Die Eresburg, der Kultort der Sachsen

Irminsul gezeichnet nach alten Quellen, Marianne Klement-Speckner

Die Irminsul gilt als das eigentliche Heiligtum der Sachsen. Über mythische Säule und ihre Zerstörung durch Karl den Großen berichten die im Jahr 772 verfassten fränk-ischen Analenwerke. Obwohl in der Schrift der Standort nicht eindeutig beschrieben ist, gilt die einstige Eresburg, die auf der Fläche des heutigen Obermarsberg lag, als der Standort der Irminsul. Als gewaltige Säule soll sie dort, in der Nähe der Stiftkirche gestanden sein und hier die Verbindung zwischen Himmel und Erde verkörpert haben. Sie war nach dem Hauptgott Irmin benannt, dessen Name mit der `Erhabene´übersetzt werden kann. Er war der Sohn des Mannus, der als Stammvater der Hermionen be- trachtet wurde. Wie diese Säule genau aussah, wurde nicht überliefert. Dennoch haben die Beschreibungen über ihre Zerstörung unzählige Spekulationen ausgelöst.

Zerstörung der Irmansäule bei Paderborn, Rathaus Aachen, Alfred Rethel, CopiArte

So beschrieb sie im 1923 erschienen Handbuch der Germanischen Mythologie der Autor Wolfgang Golther mit folgenden Worten: `Tempel und zugleich Wald…Da wohnt die Gottheit und birgt ihr Bild in rauschenden Blättern der Zweige. … Nur Bäume hegten den Gott und über Bäumen stand er Himmel offen. …´ Vom kriegerischen Eindruck war das Bild geprägt das 1939 im Diemeltalboten veröffentlicht wurde, denn dort stand. “Dies Götzenbild war in Gestalt eines bewaffneten Mannes, der stund unter blauem Himmel im grünen Feld in den Blumen bis an den Leib, mit einem Schwert umgürtet.´ Die wesentlichen Mutmaßungen über das Aussehen der Säule bewegten sich jedoch zwischen einem mächtigen Baum und einer T-förmigen Säule, die mit Bildreliefs ge- schmückt war. Ähnliche Säulen sind in unterschiedlicher Gestalt aber auch aus anderen Kulturkreisen bekannt. So stellte der ägyptische Djed-Pfeiler, ein zylinderförmiges Ob- jekt mit vier aufgesetzten Scheiben, ein Ideogramm für die Dauer und die Beständigkeit dar. In Ägypten wurde ihm eine kultische Verwehrung zuteil und der `ehrwürdige Djed´ wurde während einer jährlichen Zeremonie immer wieder durch einen Priester und den Pharao neu errichtet. Der untermauerte damit die Beständigkeit seiner Herrschaft.

Djed-Pfeiler mit Schwingen

Djedpfeiler Errichtung

Durch die Verbindung zum Totengott Ptah und dem Fruchtbarkeitsgott Osiris wurde der Pfeiler auch in den Osiriskult mit übernommen. Als Urbaum ist er Teil der Erzählungen aus dem Isis/Osiris-Mythos. Dort soll aus dem bei Bylos angespülten Sarg des von seinem Bruder in 14 Teile zerhackten Osiris später der Urbaum der Zedern gewachsen sein. Ornamente auf kunstvoll gefertigten Djed Pfeiler deuten noch auf diesen Ursprung hin. Manchmal ist auch deren Spitze mit den Flügelschwingen der Isis umgeben und in dieser Gestalt gleichen sie dann einer verkleinerten Form der Irminsul. Im Laufe der Entwicklung wurde der Pfeiler dann im Neuen Reich als Wirbelsäule des Osiris ge- deutet. Auch im Hinduismus wird ein säulenähnliches Symbol verehrt. In stilisierter Form verkörpert einen Phallus und ist zugleich ein Zeichen des Gottes Shiva. Lange nach der Zerstörung der Säule schrieb der Mönch Rudolf von Fulda im Jahr 863 dazu in dem Werk `De miraculis sancti Alexandri´:`Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache ,Irminsul‘ nannten.´ Das Heiligtum muss ein hart umkämpfter Ort ge- wesen, denn erst im dritten Anlauf gelang es den Franken die Eresburg im Jahr 776 dauerhaft in ihre Hand zu bringen. Diese Besonderheit des Ortes ist auch heute noch spürbar, denn der geometrisch geformte Berg ragt deutlich über die Anhöhen entlang der Diemel heraus.

Obermarsberg, Luftbild (2013), Foto Teta,

Eine genauere Betrachtung dieser Geometrie offenbart hier die Form einer Raute, deren Mittellinie in das Herz Paderborns, zur Paderquelle zielt. Die Raute stellt ein altes Fruchtbarkeitszeichen dar und entspricht mit ihrer Geometrie in etwa der Rune ingwaz. Ganz ähnlich lautet auch der aus den nordischen Sagen überlieferte Name Ingwio, der wichtigsten Gottheit des Germanenstammes der Ingaevonen. Das Plateau der Eresburg weist aber noch eine weitere Besonderheit auf, denn der Taleinschnitt in nordwestliche Richtung weist auf den Sonnenaufgang am 1. August. Durch dieses Datum ist damit auch ein Zusammenhang mit dem Bauch erkennbar , den Thing an diesem Tag em Thing abzuhalten. In südöst-licher Richtung verlängert, stand die Mittellinie der Eres- burg mit dem Sternbild Orion, jenem, Riesen am Himmel und mythischen Städtegründer des Orients in Ver- bindung. Sie zielte einst am Abend des 15. Februar, kurz nach Sonnenuntergang seinen am Abendhimmel auftauchenden Schulterstern. Er markiert seinen erhobener Arm der scheinbar am Band der Milchstraße festgekettet erscheint. Zugleich entsprach die Anlage auch der Stellung des Orion am Südhimmel. Entsprach Irmin dem Orion/Osiris, so ist auch sein Vater Mannus, der Mondgott im Bild der Landschaft zu erkennen, denn nur auf der Höhe der Eresburg fließt die Diemel in Richtung der großen nördlichen Mondwende.

Ausrichtung der Eresburg

In der Landschaft oder einem Bauwerk ein Ebenbild des Himmels zu sehen, sind Merkmal, die aus der ägyptischen Kultur bekannt sind. Sie verliehen Kultstätten eben jenen überzeitlichen Charakter und damit wird auch klar, weshalb um diese Burg ein so erbitterter Kampf tobte. Sie war eine einzigartige Kultanlage, deren Ursprünge sicher noch viel weiter zurückreichen.

Nachbildung der Irminsul in Marsberg, Foto Wolfgang Poguntke 2

Bilder: Wikipedia/ Die aufgerichtete Irminsul gezeichnet nach der Beschreibung alter Quellen und angelehnt an die Darstellung eines geknickten Baumes im Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen.Marianne Klement-Speckner, Steenkamp 17, 22607 Hamburg, / Aachener Rathaus, Krönungssaal. Historienmalerei von Alfred Rethel: „Zerstörung der Irmansäule bei Paderborn“,CopiArte / Obermarsberg, Luftbild (2013), Foto Teta, CC BY-SA 3.0 / Nachbildung der Irminsul in der Kirche Petrus und Paulus Obermarsberg, Foto Wolfgang Poguntke 2 / Djedpfeiler, eigen, Simulation sunerathtools, stellarium, opentopmap

 

Irminsul und der Schwan

Widukind und KarlWidukind und Karl der Große

Das Jahr 772 sollte die Entscheidung bringen. In diesem Jahr brach Karl der Große zu seinem Feldzug gegen den sächsischen herzog Widukind auf. Nach den Erzählungen soll gleich zu Beginn des Feldzuges die Festung Eresburg auf dem heutigen Obermarsberg erobert und das große Heiligtum der Sachsen zerstört worden sein. Damit wollte der Frankenherrscher den Sachsen die Überlegenheit seines christlichen Gottes beweisen. Doch die Zerstörung der Irminsul ließ die Gewalt in den eroberten Gebieten explodieren und es kam zum Kampf zwischen den unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. In der Folge plünderten die Sachsen die neu erbauten Kirchen und steckten viele von ihnen in Brand. Auf Grund der zahlreichen Überfälle entschied Karl der Große 775 den Feldzug in Sachsen so lange weiterzuführen, `bis sie entweder besiegt sich der christlichen Religion unterwerfen oder aber vernichtet sind´.

Nachbildung Irminsul MarsbergNachbildung einer Irminsul in der Kirche St. Petrus und Paulus Obermarsberg

Doch der Standort dieses Hauptheiligtums konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. In einigen Schilderungen des Feldzuges wird sie zwar mit der Festung Eresburg in Verbindung gebracht doch eindeutige Beweise liegen dort nicht vor. Neben diesem Ort wird die Irminsul ebenso auf dem Desenberg bei Warburg, wie auch bei den Externsteinen oder auf dem Tönsberg vermutet. Der Name der Säule kann etymologisch auf die beiden althochdeutschen Worte irmin, groß und sul, die Säule, zurückgeführt werden. Nach Beschreibungen angefertigte Zeichnungen stellen das Heiligtum als Säule mit einem Kopf dar, der Ähnlichkeiten zu Flügelschwingen aufweist. Rudolf von Fulda, beschrieb knapp hundert Jahre nach dem denkwürdigen Ereignis das Heiligtum mit folgenden Worten: `Einen in die Höhe gerichteten Strunk von nicht geringer Höhe verehrten sie im Freien und nannten ihn in ihrer Sprache Irminsul.´Die Geschichte liefert dennoch einen spärlich Hinweis auf die Lage, den das Lager von Karl dem Großen muss sich in der Nähe eines wundersamen Brunnens befunden haben. Die Beschreibungen sprechen von einer plötzlich sprudelnden Quelle, so wie sie noch beim Bollerborn zwischen Kleinenberg und Willebadessen zu beobachten ist.

Irminsul ZeichnungIrminsul von Marianne Klement-Speckner, `“nach der Beschreibung alter Quellen und angelehnt an die Darstellung eines geknickten Baumes im Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen´

Die Lage der Irminsul muss als Kultort von zentraler Bedeutung gewesen sein, denn nach dessen Zerstörung hatte sich die Kirche aller größte Mühe gegeben, den Standort der zerstörten Irminsul über Jahrhunderte hinweg zu verschleiern. In den Beschreibungen wird sie mit dem Weltenbaumes Yggdrasil der germanische Mytholgie in Verbindung gebracht. Yggdrasil in Gestalt der Weltenesche verkörperte die Schöpfung als Gesamtes in Raum Zeit und Gedanke. Er stand im Zentrum der Welt und verband so alle drei Sphären, den Himmel, die irdische Welt und die Unterwelt. Gleichzeitig stand der Baum auch für eine Weltachse die das Himmelsgewölbe stützte. An der Wurzel dieses Weltenbaumes befand sich die Quelle von Urds Brunnen in dem zwei Schwäne lebten. Alles, was mit diesem heiligen Wasser in Berührung kam, so die Mythologie, war rein und mit lichtvoller Energie durchflutet.

Urdbrunnen NornenDer Urdbrunnen und die Schickslasfrauen

Neben dem Symbol des Lichtes, einem Verweis auf die Geschichte des Schwanes als ein Sonnenzeichen und Tier des griechischen Sonnengottes Apollon, stand der Schwan aber auch mit Hel, dem Reich der Toten, in Verbindung. Im damaligen Glauben war er Begleiter der Seelen, oder zeigte dem Totenschiff mit den Seelen von Verstorbenen den Weg. Das Sonnensymbol Schwan deutet aber auch auf eine zweite Eigenschaft der Säule, die Sonnensäule. Sie war Teil eines keltisch-germanischen Brauches, bei dem am 1. Februar hohe Stangen aufgestellt wurden, deren Spitze von der aufgehenden Sonne berührt wurden. Das Christentum übernahm diesen Brauch dann als Lichmesspfahl, oder auch Tin-Pales. So diente dieser Pfahl jedem Ort als eigener Zeitmesser, bis er von den ab dem 16. Jahrhundert gebräuchlichen Kirchturmuhren abgelöst wurde.

Auf dem Tönsberg am Rande des Teuteburger Waldes, ungefähr 27 Kilometer nord-westlich jenes Lagers beim Bollaborn, stehen heute die Reste einer Antoniuskapelle. Un- zählige Wundertaten sollen sich an seinem Grab des Heiligen in Padua ereignet haben, was in zu einem der beliebtesten Heiligen des Christentums machte. Doch nicht allein der beliebte Heilige, der in Rimini mit dem Schwung seiner Rede selbst Fische zum Zuhören brachte, weist auf den Standort eines großen Heiligtums hin.

Tönsberg PlanTönsberg und der Schwan

Es ist die Ausrichtung des Berges die zwei Eigenschaften der Säule perfekt vereint. Die Ausrichtung auf den Sonnenuntergang am 1. Februar, dem Zeitpunkt für das Setzen eines Sonnenpfahles und die Verbindung zur Weltenachse. Sie erfolgte in Gestalt des Schwanes, dessen hellster Stern Deneb um 750 nach seiner nächtlichen Reise in das galaktische Zentrum des Himmels, am 1. Februar zum letzten Mal über dem Horizont zu sehen war. Am eindrucksvolten war sein Bild jedoch zur Wintersonnenwende,  denn dann stand er in Bergrichtung mit seinen ausgebreiteten Schwingen wie ein Kreuz über dem Horizont.

Doch die Sichtung des Schwanes dürfte hier auf eine lange Tradition zurückzufphren sein, denn um 2200 v. Chr., in der Zeit der Lengfeldkultur, ging er am 1.Februar genau in Sonnenrichtung unter. Deshalb könnte Begriff Irminsul auf ein vielschichtiges und weitaus älteres Symbol hindeuten, dass als Symbol Weltenachse und Seelenvogel in einer Einheit verkörperte.

Bilder:Wikipedia, Nachbildung einer Irminsul in der Kirche St.Petrus und Paulus Obermarsberg, Wolfgang Poguntke/Irminsul als Weltenbaum mit neun Ästen./Simmulation Stellarium