Das Grab des Zeus

 

Giouchtas (Profil des schlafenden Zeus) von Iraklion aus, Foto, Handydad

Die Bezeichnung, die sich nach einem Bestsellertitel anhört, steht für den Psili Korfi, auch Giouchtas genannt, der ungefähr 10km südlich von Iraklion an der Nordküste Kretas liegt. Auf ihm, so glaubten die Kreter in der Antike, befinde sich das Grab des Göttervaters Zeus. In ihren Vorstellungen ruhte er dort aber nur und wurde stets durch Blitze wieder neu geboren. In dieser Erzählung starb Zeus also dort, wo die griechische Mythologie seinen Geburtsort sah. Die Sage erzählt, dass sein Vater Kronos fürchtete, von seinen Kindern entmachtet zu werden. Deshalb verschlang er alle und nur Zeus konnte Dank Heras Hilfe nach Kreta entkommen, wo er von der Nymphe Amalthea mit der Milch einer Ziege aufgezogen wurde. Zum Dank versetzte sie Zeus später als Stern Capella in das Sternbild Auriga, dem Fuhrmann.Weil Zeus in der griechischen Mytho- logie aber als unsterblich angesehen wurde, bezichtigten die Griechen die Kreter der Lüge. Doch die Erzählung über das Grab Legende hatte Bestand, denn im 11. Jhd. berichtete der Geschichtsschreiber Michael Psellos dass sich auf dem Psili Korfi ein Steinhaufen befand, der als das Grab des Zeus galt. Im 19. Jhd. zog es dann immer mehr Reisende auf den Berg, dessen Spitze von Iraklion aus tatsächlich wie die Silhou- ette des entschlafenen Göttervaters aussieht. Viele dieser Reisenden berichteten nach ihrer Rückkehr von Gebäuderesten auf dem Gipfel. 1909 bestieg der britische Archäo- loge Arthur Evans den Gipfel zum 2. Mal erneut und führte dort Ausgrabungen durch. Dabei entdeckte er ein minoisches Gipfelheiligtum, das die einstige Bedeutung des Berges in minoischer zeit offenbarte. In den Vorstellungen vom Tod und der Wieder-geburt des Zeus und dem Grab auf Kreta zeigen sich die mythologische Verflechtungen der minoischen und der griechischen Kultur. Die Vorstellungen der Minoer folgten hier dem Bild klassischer Vegetationsgötter, die mit dem Erwachen der Natur wiedergeboren wurden. Später bedienten sich die Griechen in ihrer Mythologie nur eines Teils der Erzählung, in dem sie die Kindheit des Göttervaters in eine Berg- höhle nach Kreta verlegten.

Diktäische Grotte-Höhleneingang, Foto Olaf Tausch

Herangereift, zeigte sich Zeus seinem Geburtsort wieder erkenntlich. Doch auch hier berichtet die Erzählung von Gewalt. So verliebte er sich eines Tages in Europa, die schöne Tochter des phönizischen Königs. Sie widerstand seinen Annäherungen, doch dann gelang es Zeus sich ihr in Gestalt eines Stiers zu nähern, als die Schöne sich mit ihren Gespielinnen am Strand aufhielt und entführte sie nach Kreta. Dort angekommen, zeugte er mit ihr drei Brüder: Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Sie begründeten das erste Herrschergeschlecht der Minoer. Die Platane, unter der er diesen Akt vollzog, behielt fortan das ganze Jahr über ihre Blätter. Als die drei zu Männern herangereift waren, teilten sie sich die Insel Kreta auf, wobei sie Knossos zu ihrer Hauptstadt machten. Minos wurde dann König dieses Reiches und genoss auf rund seiner großen Gerechtigkeit eine hohe Wertschätzung.

Europa und der Stier, Fresko aus Pompeji, 1. Jhd. etwa zur Zeit Ovids, Foto:Wetman

Ähnlich wie das `Gab des Zeus´ sind aus der Zeit der Minoischen Kultur noch eine ganze Reihe weitere Höhenheiligtümer erhalten. Dieser Begriff tauchte erstmals im Jahr 1903 auf, als der britische Archäologe John N. L. Myres nach einer Ausgrabung das gefundene Heiligtum von Petsofa als `peak sanctuary´, also als Gipfelheiligtum be- zeichnete. Während seiner Grabung entdeckte er Terrakotten, welche Menschen, Tiere, oder auch nur einzelne Körperteile darstellten. Diese Funde interpretierte Myres schließlich und interpretierte sie als Votivgaben eines Kultes. Einige Jahre nach Myres Entdeckung waren dann bereits über 22 dieser Höhenheiligtümer bekannt, die ent- gegen heutigen Vorstellungen nicht über aufwendige Gebäude verfügten. Begonnen hatte diese Errichtung von Höhenheilgtümern wohl in der Altpalastzeit, also um das 2. Jahrtausend v. Chr.. In der Folgezeit entwickelte sich die Architektur der Heiligtümer bis zur jüngeren Palastzeit dann zu immer aufwendigeren Terrassenanlagen.

Gipfelheiligtum auf dem Giouchtas

Betrachtet man die Struktur des Giouchtas jedoch genauer, weist sein der Kamm eine erstaunliche geradlinige Geometrie auf. Wurde die in der Altpalastzeit als Zeitzeiger benutzt, so wies sie auf Erstsicht des Sternes Sirius während des Frühlingsäquin-oktiums. Damit hatte dem Stern eine ähnliche Rolle des Ankündigers, wie er sie zur gleichen Zeit im Alten Ägypten besaß, wo sein Wiederauftauchen am Nachthimmel der jährlichen Nilflut vorausging. Dass diese Richtung von Bedeutung war, lässt auch die Orientierung des Heiligtums erkennen. Seine Ausrichtung erfolgte senkrecht zur Sicht des Sirius und zugleich weist sie auch auf den Sonnenaufgang zu Beginn des 2. mega- lithischen Monats nach der Wintersonnenwende hin. Mit 2 mal 23 Tagen war dies dann der 5. Februar. Aber auch der polygonale Grundriss der Terrassenanlage lässt sich mit der minoischen Mythologie erklären, denn der Stier, der später in der Erzählung des Minotaurus zur Schreckensgestalt wird, taucht auch in deren Geometrie auf.

Giouchtas Ausrichtung

So wie er zu dieser Zeit im Westen unter den Horizont sank, so könnte er auch als Vorbild für den Umriss des Heilgtums gedient haben. Damit wäre die Idee in Zeus einen Vegetationsgott zu sehen, der um den 5, Februar zu neuem Leben erwacht, also gar nicht so abwegig. Dass er am Ende unsterblich wurde, gleicht ebenso der Natur, denn auch sie lebt ja auch in der kalten Jahreszeit weiter.

Bilder: WikipediaAltar des minoischen Heiligtums unterhalb des Gipfelsteins, Foto Olaf Tausch ,CC BY 3.0 / Mt. Juktas from the city of Iraklion, 1977, Foto, Handydad / Europa und der Stier, Fresko aus Pompeji, 1. Jhd. etwa zur Zeit Ovids, Foto:Wetman / Diktäische Grotte-Höhleneingang, Foto Olaf Tausch / Simmulation, stellarium sunearthtools, googlemap