Die Toteninsel Mont Saint-Michel

Die Toteninsel, Arnold Böcklin, 1880

Eines der wichtigsten Werke der Symbolik stammt von Arnold Böcklin, der es in 5 Versionen zwischen 1880 und 1886 geschaffen hat. Das Gemälde die Toteninsel zeigt in düsteren Farben gemalte, aus dem Meer aufragende Felseninsel. Zwischen den Zypressen, sind zahlreiche in Felsen eingelassene Grabkammern zu sehen, die ein Boot ansteuert, auf dem ein Sarg zu sehen ist. Das Bild thematisiert eine Vorstellung, die seit der keltischen Mythologie aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist: Das auf der Erde sichtbare Tor zu einer anderen Welt.  In dieser Kultur herrschte die Vorstellung einer Durchdringung beider Welten, die beide eine Einheit bildeten. Deshalb gab es auch Orte, an denen beide aufeinander trafen, wie heilige Haine oder Berge wie der Silevenamon, die zu be stimmten Zeiten wie an Samhain, dem heutigen Aller-heiligen, durchlässig für Kontakte mit der Anderswelt waren.

Der Slievenamon aus Nordosten, Foto Trounce – einer der Mythenberge Irlands

In dieser Anderswelt, so die damaligen Vorstellungen, würden die Körper der Menschen ohne die Sorgen der realen Welt in einem paradiesischen Zustand weiter existieren. Weit verbreitet waren deshalb auch Vorstellungen von einem Seelenführer, welcher den Verstorbenen auf ihrem Weg in die Anderswelt begleiteten. Bei den Kelten übernahmen Krähen diese Rolle, während die Wikinger, ähnlich dem Charon in der griechischen Mythologie, einen Seelen-Fährmann in dieser Funktion sahen. In jener Welt führten die Seelen ihr Leben weiter, was antike Autoren als Vorstellung von Wiedergeburt inter-pretierten. Das Motiv der wieder geborenen Seele war noch lange nach keltischer Zeit fester Bestandteil irischer Sagen und Mythen. Auch der im 6. Jahrhundert lebende römische Schriftsteller Prokopius schrieb über diesen geheimnisvollen Aspekt der keltischen Kultur. Laut dessen Beschreibungen lebte an der Küste Galliens ein Stamm, deren mit der Aufgabe betraut war, die Seelen Verstorbener zur Toteninsel nach Nordbritannien zu überführen. Mehrere Inseln werden vor der englisch-irischen Küste heute noch mit dem Brauch verbunden, Tote auf eine Insel zu überführen.Die wohl bekannteste unter ihnen ist die vor der wallisischen Küste gelegene Insel Bardsey.

Bardsey,Insel der 20000 Heiligen, von Mynydd Mawr aus gesehen, Foto Nowster

Auch der heutige Mont Saint-Michel soll einst eine solche Toteninsel gewesen sein. Letzte Spuren dieser Vorstellung sind auch noch in der jüngsten Vergangenheit zu entdecken, denn noch bis bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts kannten die Einwohner von Pleine-Fougères, einem Dorf zehn Meilen von Mont-St-Michel entfernt, einen Brauch, der an die keltische Anderswelt auf dem Felsenberg erinnerte: Starb dort ein Bewohner des Dorfes, so wurde sein Sarg auf einen Hügel der Bucht gebracht und für einige Augenblicke in die Richtung des Mont Saint Michel gedreht. Berichte über diesen längst aufgebenen Brauch zufolge, hatten die Dorfbewohner geglaubt, dass der Mont St. Michel mit dem Übergang der Seele in die andere Welt verbunden sei. Die Vorstellung eines Seelenführers wurde in den frühen Vorstellungen des Heiligen Michael adaptiert, der so die keltische Vorstellung einer Anderswelt in veränderter Form weiterführte. Auch die Vorstellung einer Toteninel taucht dort im frühen Name auf, wo die Insel Mont-Tombe genannt wird. Der Name lässt sich auf das lateinische Wort ‚tumba‘, das Grab zurückführend.

Alignement Mont Saint-;Michel /Avranches (Karte Ancient Wisdom)

Die Geschichte der Felseninsel reicht aber viel weiter zurück, wie ein Alignement von mehreren Dolmen zeigt. Es beginnt bei Dol de Betragne und führt über Saint Broladre und La Doultiere, dem Mont-Saint Michel weiter zum Burgberg von Avranches. Diese Linie gleicht im Wesentlichen der weitaus berühmteren St. Michaels-Line im Süden Englands. Auch sie verbindet auf ganz ähnliche Weise zahlreiche Orte des Megalith-Zeitalters. Beide besitzen aber auch die gleiche Ausrichtung, denn sie weisen auf den Sonnenaufgang am 6. Mai, also 2 megalithiche Monate nach dem Frühlimgsäqiunokt- ium, Dies deutet auch darauf hin, dass die Insel bereits im 3.Jtsd. ein bedeutender ritueller Ort war. Steht am aber am Abend von Samhain, dem heutigen Allheiligentag auf dem südwestlich von Avranches gelegenen Aussichtpunkt, dem Bois guerins, wird man wieder zurückversetzt in die Mythologie er Kelten. Dort erinnern nicht nur die vielen seltenen Pflanzen an eine längst vergangene Welt, sondern auch der Sonnenuntergang am 31. Oktober über dem Mont Saint-Michael.

Mont Saint–Michel ,Samhain

Mont Tomba,Rekonstruktion aus dem 11.Jhd.

In Avranches ist laut den Erzählungen Bischof Aubert im Jahr 708 der Erzengel er- schienen und hatte dem anfangs zögerlichen Bischof aufgetragen auf dem Monte tomba eine Kirche zu bauen. Nachdem Aubbert den Entschluss gefasst hatte, schickte er gleichzeitig Abgesandte zum Michaelsheiligtum nach Gargano, die sich dort um die Beschaffung von Reliquien kümmern sollten. Mit einem Teil des Mantels von Michael und einem Stein auf dem sein Fußabdruck zu sehen ist kamen sie zurück,so dass ein Jahr später, am am 16.Oktober die erste Kirche geweiht werden konnte. Diese Weihe erfolgte am Tag der ersten Erscheinung, am 16.Oktober, nur einen Tag nachdem in der Antike so beliebten Opferfest, dem Oktoberpferd zu Ehren des Mars. Der Bau von dem sich Reste im Gewölbelabyrinth erhalten haben, hatte noch bescheide Ausmaße. Doch mit dem Eintreffen der Benediktinermönche im Jahr 966 begann sich das Gesicht der Felseninsel zu wandeln. Im Laufe der Geschichte entstand hier, neben dem ersten europäischen Michaelsheiligtum in Gargano das zweite, das noch heute zahlreiche Wallfahrer anzieht.

Bilder: Wikipedia 7 Vista del Mont Saint Michel alla fine del X secolo (incisione del 1910 di Paul Gout)., Paul Gout (1852-1923) / Die Toteninsel, Arnold Böcklin 1880 ,Foto Unbekannt 2. The Bridgeman Art Library, / Alignement Mont Saint-;Michel /Avranches (Karte Ancient Wisdom) Bardsey von Mynydd Mawr aus gesehen, Foto Nowster / Simulation, sunearthtools,opentopomap

Mont Saint-Michel – das Bild der Offenbarung

Mont Saint MichelMont Saint Michel

Die Darstellung des Mont Dol zeigte die Beziehung zum Mont Saint Michel,  die vom Sonnenaufgang am 1. Mai bestimmt wurde. Wie das Beispiel der Abteikirche auf dem Mont Saint Michel zeigt, folgte auch das Christentum  dieser Jahrtausende alten Tradtion der Sonnengeometrie. Vor dem Bau der Abtei im Jahr 800 trug die 92 m hohe Insel den Namen Mont-Tombe. Die Bewohner erklärte diesen Namen mit der auffälligen Ähnlichkeit des Ortes mit einem Grabhügel. Der Legende zufolge erschien im Jahr 708 dem Bischof Aubert von Avranches der Erzengel Michael und erteile ihm den Auftrag zum Bau einer Kirche auf der Insel. Doch der Bischof auch den mehrfach wiederholten Aufforderungen nicht, bis der Engel ihm mit seinem Finger ein Loch in den Schädel brannte.
Als im 10. Jahrhundert die Normannen zum Christentum übergetreten waren, bekamen sie dafür vom französischen König das Herzogtum Normandie zugesprochen. Im Jahr 966 stiftete Richard I. auf dem Mont Saint-Michel eine Abtei, die 30 Benediktinermönchen ein zuhause bot. Sie entwickelte rasch sich zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum.
Für die Menschen des 13. Jahrhunderts stellte das gotische Bauwerk mit seiner schwindelerregender Höhe ein absolutes Wunder dar.

Monte GarganoMichael erscheint auf dem Monte Gargano

Die Gestalt Michaels als Engelswesen wird im jüdischen Tanach ebenso wie im Alten und Neuen Testament erwähnt. Ein wesentlichen Impuls er- hielt die Michaelslegende durch die Erzählungen über dessen Erscheinung m Jahr 490 auf dem Monte Sant’Angelo im Garganogebirge in Apulien. Ein Viehzüchter soll dort einen Stier gesucht haben und wollte ihn auf einem Felsvorsprung über einer Höhle mit einem Pfeil töten. Dabei lenkte eine wundersame Begebenheit den Pfeil zurück, Der Schütze überlebte auf Grund von Gebeten des Bischofs von Siponto. Ihm erschien daraufhin der Erzengel und erklärte, dass er dieses Wunder vollbrachte, damit dort ein Heiligtum für ihn errichtet werde. Dies entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer der bedeutensten Wallfahrtstätten Italiens.
Bevor 708 Bischof Aubert seine Begegnung mit dem Erzengel hatte, half der auch nach einer Anrufung durch Papst Gregor im Jahr 590 die Stadt Rom von der Pest zu befreien. Aus diesem Grund änderte er auch den Namen des Hadrianmausoleums in Engelsburg. Ehe Michael in Gargano erschienen sein soll, war seine Gestalt noch weit entfernt von der kämpfer-ischen Rolle die ihm später zukam. Viel mehr hatte er die Funktion eines Seelenwägers, Weisen und Heilers, ähnlich dem griechischen Gott Askleipaios. Teilweise  wurde sogar dem ägyptischen Gott Osiris gleichgesetzt.

Michael SeelenwägerDer Seelenwäger

Einer dieser Sprüche aus 4. Jahrhundert mit denen Traumorakel ge- sprochen wurden lautete: Traumforderung ins Licht. Reinige dich von deinem Licht, und sprich bis es erlischt. Sei gesund, Licht, scheine neb- en dem Hasrentheptha und dem Harsenthenechta und dem großen Vater Osiris Michael. Wenn es gut ist wie ich fordere, so zeige mir Wasser und Holz, wenn anders, so zeige mir Wasser und Stein. Der Zauberspruch ist gleich in zweifacher Hinsicht aufschlussreich, denn er bringt den jüdischen Totenengel in Zusammenhang mit dem ägyptischen Gott Osiris.

Mont Saint Michel KircheDie Abteikirche

Der Gedenktag des Erzengels, der später zum Patron der Deutschen wurde, ist der 29. September, doch die Widmung der Kirche fällt auf den 16. Oktober. Doch beide Daten passen aber nicht zu Ausrichtung des Kirchenschiffes. Die anfängliche Rolle des Heilkundigen verlor er aber  bald wieder, denn im Laufe des 7. Jahrhunderts erhielt Michael eine zu- nehmend kriegerische Funktion. Sie entsprach auch den Schilderungen   in Texten der Johannes-Offenbarung. Hier weckt Michael während des jüngsten Gerichtes nicht nur die Toten aus den Gräbern auf, sondern tötet im endzeitlichen Kampf den Drachen zu seinen Füßen (Offenbarung 12, 4 – 7). Den stürzt er anschließend in den Abgrund. n der christlichen Literatur ist Drache die personifizierte Figur des Teufels, der von Michael und später auch vom heiligen Georg getötet wurde, die beide zu Vorbildern für das erstarkende Rittertum wurden.

MondsichelmadonnaMondsichel Madonna

Doch Johannes sah während seiner Vision noch ein weiteres Zeichen    am Himmel und schrieb: `Ich sah eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; sie hatte den Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in ihr- en Wehen, denn die Schmerzen unmittelbar vor der Geburt hatten sie erfasst´. Aus dieser Frau, die den Kampf des Erzengels vom Mond aus verfolgt wird später das beliebte Motiv der Mondsichelmadonna mit dem Strahlenkranz. Die figürliche Entwicklung war damit aber nicht zu Ende, denn der Kranz der 12 Sterne und die Farbe ihres Gewandes findet sich heute in der Flagge Europas. Doch die landläufige Interpretation die sich auf vielen Altären finden lässt trifft gar nicht den Sachverhalt. Vielmehr symbolisiert die Frau das Volk Gottes und die Sonne mit der sie bekleidet ist ein Sinnbild Christi. Auch das Bild des Mondes ist keinesfalls wörtlich zu verstehen, denn im Gegensatz zur Sonne hat der Mond keine eigene Leuchtkraft. Er reflektiert das Licht der Sonne und stellt auf diese Weise . Er ist auf diese Weise ein treffendes Sinnbild der Kirche dar die das geist- liche Licht und ihr Leben allein von ihrem himmlischen Herrn empfängt.

Mont st. Michel Plan1Ausrichtung nach der Sonne

Dennoch bestimmte Verbindung Michaels mit Maria die Ausrichtung der Kirche. Traditionell wurde sie bei den Benediktinern verehrt und im Volks- glauben bestimmte sie das Bild der Offenbarung. Addiert man den Winkel des Sonnenaufganges am 29. September mit dem Hochfeiertag Marias, Maria Himmelfahrt am 15. August ergibt dies den Winkel der Baulinie. In- sofern stellt der Kirchenbau ein Abbild dieses kämpferischen Einsatzes des Erzengels während der Johannesvision dar.
Auch das Motiv der mit zwölf Sternen besetzten Krone auf dem Kopf der Frau war kein reines Zahlensymbol, sondern versteht sich als ein Sinnbild des zwölffachen Leitungs- und Lehreramtes der Kirche. Insofern, voraus-gesetzt die Europäische Union versteht ihre eigene Symbolik, hat sie sich ein Sinnbild gewählt, das auf einer Jahrtausendealten Tradition beruht die ihre Wurzeln in Babylon hat.

Bilder:Wikipedia, Monte Gargano, Dcastor /Mondsichelmadonna im Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg , Testus / Simulation stellarium