Mykene und der Eber

Andromeda und Perseus, Foto Wolfgang Rieger

Der mythische König Eurystheus von Mykene hatte göttliches Blut in seinen Adern, denn er war ein Enkel des Helden Perseus. Aus einer Verbindung von Danaë, der Tochter des Königs von Argos und Zeus hervorgegangen, wurde er einer der berühmt- esten Heroen der griechischen Mythologie. Auf Grund eines Orakels, dass ihm ein Sohn Danaës um Verhängnis werden wurde, ließ er sie in eine Kiste einsperren und von blutdrünstigen Hunden bewachen. Zeus befruchtete jedoch die Schlafende mit Gold- regen, einem Verweis für die im August im Sternbild zu sehenden Sternschnuppen. Perseus wurde ausgewiesen und kann erst nach längerer Zeit und mehreren Abenteuern wieder in seine Heimat zurück. Dort zeugte er dann mehrere Söhne, unter denen einer Eurystheus war, der später König von Mykene wurde. Berühmt wurde er durch die 12 Aufgaben, die der Herakles auftrug. Aber auch Herakles hatte einen Anspruch auf dieses Königreich, da er ebenfalls von Perseus abstammte und Zeus dem Erstgeborenen aus dem Geschlecht des Perseus ebenfalls dessen Königreich ver- sprochen hatte.

Der Herakles, Farnesische Sammlung, Foto Marie-Lan Nguyen

Ein Orakelspruch in Delphi übertrug Herakles jene 12 Aufgaben mit denen er den Mord an seiner Frau Megara sühnen sollte. Nachdem er 2 Aufgaben bewältigt hatte, musste er bei seiner dritten Aufgabe die ihm der mykenische König stellte, den erymanthischen Eber einfangen. Er war ein Nachkomme der von Typhon und Echidna gezeugten Sau Phaia und fügte den rund um den Berg Erymanthos liegenden Feldern schwere Schäden zu. Wie die kerynitische Hirschkuh, war aber auch der Eber der Göttin Artemis geweiht. Herakles besiegte den Eber, was vor ihm noch keinem Helden gelang, in dem er ihn aus dem Dickicht des Waldes heraus in ein Schneefeld trieb. Dort ermüdete der Eber rasch, sodass Herakles ihn fesseln konnte. Anschließend schleppte er ihn zu Eurystheus nach Mykene, der sich aus Angst vor dem Untier in einer Amphore ver- steckte.

Herakles und der erymanthische Eber, Louis Tuaillon, 1904, Foto Membeth

Eine Legende berichtet auch, dass der Eber den Geliebten der Frühlingsgöttin Aphro- dite tötete, weshalb das Tier bei Frühlingsfesten der Göttin geopfert wurde. Sein Tod repräsentierte so die sinnbildliche Vertreibung der winterlichen Finsternis durch das Licht des Frühlings. In der Legende hatte Zeus aber Erbarmen mit der trauernden Aphrodite und erlaubte ihr am Ende ihren geliebten Adonis wieder aus dem Schatten- reich holen. So konnte sie mit ihm während der Sommermonate die Hälfte des Jahres auf der Erde verbringen. Neben dem Sinnbild für die Kraft, die den Winter vertreibt, war der Eber durch sein ungezügeltes Wesen und seine Angriffslust auch ein Sinnbild für unbeugsamen Kampfesmut. Damit wurde er um Vorbild für Krieger. Sie schmückten sich mit seinen Insignien, denen auf Grund seiner legendären Stärke magische Kräfte zuge- sprochen wurden. So trugen Mykener Eberzahnhelme, Lederkappen, auf denen in kon- zentrischen Ringen Eberzähne befestigt waren. Auf diese Weise erhielten sie dann die nötige Widerstandskraft im Kampf und erzielten eine abschreckende Wirkung. Wie bei den Mykenern war der Eber auch bei den Kelten ein heiliges Tier und galt auch bei ihnen als ein Symbol von Kampfesmut und Stärke. So dienten Ebergestalten ebenfalls als Helmzier, wie als Schildschmuck. Auch Tote sollte der Eber begleiten, in dem ihnen Eberfleisch als Wegzehrung mit ins Grab gelegt wurde, das ihnen bei der Reise in das Jenseitsland die nötige Kraft spenden sollte.

Der monumentale Dromos des Schatzhaus des Atreus, Foto Klearchos Kapoutsis

`Schatzkammer des Atreus`, Innenraum, Foto Fingalo

Der Mythos des Ebers beeinflusste wohl auch die Gestaltung jenes Kuppelgrabes, das über 1300 Jahre lang die größte Kreiskuppel darstellte, bis Kaiser Hadrian im Jahr 118 das Pantheon neu erbauen ließ. Dieses als `Schatzhaus´ des Atreus bezeichnete Bau- werk wird heute als das prachtvollste der in Mykene erhaltenen Königsgräber aus der Zeit um 1300 v, Chr. betrachtet. Einer der ersten Berichte über das Bauwerk ist dem griechischen Reiseschriftstellers und Geographen Pausanias zu verdanken. Er be- richtete, dass es in Mykene ein unterirdisches Gebäude des Atreus und seiner Söhne gäbe und dort sollten auch ihre Schätze lagern. Das Zugangstor zu dieser Anlage ist über einen knapp 5m langen Weg erreichen. Es misst eine Höhe von 5,4m und verfügt oberhalb des Sturzes ein Entlastungsdreieck. ähnlich der Konstruktion beim Zugang der Königskammer in der Pyramide von Gizeh. Einst wurde diese Öffnung auf das Licht des Frühlings ausgerichte, dan auch die Kraft des Ebers verörperte.  Diese Jahreseit kann so auch als Zeichen für den Neubeginn in einer anderen Welt gedeutet werden.

Ausrichtung der `Schatzkammer´ des Atreus

Bilder: Wikipedia / Andromeda und Perseus, WolfgangRieger – John R. Clarke: Ars Erotica. Darmstadt: Primus 2009 / Der Herakles Farnese, Glycon of Athens (copy), Lysippos (original type) – Marie-Lan Nguyen (2011) / Herkules und der erymanthische Eber 1904 von Louis Tuaillon, Lützowplatz, Berlin Membeth / Der monumentale Dromos des Schatzhaus des Atreus Klearchos Kapoutsis from Santorini, Greece – Treasury of Atreus / `Schatzkammer des Atreus`, Innenraum., Foto Fingalo /Simulation, Opentopmap, Googlemap, sunearthtools.

Der Löwe von Mykene

Modell der Ruinen von Mykene, Foto Qwqchri

Vom 16. bis zum 13. Jhd. v. Chr. war Mykene zugleich ein Königspalast, eine Festung und auch die Hauptstadt der Region Argolis. Dieses Machtzentrum der mykenischen Könige liegt auf einem erhöht liegende Taleineinschnitt zwischen zwei Bergen, am Rande der Ebene von Argos. Berühmt wurde die Bergfestung durch Bauwerke wie dem Schatzhaus des Artreus und dem Löwentor, dem Hauptzugang zur Anlage. Seit ihrer Entdeckung waren Forscher und auch Künstler von der Darstellung der beiden Löwen auf einer trapezförmigen Steinplatte fasziniert.

Richard Ridley Farrer,1882, The Lions Gate at Mycenae

Dieses Tor wird von vier monolithischen Blöcken umschlossen, die ohne Mörtel zu- sammengesetzt wurden und damit eine nahezu quadratische Öffnung umschließen. Verschlossen wurde die Öffnung mit einem Holztor das mit einer Bronzeauflage ver- stärkt war: Über der Öffnung ist ein trapezförmige Relief in das Zyklopenmauerwerk integriert, auf dem zwei spiegelsymmetrisch angeordnete Löwen dargestellt sind, die sich einer Säule zuwenden. Seit seiner Entdeckung fielen aber die Interpretationen und kunsthistorischen Beurteilungen des Reliefblocks sehr unterschiedlich aus. Sie reich- en von einer vermuteten Nähe zum Mithraskult, bis zur Verbindung zu Apollon Agyieus, dem klassisch-antiken Wächtergott. Diese Ratlosigkeit bei der Beurteilung be- schrieb der Althostoriker Ernst Curtius im Jahr 1852:.`.. das älteste Denkmal euro- päischer Skulptur ist in seinem Stile … so fremdartig, dass nichts an ihm griechisch genannt werden kann als das Material und der Boden, auf dem es steht.´

Gate of the Lions at Mycenae, Edward Dodwell

Seine Beschreibung bringt die schwierige Einordnung des Löwenmotives, das scheinbar zwischen den mediterranen und den orientalischen Kulturen beheimatet ist auf den Punkt. Es ist insoweit eine Besonderheit, da es sich bislang um das einzige erhaltene Monument der bronzezeitlichen Ägäis mit einem Bildschmuck handelt. Archäologische Funde und vor allem detailreiche Schilderung literarischer Überlieferungen stützen hier Vermutungen für ein Bild des Löwen den es in der Zeit der archaischen Epoche Griechenlands noch gegeben hat. Seiner Bedeutung entsprechend, fand das Monument bereits bei den Geschichtschreibern des klass-ischen Altertums seine Beachtung. Pausanias und mehrere andere erwähnten es deshalb in ihren Schriften.

Mahes aus Bronze aus der 26. Dynastie (660–525),Foto, A,Ocram

Wie der Adler, so hat auch der Löwe aber auch einen engen Bezug zur Sonne. Schon optisch verkörpert er dies durch sein sandfarbenes Fell, wie durch seine strahlenartige Mähne. Im alten Ägypten verkörperte er mit der Sonnenscheibe auf dem Kopf den Gott Mahes. Diese Sonnensymbolik nutzte auch der Mithraskult, wo der Löwe die Sonne selbst darstellt. Damit verkörperte er ähnlich wie im Buddhismus die Weisheit und die Reinheit des Geistes. Geist und Stärke waren also zwei Wesensmerkmale des Löwen, die die Herrscher seit der Frühgeschichte auf sich selbst übertrugen. Da dem Löwen eine magische Kraft zugesprochen wurde, wurde er auch als Wächterfigur zur Abwehr von Feinden, wie auch Dämonen gerne benutzt und bewachte als steinerne Figur Tempel und Throne.

Komainu, Wächterfigur vor buddhistichem Tempel in Kyoto, Typ, Foto 663highland

Die Rolle des Wächters in Gestalt eines Sternes spielte auch der Stern Regulus aus dem Sternbild des Löwen bereits im 3. Jtsd. v. Chr. In dieser Zeit wurden in Persien 4 Sterne als Himmelstiere, oder auch als himmlische Wächersterne identifiziert. Alde- baran, oder auch Tascheter, wurde dem Osten zugeordnet und stand hier für den Früh- lingsbeginn. Regulus, auch Venant, wurde dem Süden und damit auch der Sommer- sonnenwende zugeordnet. Antares, oder auch Satevis, stand für den Westen und den Herbstbeginn und Fomalhaut,Haftorang, stand für den Wächter des Nordens und damit zugleich für die Wintersonnenwende. Während im alten Ägypten sie dann als Horus- söhne verehrt wurden, wurden die 4 Sterne um 600 v. Chr. in Babylon als Himmelsg- enien verehrt und später auch in ganz anderer Form in die Tora aufgenommen. Dort sieht Ezechiel den Thron Gottes dann von viergesichtigen Engeln eingerahmt. Dass dieses Bild der vier auch in unsrer Kultur noch nicht verschwunden ist, zeigen die vier Evan- gelien die in der katholischen Kirche durch die Gestalten Adler Löwe, Stier und den Mensch selbst symbolisiert werden. In Mykene wurde diese Jahrtausende alte Symbolik gleich doppelt in das Baukonzept integriert, um so die Zyklopenmauern mit der kraft-strotzenden Stärke des Löwen zu verbinden.

Ausrichtung des Löwentores

Mykene und der Löwe, Aufsteig über den Horizont im Osten

Das Sternbild des Löwen brachte dies auch während der Blütezeit Mykenes zum Ausdruck, denn es stieg bis zum Himmelspol auf und auf diesen Zenit des Löwen zielte auch das Löwentor der Burg. War der Löwe mit seinem Kopf dort angelangt, stand er so am Himmel, wie er auf dem trapezförmigen Relief abgebildet wurde. Er war somit die mächtigste Schutzgestalt am Himmel. Damit kann die mittig liegende Säule auch als de tragende Stütze des Firmaments interpretiert werden und hat damit eine ähnliche Symbolik wie de ägyptische Djed-Pfeiler der für die immerwährende Stabilität stand. In dieser Rolle sahen sich auch Könige von Mykene. So wie Agamemnon, den der Dramatiker Aischylos als den Löwen beschrieb. Damit spielte er auch auf die Abstamm-ungslegende an, denn Agamemnon stammte von Rhea und Kronos aus dem Ge- schlecht der Tantaliden ab. Bereits hier tauchte der Löwe als heiliges Tier der Rhea auf.

 

Bilder: Wikipedia / Modell der Ruinen, Foto Qwqchri, CC BY-SA 3.0 / Richard Ridley Farrer,1882, The Lions Gate at Mycenae / Gate of the Lions at Mycenae, Edward Dodwell – Edward Dodwell: Views in Greece, London 1821/ Mahes aus Bronze aus der 26. Dynastie (660–525), im Naturhistorischen Museum Wien, Foto, A,Ocram / Komainu, Wächterfigur vor buddhistichem Tempel, Agyō/chinesischer Typ, Foto 663highland / Simulation, Stellarium

Mykene — GeschiMag

Zitat

Die sagenhafte Welt des Agamemnon Die im Dezember 2018 eröffnete große Sonderausstellung zur Geschichte und Archäologie des mykenischen Griechenlands im Badischen Landesmuseum läuft noch bis zum 02.06.2019. Der umfangreiche Begleitband vermittelt nicht nur einen hervorragenden Eindruck von den Inhalten und Exponaten dieser Ausstellung sondern bietet dem Leser darüber hinaus die Möglichkeit einer nachhaltigen Auseinandersetzung mit […]

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