Theatrum sacrum in Beuron

Aerial view of Beuron convent in the Danube valley, Foto Simisa

Knapp 90 Jahre nach dem für Europa verheerenden 30-jährigen Krieg, beauftragte Abt Rudolff II von Strachwitz 1732 den Rottweiler Baumeister Matthäus Scharpf mit dem Baue einer neuen Kirche im Kloster Beuron Kloster. Sie sollte die alte, noch aus dem Mittelalter stammende Basilika ersetzen. Sie entstand in einer Epoche voller Span- nungen, denn trotz des vergangenen Krieges blieb Europa religiös gespalten. Auch die Gefahr, der der am 12. September 1683 bei der Schlacht am Kahlenberg in Wen be- siegten Osmanen war noch immer akut. Wie unversöhnlich sich die beiden Konfessionen immer noch gegenüberstanden. zeigt die Ausweisung von 20000 evange-lischen Christen aus dem Fürstentum Salzburg im Jahr des Baubeginns in Beuron. Diese Vertreibung der Exilanten, von denen die meisten nach Preussen auswanderten, war eine Folge der Gegenreformation, mit der die römische Kurie den reformierten Glauben wieder zuück drängen wollte. Sie fand ihren künstlerischen Ausdruck im Baustil des Barock, der unter Kunsthistorikern als der letzte Baustil angesehen wird, der dem Begriff eines Gesamtkunstwerkes gerecht wird.

Langhaus der Beuroner Klosterkirche St. Martin, Beuron, Foto Zairon

Nur ein Jahr nach dem Baubeginn in Beuron, begannen auch die beiden Asam-Brüder in München mit dem Bau ihrer Privatkirche, die heute den Namen der beiden berühmten Baumeister und Stuckateure trägt. Die Kirche in der Sendlinger Straße gilt als eines der bedeutendesten Kirchen des süddeutschen Spätbarocks. In diesem Baustil findet die Religiosität, aber auch die Intentionen der Gegeneformation ihrer vollkommensten Aus- druck. Die Ausdrucksformen katholischer Liturgie und Frömmigkeit werden hier zu Elementen einer theatralischen Inszenierung verbunden. Architektur, Plastik und Malerei werden mit Hilfe der Lichtführung zu einem Erlebnisraum vereint, dem Theatrum sacrum. Der große Menge der Bevölkerung die des Lesens unkundig war, sollte so die richtige Heilslehre durch ein dramatisches Erleben nahegebracht werden. Diese figur- ative Kunst war nun von ausdrucksstarken Gebärden und Mimik geprägt. Sie sollte den Betrachter zum Mitfühlen bewegen. Eine besondere Aufgabe dieser sakralen Theat- erkunst hatte die kirchlichen Festdekorationen, die auch mit ‚apparato‘ oder , ‚machina‘ bezeichnet wurde. Bekanntesten Beispiele dieser Form des ‚theatrum sacrum‘ sind die sogenannten Quarantore-Dekorationen, die bevorzugt in der Karwoche aus Anlass des 40-stündigen Gebets errichtet wurden. An dem einst in der Kirche er- richteten Hochaltar, sind heute nur noch einige Skizzen Feichtmayers und ein Foto er- halten.

Asamkirche Innenansicht, Foto Berthold Werner

An dem Werk arbeitete Feichtmayr und die Gebrüder Dürr drei Jahre lang, bis der Altar im Jahr 1763 geweiht werden konnte. Feichtmayr stammte in der 4. Generation aus einer Dynastie Wessobrunner Baumeister und Stuckateure Mit seinen großen Arbeiten in den Stiftkirchen von Einsiedeln und Engelberg erreichte er in den 1730-er Jahren seinen endgültigen Durchbruch. Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte Feichtmayr mit seinen Arbeiten in der Kirche von Birnau. Knapp 150 Jahre hatte das Kunstwerk bestand, bis es Benediktinermönche am 12. August, 3 Tage vor dem Feiertag Mariä Himmelfahrt. Mit dieser kirchengeschichtlich wohl einmaligen Tat, sollte der Altar für neue liturgische Erfordernissen vorbereitet werden.

Der Altar Feichtmayers

Auch dies geschah in einer Zeit voller Spannungen, denn in Deutschland strebte de Kirchenkampf seinem Höhepunkt entgegen. Bereits bevor der preußische König deutscher Kaiser wurde, äußerten sich solche Spannungen im Großherzogtum Baden im sogenannten badischen Kirchenkampf. Es war jene Auseinandersetzung zwischen Staat und katholischer Kirche, die das Ende des 19. Jahrhunderts überschattete. Mit diesem Machtkampf, den die preußische Regierung unter Reichskanzler Otto von Bismarck betrieb, sollte die katholische Kirche weitgehend aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden. Die einst Martin von Tour und Maria geweihte Kirche behauptete sich dennoch. Ihe beiden Patrone St. Martin und Maria wurden einst klug gewählt, denn mit Mariä Lichtmess begann einst das Bauernjahr, das am Martinitag wieder endete. Bei der Ausrichtung der Klosterkirche, die um wenige Grad von der Ost-Westachse ge- dreht wurde, wurde aber nicht St. Martin von Tour der Vorzug gegeben, sondern Maria. Sie war die Identifikationsfigur im Glaubenskampf de Gegenreformation und stand meist im Mittelpunkt jenes Theatrum sacrums. Nach dem Sieg in Wien erhielt sie einen eigenen Feiertag, der nach Papst Innozenz XI. In der gesamten Kirche gefeiert werden musste. Er legte ihn auf den Sonntag nach Maria Geburt, doch  von Papst Pius X.später wurde er  auf den 12. September verlegt.

Ausrichtung der Kirche St. Martin und Maria

Im Jahr der Grundsteinlegung fiel dieser Tag auf den 14. September und da stieg die Sonne in der Baulinie de Kirche über dem Felsenkonglemerat der gegenüberliegenden Hangkante auf. Der Ge- denktag ist wohl auch politisch gewollt, aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit doch die Klosterkirche zeigt, welch tiefgreifende Spuren der Sieg der polnischen Flügelreiter vor Wien bei den Menschen hinterlassen hat. Dass das Kloster aber nicht ohne Grund gerade an dem Ort errichtet wurde, zeigt auch Bezug zum südöstlich gelegenen Petersfels, wo vom Brunnenhof des Klosters aus, im Mittelalter der Sonnemaufgang am 2. Februar beobachtet werden konnte.

Fotos: Wikipedia / Deutschland, Baden-Württemberg, Aerial view of Beuron convent in the Danube valley, Foto Simisa , CC BY-SA 3.0 / Langhaus der Beuroner Klosterkirche St. Martin, Beuron, Foto Zairon / Asamkirche Innenansicht, Foto Berthold Werner, Simulation, sunerthtools, opentopomap, googlemap

Der brennende Speer der Notre-Dame de Paris

Der Turm unmittelbar vor dem Absturz, Foto Incnis Mrsi , Remi Mathis

Spektakulär, stürzte der Vierungsturm der Kathedrale von Notre-Dame de Paris in das lodernde Flammenmeer, das sich während des Brandes am 15. April auf dem Dach aus- gebreitet hatte. Der Turm war ein Werk der beiden Architekten Jean-Baptiste Antoine Lassus und Eugène Viollet-le-Duc, die die Renovierungsarbeiten der Kathedrale Mitte des 19. Jahrhunderts betreuten. Heute wird das Werk Viollet-le-Duc zugeschrieben, ein- em der großen Erforscher mittelalterlicher Baukunst in Frankreich. Die Erkenntnisse seiner Forschungen, zusammen mit zahlreichen Zeichnungen veröffentlichte er in dem Buch `Wörterbuch der französischen Architektur des 11. bis 16. Jahrhunderts´. Der Vier- ungsturm war eine mit Bleich verkleidete Holzkonstruktion aus Eichenbalken, die durch ein Sprengwerk mit den steinernen Vierungspfeilern der Kathedrale verbunden war. Er ersetzte den erst im 18.Jahrhundert zusammen gestürzten Vierungsturm aus dem 13.Jahrhundert. Seine Gestalt, wenngleich etwas, war dem Turm der Kathedrale von Orléans nachempfunden. Hier war 1429 die letzte Bastion der Franzosen während des 100 Jahre dauernden Kampfes gegen die Engländer, die im selben Jahr unter der Führung in Jeanne d`Àrc befreit werden konnte. Unterhalb dieses Turmes standen auf stufenartigen Podesten angeordnet,

Konstruktionseichnmung Viollet-le-Duc, Scan BuzzWikimedia

16 überlebensgroße Statuen der 4 Evangelisten, sowie der 12 Apostel. Die Zahl 16 taucht auch wieder in der Höhe des Turmes auf, der auch Flèche, der Speer genannt wird. Er war 96 m hoch und entsprach damit dem Produkt 6×16. Die erste Quersumme der 96 ergibt 15 und verweist mit der 1 auf den Schöpfergott und mit der 5 auf den Menschensohn. Aktuell, auf Grund des Brandes natürlich auch auf das Datum des15. April. In der Bibel steht die Zahl 96 in Zusammenhang mit dem Weggehen, der Entfern- ung vom Glauben und auch dem Zurückkommen.

Die Statuen auf der südöstlichen Seite des Turms, Foto Peter Haas

Das Motiv des Speers verweist aber auch auf die keltisch-gallischen Wurzeln des Glaubens und damit verbunden den Feiertag Imbolc. An diesem Tag wurde mit der Göttin Brigid das neu erwachte Licht des Jahres gefeiert. Sie war die Schutzgöttin kultureller Güter, zugleich Heilerin und Wissens-vermittlerin. Übersetzt bedeutet ihr Name glänzender Pfeil, Feuerpfeil, die Strahlende, Erhabene, Mächtige oder auch die Kraft. Der Tag wurde im Christentum dann zu Mariä Lichmess, ein heute längst nicht mehr gebräuchlicher Name. Inzwischen zählt das Fest zu den 23 Herrenfesten der patriarchal geprägten Kirche, wobei die ursprünglichen Wurzeln des Festes nur nut noch in ländlichen Gebieten bekannt sind. Doch diese Erinnerung an den Ursprung des keltisch-gallischen Glaubens ist in der Geometrie der Île de la Cité, wie auch der Kathedrale von Notre-Dame de Paris erhalten geblieben, denn sie ist auf den Sonnen-aufgang an 2. Februar ausgerichtet, an dem früher das 2. große Marienfest des Jahres gefeiert wurde.

Sonnerichtung der Île de la Cité

Da der 15. April ein geradezu symbolisches Datum darstellt, lohnt sich hier ein Blick zu- rück. Vom 2. Februar, dem 33. Tag im Jahr, bis um 15. April sind es 72 Tage. Diese Zahl verweist nicht nur auf den Zyklus der Erde wo sich alle 72 Jahre der Fixsternhimmel um 1° verschiebt, sondern eben auch auf den Zahlenwert des Gottesnamens Jahwe im Alten Testament. Den gleichen Zahlenwert besitzen aber auch die hebräische Wort für Gunst, Güte, Liebe oder Gnade im, die in der Buchstabensumme ebenso den Totalwert 72 ergeben. Der Verweis auf die Zahl 72 erschließt nun auch das Motiv Feuer. Der Gott der Israeliten erschien Moses in einem brennenden Dornbusch und wurde im Alten Test ament mehrmals verzehrenden Feuer erwähnt. Nicht nur der Zorn Gottes wird dort als Feuer gesehen, auch sein Wort wird als Feuer betrachtet.

Der Vierungsturm über Haupt- und Querschiff, 2018. Foto Hilader

Bilder: Wikipedia/  Der Turm unmittelbar vor und nach dem Abknicken der Spitze, Incnis Mrsi (montage) Remi Mathis (photos),CC BY-SA 4.0 / Konstruktionseichnmung Viollet-le-Duc, Scan Buzz Wikimedia / Die Statuen auf der südöstlichen Seite des Turms, Foto Peter Haas / Der Vierungsturm über Haupt- und Querschiff, 2018. Foto Hilader