Der Falkenstein und das Tor zur Anderswelt

Falkenstein in Bad Herrenalb um 1900

Wie in vielen Orten des Schwarzwaldes, scheint auch die Geschichte Bad Herren- albs erst ab dem 12. Jhd. fassbar zu werden. Dennoch gibt es Relikte wie den Mauzenstein auf dem Bergrücken des gleichnamigen Höhenzuges, die hier auf frühgeschichtliche Kulturen hinweisen. Eines dieser Relikte in Bad Herrenalb ist Falkenstein, auf den im 12. Jhd. durch die Herren von Eberstein eine Burg errichtet wurde. Mit ihr sollte ein Herrschaftszentrum am oberen Albtal errichtet werden. Von der Burg auf dem Aussichtsfelsen sind heute aber nur noch Reste des Halsgrabens und des Schildwalls erkennbar. Geblieben ist auch eine Sage, die von einem Ritter und dessen hübscher Tochter erzählt. Der Name Falkenstein führt zu- rück in Epochen, als im Falken noch eine Verkörperung göttlicher Mächte gesehen wurde.

Statue des Horus im Tempel von Edfu, Foro Hajor

Er taucht im alten Ägypten in Gestalt der Götter Horus, des Sonnengottes Re, so- wie des Mondgottes Chons. Während die beiden letzteren auch in menschlicher Gestalt dargestellt wurden, bleibt der Himmelsgott Horus ein Mischwesen mit Falk- enkopf. Aus dem Himmelsgott wurde im Laufe der Zeit ein Kriegsgott und damit auch ein Zeichen des siegreichen Volkes. Daraus entwickelte sich in der Frühzeit Ägyptens der Glaube, dass der Pharao eine irdische Verkörperung des Horus sei. Alle nahmen deshalb den Titel `Lebender Horus´an an, der bildlich durch einen Falken dargestellt wurde, der auf einem Rechteck saß. Im Laufe der Zeit geht das Bild des Horus in Osiris den die Göttin Isis zur Welt bringt. Dadurch wird er um Archtyp des göttlichen Kindes das geboren und getötet wird aber durch die Zaub- erkräfte seiner Mutter Isis wieder aufersteht. Auch sie trägt Elemente des Falken, denn meist wird sie mit ausgebreiteten Vogelschwingen und der Sonnenscheibe auf dem Kopf dargestellt. Die Vorstellung der Ägypter, dass der Falke Schranken überwinden kann, zeigt sich in der Vorstellung von der Seele, dem Ba-Vogel. Er wird als Falke mit Menschenkopf dargestellt, der nach dem Tod aus dem Körper fliegen kann. Während des Tages folgt er dem Lauf der Sonne und vereint sich nachts wieder mit dem Körper des Toten. Seine Rolle als Bote erfüllt der Falke auch in der indischen Mythologie, wo die ranghöchste Gottheit Indra den Opfertrank durch einen Falken erhält. Ebenso taucht er als Bote der Götter in der keltischen auf, wo ihm die Fähigkeit zugesprochen wird, die Schranke zwischen Anderswelt und Diesseits überwinden zu können. Dieser Aspekt machte den Falken auch zu einem Symbol des Lichtes.

Friedrich II. mit seinem Falken auf der zweiten Seite des `Manfred-Manuskripts´

Im Laufe des 12. Jahrhunderts taucht das Motiv des Falken auf unterschiedliche Weise wieder auf. In der mittelalterlichen Welt der Ritter wird er zum Ausdruck der edlen, großherzigen Sinnesart des höfischen Lebens. Er verkörpert nun die Ideale Weitblick, Tapferkeit, Stolz und Ritterlichkeit. Die Falkenjagd, wie sie der Staufer- könig Friedrich II in seinem Falkenbuch `De arte venandi cum avibus´, oder `Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen´ beschrieb, gehören in dieser Zeit zu den höchsten Vergnügungen des Ritterstandes. Ungefähr zeitlich verbreitet sich mit der Ynglinga- saga und der Edda des isländischen Dichters Snorri Sturluson die nordische Mythologie. Sie erzählt von Freya, der nordischen Göttin der Fruchtbarkeit, Liebe und Ehe, deren Bild der römischen Venus gleichkommt. Als Muttergöttin verkörpert Freya aber auch die Erde, in die die Toten zurückkehren und ist somit auch die dunkle, allesverschlingende Totengöttin.

Illustration from a collection of myths., Helen Stratton 1915

Als Attribute trägt Freya ein von Zwergen geschmiedetes Halsband, Brisingamen und einen von Waldkatzen gezogenen Wagen. Doch Freya hat eine wandelbare Gestalt, denn sie besitzt auch ein Falkengewand, mit dem man wie ein Falke durch die Lüfte gleiten kann. Im süddeutschen Raum dürfte ihr am ehesten das Bild der Göttin Perchta entsprechen, die heute noch im alpenländischen Raum in Gestalt der Perchtenläufe weiterlebt. Perchta, deren Name sich aus dem althochdeutschen Wort hell, glänzend ableitet, wurde wie Freya zur Wintersonnenwende verehrt. Geradezu ideal für die Vorstellung von der Anderswelt und zur Beobachtung des Sonnenunterganges an diesem Abend erweist sich der Falkenstein bei Bad Herrenalb. Von hier aus betrachtet, verschwindet am Abend der Wintersonnen- wende die Sonne hinter dem südwestlich gelegen Bottenberg und an den ehemals keltischen Feiertagen Imbolc und Samhain im Taleinschnitt zwischen dem Botten- berg und dem Rennberg.

Falkenstein, Sonnenrichtung

Der Flurname Bottenberg gleicht dem alten Volumenmaß des Fasses, das früher botte genannt wurde. Es ist Sinnbild des Reichtums, verweist aber auch auf den Bauch der Urgöttin. Im Althochdeutschen, wie auch im Alemannischen beutet das Wort jedoch geboten. So ein Gebot war in früheren Zeiten zu beachten, als die Menschen im Schwarzwald von der Furcht beherrscht wurden, dass in den 12 Rauhnächten nach Weihnachten das Mutesheer, einer Wilden Jagd des Teufels mit Geistern und Hexen in seinem Gefolge durch die Täler zog. Niemand durfte in dieser Zeit weiße Wäsche vor das Haus hängen, aus Angst dass sich einer der Geister darin verfangen und anschie0end Besitz über den Eigentümer erlangen konnte.

Bilder: Wikipedia / Statue des Horus im Tempel von Edfu, Foro Hajor, CC BY-SA 3.0 / Friedrich II. mit seinem Falken auf der zweiten Seite des `Manfred-Manuskripts´ (Vatikanische Apostolische Bibliothek, Pal. lat 1071) /Illustration from a collection of myths., Helen Stratton – A book of myths (1915) New York/ Simulation sunearttools, opentopomap

Die Quellen der Fils

Landschaftsschutzgebiet Oberes Filstal, unweit des Quelltopfes

Die Fils entspringt unter einem Bergsporn in einem abgelegenen Tal bei Wiesensteig. Zum Ursprung ihres Namens Filisa, der erstmals im Jahr 861 in Erscheinung tritt, gibt es mehrere Vermutungen. Eine zielt auf das germanische Wort filis, der Fels. Dies würde auf den heute überwachsen Bergsporn zutreffen. Eine weitere sieht den Namensursprung in der indogermanischen Silbe `pel´, was fließen bedeutet. Sie soll später eine lautliche Ver- änderung erfahren haben. Beide Erklärungen wollen aber nicht zur alten Schreibweise des filsgaues passen. Diese Landschaftsbezeichnung taucht in Urkunden in unterschiedlichen Versionen auf, wie Filisgawe, aber auch Filiwisgow, oder Philisgow. Hier setzt die Vermut- ung an, dass der Fluss einst Felwisa hieß und sich aus dem germanischen Wort felwa entwickelte, das Weide bedeutet. Auch im Mittelhochdeutschen hat sich der Name für die Weide mit velwa erhalten und ist heute im Schwäbischen noch als Felbe gebräuchlich. Auf den ersten Blick konnte dies auf einen einst dichten Weidenbestand entlang des Flusses schließen lassen. Folgt man aber der Flis bis zu ihrem Ursprung im Hasental bei Wiesensteig, so bietet sich hier auch eine ganz andere Erklärung an.

Silber-Weide

Eine Wasserquelle, wie auch Fließgewässer, waren schon immer Sinnbilder für Fruchtbarkeit, aber auch für Vergänglichkeit. Daher wurden Flüsse in vorchristlicher Zeit auch als Sitz chtonischer Gottheiten, den erdbezogen Gottheiten gesehen. Weil sie den Menschen Nahrung brachten, wurden Flussgötter(innen) auch gerne mit einem Füllhorn dargestellt. Männliche, wie weiblich Flussnamen die sich daraus ableiteten, sind heute in etwa gleicher Anzahl vertreten. Nur wenige Orte wie die `Fontes Sequanae´, die Quelle der Sequana in Saint-Seine-l’Abbaye bei Dijon, verweisen heute noch direkt auf die einstige Rolle von Flussgöttinnen. Hier wurden bislang neun Inschriften gefunden, in denen die Sequana, die Göttin der Seine namentlich erwähnt wurde. Alle enthalten Dankesbezeugungen, in den die Heilkräfte der Göttin gerühmt wurden. In dem Sumpfgebiet, in dem die Quelle entspringt, gab es vermutlich bereits ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. einen Tempelbezirk, in dem kult- ische Handlungen begangen wurden. Die Naturgottheit, die einst als Erscheinung in der Landschaft verehrt wurde, bekam so einen baulichen Rahmen.

Statue der Sequana an der Quelle der Seine

Diesen Eindruck einer bewusst gestalteten Umgebung vermittelt auch die Filsquelle. Sie liegt vor einem Bergsporn der durch zwei Taleinschnitte vom Hang getrennt ist. Beide geben von der Quelle aus den Blick frei zum Sonnenauf- und Untergang zur Wintersonnenwende. Ein Ort also, für die perfekte Verbindung von Wasser- und Sonnensymbolik. War dies ein ähnlicher Kultort wie die `Fontes Sequanae´, so bietet sich damit auch eine Erklärung für die Namensentwicklung der Fils aus dem alten felwa, dem Weidenbaum. In der nordischen Kultur galt er als Baum der Göttin Freya deren Fest die Wintersonnenwende war. Ihr Wohnort waren Weiden aus denen sie mit ihrem von Katzen gezogenen Wagen  herausfuhr. Die Weide galt als Gebärerin des Lebens, denn im germanischen Glauben angelte die Göttin die noch ungebor- enen Kinder mit Weidenzwiegen aus dem Kosmos. Aus dem Grund trägt auch der Storch in manchen Darstellungen noch heute die obligatorische Weidenschlinge im Schnabel. Da der Baum als Wohnsitz der Göttin betrachtet wurde, gibt es auch zahlreiche Sagen von Menschen die in der Weide verschwinden. Seine magische Kraft diente nicht nur zur Fertigung von Wünschelruten, sondern auch für magische Körbe die an Bäumen aufgehängt wurden.

Die Filsquelle

Freya gehörte als Tochter des Meergottes Njörd und der Riesin Skadi, zu den Wanen. Sie galt als die große Stamm-Mutter Nordeuropas. In den mythologischen Vorstellungen besaß sie das Wissen und hütete die heiligen Gewässer. Zur Winter-sonnen- wende brachte sie das Sonnekind Freyr zur Welt, dem sie zugleich Mutter, Schwest- er und Braut war. Freya besaß ein Schwanenkleid und einen Mantel aus Falkenfedern. Beide Gewänder nutzte sie auch zum fliegen und mit ihnen konnte sie sich in die entsprechenden Vögel verwandeln. Auch dies deutete auf ihre schaman-ischen Wurzeln hin.

Göttin Freya mit Katzenwagen

Die ihr zugeschriebene Fähigkeit der Zauberei machte den Weidenbaum zu einem magischen Baum. Die Kirche sah ihn mit zwiespältigem Blick. Einerseits wurde die Palmzweige am Palmsonntag in der Kirche geweiht und Weidenzweige dienten auch zum Abstecken der Felder um sie fruchtbar zu machen. Dennoch erklärte die Kirche den Baum zum Hexenbaum. So sollen nach zeitgenössischen Auslegungen Hexen- besen hauptsächlich aus geflochtenen Weidenzweigen gefertigt worden sein. Ebenso existierte die Vorstellung, dass Hexen die in Weiden verschwanden, aus ihnen als schwarze Katzen wieder hervortraten.

Steinernes Weib Sonnenaufgang

Dieser Aberglaube trieb seltsame Blüten und nicht weit vom Quelltopf der Fils entfernt erreichte er im 16. Jahrhundert einen unrühmlichen Höhepunkt. Die Glaub- enskämpfe der Gegenreformation, Abspaltungen innerhalb der Lutherischen Kirche und ein durch einen Vulkanausbruch in Island ausgelöster Klimaeinbruch schufen die Grund- lage für eine Hexenangst, die sich von Wiesensteig innerhalb kurzer Zeit über das gesamte Heilige Römische Reich ausbreitete. Als am 3. August 1562 ein Hagel- sturm das Filstal verwüstete, wurden sofort Hexen im Umkreis von Wiesensteig beschuldigt das Unwetter mittels Zauberei hervorgerufen zu haben. Weder die Er- mahnung des württembergischen Herzogs, noch des Reformators Brenz konnten den Helfensteiner Grafen Ulrich davon abhalten, in der Folgezeit über 60 identifizierte Hexen auf grausamste Weise zu foltern und schließlich verbrennen zu lassen. Die in Wiesensteig ausgelöste Hexenangst führte an vielen Orten zu zahllosen weiteren Prozessen, mit denen die bösen Mächte bekämpft werden sollten. Nur in wenigen wurde später Reue gezeigt. Erst 2017 konnte sich auch der Gemeinderat in Wiesen- steig dazu durchringen, die während des religiösen Wahns getöteten öffentlich zu rehabilitieren. Dass in Wiesensteig wohl noch mehr vom Erbe der alten Mutter- gottheit überlebt hat, ist auch im sagenumwobenen Steinern Weib zusehen, einer, Felsstele südlich des Ortes. Steht man an Mariä Lichtmess auf dem Katzenfelsen am westlichen Ortsausgang, so geht die Sonne am Morgen über der Gesteinsskulptur auf, die laut einer Sage eine versteinerte Mutter enthalten soll, deren Seele einst zur Hölle fuhr..

Bilder: Wikipedia / Landschaftsschutzgebiet Oberes Filstal – Stadt Wiesensteig (LSG – 1.17.067): Unweit dieses Ortes entspringt die Fils / R.kaelcke / Silber-Weide (Salix alba) Crusier / Statue der Sequana an der Quelle der Seine, Adrian Michael / Göttin Frey auf Katzenwagen/ Simulation Sunearthtools