Aquae Granni und das Senfkorn

Münstertherme, Rekonstruktion, Foto archaeologie-aachen.

Zum Ursprung des Namens der Stadt Aachen gibt es fast ebenso viele Erklär- ungen wie unterschiedliche Ortsbezeichnungen. Erstmals tauchte der Name als Aquis Villa in einer Urkunde auf, als der Frankenkönig Pippin der jüngere das Weih- nachts- wie auch das Osterfest in der Stadt verbrachte. Bereits hier ist eine Abstammung aus dem lateinischen Wort aquae, das Wasser, oder auch im übertragenen Sinn, die Quelle zu erkennen. Im frühen 8, Jhd. erscheint dann nach weiteren Abwandlungen der Name Aquis Grani, was als möglicher Verweis. auf den gallo-romanischen Heilgott Apollo Grannus gedeutet wurde. Ab dem frühen Mittel- alter hat sich Name Aquae Granni mit dem doppelten n dann als Bezeichnung der fränkischen Stadt eingebürgert. Nachdem der Beiname aquae auch in Orten wie Aquae Mattiacorum, dem heutigen Mainz oder auch iin Aquae Sulis, dem heutigen Bath auftauchte, erschien es allzu wahrscheinlich, dass die römische Bezeichnung des frühen Aachen tatsächlich so lautete.

Apollon mit Kithara (Fresko, Haus des Augustus, Rom ca.20 v. Chr.,F. Cody escouade

Der gallische Quell- und Heilgott wird dem griechischen Licht-, und Heilgott, sowie dem Gott der Künste, Apollon gleichgesetzt. Die damaligen Zentren seiner Verehr- ung, lagen in den Provinzen Niedergermanien, Obergermanien und Raetia. Der Ur- sprung des Namens Grannos wird heute meist im irischen Wort grian, die Sonne gesehen. Dabei ist klingt auch das keltische Wort grano, das Korn ganz ähnlich. Auch das Wort Granne verweist auf das Korn der Gerste mit ihrer besonders lang- en Ausprägung der Grannenund diese feinen Sie Kornspitzen wurden auch gerne mit Sonnenstrahlen verglichen.

Gerste (Hordeum vulgare), Foto CSvBibra

Das lateinische granum, das Korn bedeutet aber auch seit alters her auch die Mitte eines Gedanken. Diese Mitte zu treffen gilt es auch bei der Heilung, für die viele die heißen quellen zur Behandlung aufsuchten. Die meisten Kräuter, die zur Unter-stützung eines Heilprozesses gesammelt werden, reifen nach der Sommersonnen-wende. Eines der wirksamsten unter ihnen ist das Johanniskruaft, das um den 24. Juni gepflückt, wohl seine größte Wirksamkeit entfaltet. Was lag also näher, die Suche nach der Mitte, in einer Stadt, deren Wirtschaft so stark auf die Gesundheit ausgerichtet war, auch in Grundriss darzustellen. Passend zu den mythologischen Vorstellungen, die Glück verheißend, aber auch die Tore zur Gesundheit öffnen sollten, wurde auch die Hauptachse ausgerichtet.

Aquae Granni,Sonnenausrichtung Stadt und Therme

So weist eine Hauptachse auf den Sonnenaufgang am Tag der Fors Fortuna und in der Gegenrichtung auf den Sonnenuntergang am Tag des Janus. Als Gott der Türen und Schwellen war er bestens geeignet, um auch Heilungssuchenden neue Tore öffnen. Ganz direkt auf die Bedürfnisse der Heilung waren jedoch die Thermen ausgerichtet, wo die Querachse des Bauwerks auf den Sonnenaufgang am Tag des Apollon, dem 6.Juli ausgerichtet wurden. Auch das Ende der Ludi Apollinares, deren Auftakt mit dem Sonnenaufgang am 6. Juli begann, kündigte sich am Himmel an. So markierte die erste Sicht auf Altair, dem hellsten Stern des Adler, am 13. Juli in Längsrichtung der Thermen, dann das Ende der Festspiele des Apollon. Der Beiname Granni verweist auf die solare Symbolik der Kornspitzen und damit auch indirekt wieder auf die alte Gottheit Grannus. Doch das Wort Granni bietet noch eine weitere Interpretationsmöglichkeit. Er  lenkt den Blick zwangsläufig auf die biblische Symbolik des granum, das Senfkorn. Aus dem kleinen Korn der in Palästina verbreiteten Pflanze sinapis nigra entsteht ein bis zu 10 m hoher Baum. Damit ist er die einzige Pflanze, die Heilkraut und Baum zugleich ist. Mehre Hin- weise in den Evangelien verwenden dieses Bild des Senfkornes, das zum Maß des Glaubens der Apostel werden sollte.  Aquae, die Quelle und granum als Korn/ Same des Glaubens, kann somit auch als Quelle es Glaubens interpretiert werden. Diese Quelle offenbart sich auch in der Ausrichtung der Baulinie des Domes,.sie entspricht dee Mitte zwischen den Sonnaufgangspunkten am Tag von Mariä Verkündigung und dem Tag des Schutzheiligen der Franken, dem heiligen Michael bildet. Diesem granum schafft Mitte des 12. Jhd´s der Meister Eckehard mit seinem Senfkornlied granum sinapis ein poetisches Kunstwerk. In seinem, der Mystik des Mittelalters ver- pflichtetem Lied nimmt er die Gedanken aus dem 4. Kapitel des Markusevang-eliums auf. Er schuf damit ein Lied zum Staunen, Danken und vor allem der Hoffnung. Wie Grannus noch im Beiname granni erkenbar war, so lebte auch die Vorstellung des Heilgottes Apollon weiter, nun im frühen Bild des Michael als Heiler.

Sonnenrichtung Kaiserdom Aachen

Bilder: Münstertherme, Rekonstruktion, http://www.archaeologie-aachen.de/ DE/ Geschichte / Epochen/Roemerzeit/Aachen_Roemische_Baederstadt / Wikipedia/ Apollon mit Kithara (Fresko, Haus des Augustus, heute im Palatin Antiquarium in Rom, ca. 20 v. Chr.), Foto Cody escouade delta, gemeinfrei /Gerste (Hordeum vulgare), Foto CSvBibra – Simmulation, googlemapsunearth-tools/stellarium