Teil 3 – Die Osterinsel und das Ende des großen Vogels

Der Schweizer Ethnologe Alfred Métraux hatte das Glück mit einer französischen Ex. ped- ition im Jahr 1934 den Pazifik bereisen zu können und besuchte dort einige Inseln des Polynesischen Dreiecks. Seine Erkenntnisse fasste er dann in dem im gleichen Jahr erschienen Buch `Ethnologie de l’île de Pâques´ zusammen. Darin kommt er auf Grund von überlieferten Aussagen der ersten Missionare zur Auffassung, dass Make- make der wohl wichtigste Gott in der Mythologie der Oster-Insulaner ist . Er war der Atua in Ideal-form und galt als der Schöpfer des Weltall. In ihren Erzählungen tritt der Schöpfergott fast immer zusammen mit seinem Gefährten Haua auf. Über die Einführ- ung des Kultes auf den Osterinseln gibt es mehrere Erklärungen. Eine berichtet von einer Priesterin die auf einer der heiligen Steinplattformen den Ahnu, einen heiligen Schädel hütete.

Makemake, Foto, Freunde der Osteinsel

Als der bei einem Sturm ins Meer gespült wurde, tauchte sie hinterher und rettete ihn. Kaum ruhte sie sich aus, erschien ihr Haua und erklärte ihr, dass sie den Schädel des Schöpfergottes gerettet habe. Der trug der Priesterin dann auf , wie sie das Volk lehren sollte, Makemake zu verehren. Eine andere Erzählung berichtet von der Jagd Make- makes nach den Vögeln, die er zusammen mit Haua bis zur Osterinsel verfolgt hatte. Dort traf er dann die Priesterin und trug ihr auf dem Volk seine Weisheit zu lehren. Dem Schöpfergott wurden hauptsächlich Hähne, Fische, Früchte, oder auch Stoffstücke geopfert. Doch französische Missionare berichteten auch von Menschen-opfern, bei den Gefangene, oder auch Menschen getötet wurden, die nach Absicht der Inselbe-wohner den Zorn Makemakes auf sich gezogen hatten. Mehrere Frauen sollen die sich auch bei ihnen bedankt haben, weil ohne ihr Einschreiten sonst ihre Kinder dem Gott der Osterinsel geopfert worden wären.

Polynesische Hokule’a, Foto HongKongHuey

Um die Weiten des Pazifiks zu überwinden, hatten die Polynesier ein eigenes Navigat-ionssystem entwickelt. Es half ihnen sich an Meeresströmungen, am Verhalten von Tier- en und ebenso am Lauf der Sterne zu orientieren. Dieses, unter dem Namen Kavainga, der Sternenpfad, bekannte geworden System kannte bis zu 200 Sterne und ihre Auf- und Unt-ergangspunkte wurden alle über Jahrhunderte hinweg beobachtet. Mit diesem Wissen ließen sich weit entfernte Ziele, auch ohne die Hilfe von Küstenlinien anpeilen. Als Ge-dächtnisstützen für diese langen Fahrten dienten dann sogenannte Stabkarten aus ge-flochtenen Zweigen. Auf denen waren mit Kaurimuscheln Inseln markiert und mit Hilfe von Knoten Orte verzeichnet, in denen während des Jahres konstante Windbe- dingungen und Strömungen herrschten. Doch ohne die raffiniert konstruierten Kats, den polynesischen Katamaranen hätte all das navigatorische Wissen wenig genutzt. Diese Katamarane hatten V-förmige Rümpfe und waren mit flexiblen Stangen miteinander ver- bunden. Ausgestattet waren sie mit den nur in diesem Gebiet verbreiteten Krebsscher- .en- Segel. Dieses dreiecksförmige Segel mit einer konkaven Seite wird an der spitzen Seite vom Wind angeströmt und dabei erweist sich die halbrunde Ausformung des Seg- els als ärodynamisch ideal. So perfekt war die Form, dass damit auch stärkere Winde genutzt werden konnten. So einfach wie die Form ist auch die Bedienung des Segels, da es sich leicht reffen lässt. Auf ihren Fahrten richteten die Navigatoren ihr Boot aber nicht nach einem Sternbild aus wie es etwa im Buch `Ursprung der Sternbilder´ von Kai H. Wirth beschrieben ist, denn meist polygonalen Formen bieten in der Nacht ja keinen exakten Fixierpunkt.Das grundlegende Prinzip der polynesischen Seefahrer war viel- mehr, zu jeder Jahreszeit die genaue Position von 80 wichtigen Leitsternen zu kennen. Ihr Erscheinen als `guiding stars´ und ihrer `follower´ mussten vor dem ablegen eines Schiffes erst abgewartet werden, ehe die Fahrt in der Nacht begonnen werden konnte. Aus Hawai ist bekannt, dass es hier 9 Hauptsterne, die maka’iwa, und die entsprech- ende Zahl von Be-gleitern gab. Mit ihnen zusammen bildeten die Navigatoren dann sogenannte Sterndrei-ecke, von denen sie 3 in jeder Nacht zur Kursbestimmung benötigten. Steven Roger Fischer hat in seinem 1998 erschienen Buch `Kleine Augen auf großer Fahrt – Zur Sternnavigation in Rongorongo´, den Zusammenhang zwischen den dortige Schriftzeich-en und den dazu passenden Navigationssternen eingehend untersucht. Aus Sicht der Inselbewohner waren Sterne aber nicht nur leuchtende Punkte am Nachthimmel, sondern die Augen der Atua, der vergöttlichten Ahnen. Als bekannteste Augen, die jede Nacht das Geschehen auf der Erde überwachen, wurden die Sterne der `kleinen Augen´ angesehen, die Plejaden aus em Sternbild des Stieres.

Navigationskarte Mikronesien

Jene spiralförmige Gestalt der Plejaden, en 7 Schwestern mit dem Alkyone, dem 15. Leitstern der Navigatoren, passt dann auch exakt in die Geometrie der Osterinsel. Ebenso passt auch das Sternbild des Schwanes zur Geometrie, der bis ins 18.Jahr hundert, wenn auch nur Kurz am Nord-Horizont zu sehen war. Er bietet auch eine Ver- bindung zum Kult der Moai, der an den Küsten aufgestellten Steinfiguren. Auf einer ist ein Vogel abgebildet und dessen Proportionen passt Form des Sternbildes, das kurz vor Sonnenaufgang am 1. Mai im Norden noch zu sehen war. So deckt sich die Form der Insel mit de, Aufstieg des Schwanes, wie er im 4.Jhd. zu sehen war, der vermuteten frühesten Ankunft der Polynesier auf de Osterinsel. Das Bild könnte auch den Schlüssel zu den rätselhaften Figuren mit ihren bunten Kopfbedeckungen liefern. Entsprechen sie doch den Gebinden, mit denen die Vogelmänner die heiligen Eier sicher zurück auf die Insel brachten. Folglich wären die Moai-Statuen dann die Erinnerung an jene vergött.- lichten Sieger, im Kampf um das heilige Ei. Das Dreieck bestimmte die Kultur Polynes- iens, von der Sternennavigation, über das Schiffssegel, bis hin zu einer Landschaft weit verstreut liegender Inseln. Wohl zu echt kann die Osterinsel, auf der Mittelachse des Polynesischen Dreiecks liegend. dann als der Nabel jener paradiesischen Welt be- zeichnet werden. Dass sie vor dem Hintergrund ihrer besonderen Gestalt nur eine Sied- lungs- fläche war, ist kaum vor- stellbar. Viel mehr kann sie als eine Art von Sehnsuchts- ort gesehen werden, ähnlich den Paradiesvorstellungen die es in den Mythologien and- erer Kulturen gibt. Immer wieder wurde das Verschwinden der Osterinselkultur mit einem Zusammenbruch des dortigen Öko-Systems in Verbindung gebracht, doch das Ver- schwinden jenes Vogels, der im 16. Jhd. nicht mehr über den Horizont aufstieg, könnte auch das Ende jener rätselhaften einer Mythologie bedeutet haben. Mit diesem Ver- schwinden des Vogels verlor die Kultur dann auch ihren sinnstiftenden Mittelpunkt.

Der Vogel auf dem Rücken einer Statue (moai), Steinritzung und das Sternbild des Schwans

Fotos: Makemake, Foto, Freunde der Osteinsel/ Wikipedia / Hokule’a, Hawaiian double-hulled canoe sailing off Honolulu, 2009. Foto HongKongHuey/Micronesian navigation device showing directions of winds, waves and islands, c. 1904 S. Percy Smith, Gravor des Vogels auf einem Moai, Foto Freunde der Osterinsel