Symbolik der Ausrichtung – die Sonne der Markuskirche

Die Markuskirche, Zinnmann

Ganz im Sinne des Eisenacher Regulativ wurde die Sonnensymbolik Teil der Ausrichtung der Markuskirche. So geht die Sonne in der Achse des Kirchenschiffes am 25. April, dem Gedenktag des Apostels Markus unter. Ganz entgegen der sonst üblichen Praxis wurde hier der Chor auf den Sonnenuntergang und nicht auf deren Aufgang ausgerichtet. Zu- sammen mit dem Georgstag am 23. April gehört der Markustag zu den wichtigen Los- tagen im bäuerlichen Kalender, an denen eine Wetterprognose für die folgenden Wochen möglich ist. In der Stadt Venedig, deren Stadtheiliger Markus ist, wurde einst am 25. April das Fest der Rosenknospe gefeiert, das wohl auf den römischen Feiertag Robigaloa zu- rückzuführen ist. Nach der Übertragung der Reliquien des Apostels wurde es dann zu dessen Feiertag umgewandelt. Das Attribut des Markus ist der geflügelte Löwe, der in dieser Form auf die Offenbarung des Johannes zurückgeht.(Offb 4,7) In dieser Endzeit- schilderung werden die vier dem Thron Gottes nahe stehenden Lebewesen geschildert, die auf die Evangelisten hindeuten. Der Kirchenvater Hieronymus ordnete die vier, die einem Löwen, einem Stier, einem Menschen und einem Adler gleichem dann den Evange-listen zu. Dabei teilte Hieronymus den Löwen Markus zu, da dessen Evangelium mit der Predigt von Johannes dem Täufer beginnt, also mit der Stimme des Rufers in der Wüste.

Darstellung des Evangelisten Marcus im Lorscher Evangeliar mit schwarzem, geflügeltem Löwen, karolingische Buchmalerei aus dem Skriptorium der Abtei von Lorsch, um 810

Zum Mut des wortgewaltigen passt der Löwe als Symbol, denn schon bei den Griechen galt Löwe als Symbol des Mutes. So wurde nach der Schlacht bei den Thermopylen für Leonidas ein steinerner Löwe errichtet. Als Symbol des Evangelisten vereinigt er sowohl kosmologische wie christologische Elemente. Als kosmologisches Zeichen greift der Löwe die seit Babylon geltende Symbolik des Wächtersternes auf, denn der hellste Stern des Löwen, Regulus, galt seit der Frühantike als einer der 4 Wächtersterne. Als Symbol der Macht betont der Löwe damit die Herrscherrolle Christi, der König David, dem Löwen von Juda folgte. Doch einen weiteren Teil dieser Symbolik verdankt der Löwe dem Stern-zeichen und dessen Platz im Tierkreis, wo es für den Hochsommer steht, der Zeit der stärksten Sonnenkraft. Als Symbol der Macht und Weisheit, ist er seit alters her eine Wächterfigur für Throne, Tempel und Gräber. In dieser Funktion wacht er auch auf dem Dach der Markuskirche, auf dem er in Richtung Sonnenuntergang blickt.

Ausrichtung der Markuskirche

Der Winkel zwischen Sonnenuntergangspunkt und dem Meridian beträgt hier 285° Die Zahl lässt sich auch als Produkt der Zahlen 3x5x19 darstellen. Dabei verweisen die 3 auf die Trinität und die 19 mit der 1 auf Gott und der 9 auf die göttliche Herrlichkeit. Die 19 verweist aber auch auf den Mond als das Urbild der Götter, denn nach 19 Jahren, sind die Mondphasen wieder mit den Kalendertagen des Sonnenjahres identisch. Mit dem Mond wird auch die Gestalt der Urgöttin identifiziert. Eine letzte Spur dieses Bildes in der Bibel zeigt sich in der Gestalt der Eva, die in der hebräischen Sprache chewah geschrieben wird. Das Wort hat den Buchstabenwert 8-6-5 und damit die Quersumme 19. Eva wurde aus der Rippe geschaffen, der Mondsichel, die im Hebräischen Zela heißt und mit den Buchstabenwerten 90-30-70 die Gesamtsumme 190 darstellt. Dies ist die 19. Dreiecks- zahl und verweist mit der geometrischen Form auf ein matriarchales Symbol der Frucht-barkeit. Die Eigenschaft als Dreieckszahl teilt der Winkel auch mit dem der Ostseite. Dort beträgt der Winkel 105° und entspricht damit der 14. Dreieckszahl.

Beispiel für Dreieckszahlen

Die Zahl 105 lässt sich in das Produkt 1x3x5x7 zerlegen und beinhaltet damit die 4 Zahlen die in der christlichen Symbolik eine wichtige Rolle spielen. Im Alten Testa- ment wird die 105 im Zusammenhang mit Seth erwähnt, dem Sohn Adams. Er ist 105 Jahre als dessen Sohn Enos geboren wurde. Dieser Name bedeutet Mensch, aber auch schwach, hinfällig, oder auch sterblich. Auf den Mensch verweist auch die Quersumme der 105, die 6. Dieser Symbolik folgt die Schilderung von Enos Geburt in einem 6. Vers. Zur Ostwestachse beträgt der Winkel damit 15°. In dieser Zahl zeigt sich die 1, das Sinnbild für Gott und die 5 als Zahl des Menschensohnes. Ebenso steht die 5 aber auch als Sinnbild der Überschreitung der Schöpfung, die durch die 4 Himmelsrichtungen symbolisiert wird. In dieser Zahl scheint auch die Maße der Bundeslade durch, die durch die Maße 5/2 zu 3/2, oder auch 5 zu 3 beschrieben werden. Damit wird durch die 5 eine Entwicklungslinie aufgespannt, die von der Bundeslade bis zu Christus führt. Die von Hans Dolmetsch erbaute Kirche ist eine dreischiffige Hallenkirche. Doch die niedrigen Seitenschiffe vermitteln den Eindruck einer Saalkirche, der Raum ebenso den Fordeungen des Eisenacher Regulativs entspricht. Obwohl die Lichtwirkung der Sonne am Markustag keinerlei Bedeutung mehr für den Innenraum hat, verweist Heinrich Dolmetsch mit der Ausrichtung noch einmal auf eine Tradition die heute verloren ist.

Markuskirche Stuttgart, Portal, Muesse

Bilder: Wikipedia / Die Markuskirche, Zinnmann / Darstellung des Evangelisten Marcus im Lorscher Evangeliar, karolingische Buchmalerei, um 810 / Skriptorium der Abtei von Lorsch /Scriptorium of the Lorsch Abbey (Hofschule Karls des Großen), Germany – Probably from the Batthyaneum Library, Alba Iulia, Romania (First written part – Gospels of Matthew and Mark, preliminary matter and canon tables) /Markuskirche Stuttgart, Portal Muesse / Simmulatuion, google map, sunearthtools.