Johannes und die Sonnensymbolik

 Ain Karem

Mit seiner Entdeckung in dem kleinen Ort Ain Karim, oder auch En Karim geschrieben, glaubte der jüdisch-englische Archäologe Shimon Gibson ein weiteres Glied innerhalb der Beweiskette biblischer Geschichte gefunden zu haben. Nach den Überlieferungen soll der kleine Ort Ain Karim, ganz in der Nähe Jerusalems, der Geburtsort von Johannes dem Täufer gewesen. Er war der Sohn von Elisabeth, einer Cousine Marias, und des Zacharias, eines Priesters im Tempel von Jerusalem. Zur Begegnung von Maria und Elisabeth in Ain Karim berichtet das Lukasevangelium, dass Maria nach der Verkündigung des Engels von der Geburt Jesu in eine Stadt im Bergland von Judäa ging um dort ihre Cousine zu besuchen. Gerade in diesem Evangelium wird der Lebensgeschichte des Täufers und Jesus viel Platz eingeräumt, denn beide Biografien sind nicht nur durch die verwandtschaftlichen Beziehungen eng miteinander verwoben.

Kopfreliquie des Johannes in Amiens

Für die Datierung des Geburtstages von Johannes am 24. Juni gibt dieser Text wichtige Hinweise, denn Elisabeth soll nach einem Wunder bei der Begegnung bereits im 6. Monat schwanger gewesen sein. Da das Ereignis der Verkündigung 9 Monate vor dem Geburtstermin Jesu, also am 25. März stattfand, wurde der Geburtstermin des Johannes auf den 24. Juni gelegt. Der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Flavius schrieb über ihn: `Johannes lebte als Asket in der Wüste, er trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften. In der Wüste aß er Heuschrecken und wilden Honig´. Genau zu dieser Beschreibung passte eine in den Fels geritzte Figur, die Shimon Gibson in einer Höhle von Ain Karim fand. Sie hält einen Stab in ihrer rechten Hand und ist mit einem Lendenschurz bekleidet. In ihrer Form erinnert sie an früh- byzantische Darstellungen von Johannes dem Täufer. Gibson ist sich sicher, dass sie von frühen Verehrern des Täufers stammt, die die Höhle für ihre Messen genutzt hatten und hält deshalb die Darstellung für authentisch.

Johannes, Ritzzeichnung in der Höhle von Ain Karim

Seine eigentliche Tätigkeit führte Johannes aber am Jordan aus, wo er dann eine Reihe von Anhängern um sich scharte, die er mit Wasser, dem Symbol der Errettung vor dem kommenden Weltgeschehen taufte. In der Nähe des heutigen al-Eizariya, auf der Ostseite des Flusses nahe des Toten Meeres, soll er dann auch Jesus getaut haben. Der wort- gewaltige Täufer nahm kein Blatt vor den Mund und scheute sich nicht auch den Lebenswandel des römischen Klinitelkönigs von Herodes Antipas zu kritisieren. Er warf ihm öffentlich vor, eine unrechtmäßige Verbindung mit seiner Schwägerin Herodia ein- gegangen zu sein. Seine Enthauptung nach dem Tanz der Salome, der Tochter des Herodes, wurde später zu einem beliebten Motiv in der Kunst. Der Ort dieses Geschehens war die südwestlich am Toten Meer gelegene Festung Machaerus, der Palast des Herodes. Sie liegt auf einem kegelförmigen Berg auf der Ostseite des Toten Meeres, im heutigen Jordanien, dort wo früher die Weihrauchstraße entlang führte. Nach der Er- oberung der Römer wurde die alte Festung zerstört und erst durch Herodes den Großen im neuen Römischen Stil wieder errichtet. Flavius Josephus beschreibt sie als unein- nehmbar und von furchteinflößender Stärke. Nach seinem Tod ging die Festung in die Hände seines Sohnes Herodes Antipas über, der Johannes hier gefangen hielt. Obwohl die biblischen Texte darüber allerdings keine genauen Aussagen machen, passt der Ort zur Biografie des Johannes, denn sie ist eng mit der Symbolik der Sonne verknüpft.

Gustave Moreau: Salomé, 1871

Zwei Beschreibungen, im Lukasevangelium und in der Offenbarung des Johannes, weisen auf diese Symbolik hin. So steht in Lukas 1,78f: `Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes´. Noch besser wird der Zusam-menhang zwischen Sommersonnenwende (Geburtstag des Johannes) und Winterson- nenwende (Geburt Jesu) im Evangelium des Johannes geschildert: `Er (Jesus Christus) muss wachsen, ich aber muss abnehmen´ (Johannes 3,30). In den vorchristlichen Mythologie war die Sommersonnenwende eine wichtige Zäsur. Neben der Freude über die kommende Ernte, verband sich mit der wieder abnehmenden Sonne auch die Vorstellung vom Tod.

Hagen tötet Siegfried, Postkarte

Diesse Vorstellung verkörpert In der germanischen Mythologie der Götterjüngling Baldur. Er war der Sohn der Frigg und wurde von einem Pfeil aus einem Mistelzweig getötet, den der Feuergott Loki auf ihn schoss. Ausgerechnet die Mistel hatte Frigg als zu schwächlich erachtet Baldur töten zukönnen und hatte sie deshalb nicht in ihren Schwur eingebunden. Auch in er germanischen Nibelungensage wiederholt sich das Todesdrama in der Mitte des Jahres. Hier wird der strahlende Held Siegfried von seinem Gegner Hagen getötet. Gemäß den Aussagen unterschiedlicher Kulturanthpologen war die Sonnenwende in viel- en Kulturen auch das Datum um einen Sonnenkönig rituell zu töten, damit er während der Wintersonnenwende mit neuer Pracht wieder auferstehen konnte. Auch die Verfasser der biblischen Geschichte bedienten sich nicht nur bei den Daten der Sonnensymbolik, sondern auch in der Wahl der Orte. Blick man zur Sommersonnenwende von der Festung Machaerus in Richtung untergehende Sonne, geht sie genau über seinem Geburtsort unter. Wie andere biblischen Ereignisse, zeigt sich auch im Leben des Johannes eine perfekt durchdachte Konstruktion der Geschichte.

Sonnensymbolik bei Johannes dem Täufer

Bilder: Wikipedia/ Ein Karem in the Jerusalem hills, Gila Brand / Kopfreliquie in Amiens, Maxim Massalitin / Johannes Ritzzeichnung, https://koptisch.wordpress.com( Spiegel) / Gustave Moreau: Salomé, 1871 Gustave Moreau / Simulation, sunearthtools