico di Sperlonga, Foto Carole Raddato from FRANKFURT, Germany /Orion sucht die aufgehende Sonne, Nicolas Poussin 1658, Netmuseum / Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem, Foto Carole Raddato / Simulation, opentopomap, Stellarium sunearthtools