Wackerstein – der letzte Kultort der Kelten

Wackerstein von Nordosten

Der 80m lange und 25m hohe Felsvorsprung bei Pfullingen gehört zu den markantesten Felsen der Alb. Er ist ein gewaltiger, freiliegender Schwammstotzen des oberen Jura- kalkes, der ein nach Nordwesten ausgeformtes Plateau abschließt. Bei guten Wetterlagen bietet das Plateau des Wackersteins eine Aussicht bis zu Alpen. Überdauerte der Fels Millionen von Jahren, gehört das Wort wacker gehört mittlerweile zur Kategorie der aus- sterbenden Wörter. Trotzdem wird das Wort noch im Duden mit der Bedeutung recht- schaffen oder tüchtig erklärt. In diesem Zusammenhang bedeutet es auch wacker arbeiten oder kämpfen. In der Geologie ist der Name auch als Grauwacke, als eine graue Gesteinsart bekannt. Grimms Wörterbuch beschreibt ihn als `zunächst vom Wasser fortgeschobenen Stein´. In der althochdeutschen Sprache hatte das Wort wacchar noch die Bedeutung wach und wachsam. Auch Martin Luther lies diese Bedeutung in seinem Spruch 20,13 noch einmal aufleben in dem er schrieb: `Liebe den Schlaff nicht / Das du nicht arm werdest / Las deine Augen wacker sein / So wirstu Brots gnug haben.´ Der Reutlinger Kaufmann und Autodidakt Theophil Rupp sah noch einen anderen Ursprung im Namen Wackerstein. Er führte ihn direkt zurück auf einen Beinamen Odins, der auch mit Waeckere, also der Wachsame bezeichnet wurde.

Wackersteinfels

Das Bergplateau ist auffallend symmetrisch geformt, wobei seine Mittelachse auf den Sonnenuntergang der Sommersonnenwende weist. In der entgegengesetzten Richtung ist der Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende dann über dem Gießstein zu sehen. Bereits 1893 waren dem Albvereinspräsident Eugen Nägele hier einige ungewöhnliche land- schaftliche Merkmale aufgefallen. So berichtete Nägele von umlaufenden Terrassen am Wackerstein, die in regelmäßiger Folge alle 10m seine Hänge gliedern. Dieswar ein erster  Hinweis, dass die Blickbeziehungen auf dem Wackerstein wohl durchdacht wurden und die Landschaft daraufhin angepasst wurde. Ähnliches bestätigt auch die geometrische Form des Plateaus, dessen Höhenlinien symmetrisch zur Richtung des Sonnenunt-erganges der Sommersonnenwende liegen. Auch hier stellt sich die Frage nach der Zeit in der dies geschah.

Opfergaben für Lenus-Mars am Martberg

Eine der vielen Möglichkeiten könnte die Zeit des 4. Jahrtausends bieten, als eine Ein- wanderungswelle in Mitteleuropa eine völlig neue Kultur schuf. Für diese Zeit bot das Plateau des Wackersteines ideale Eigenschaften. Während die Sonne zur Sommer-sonnenwende im Nordwesten über dem Rosskopf bei Bad Herrenalb unterging, erschien genau entgegengesetzt in der Achse, am Abend der Wintersonnenwende der Stern Capella am Abendhimmel und bot sich so zur Justierung des Kalenders an. Der Reutlinger Autor Jürgen Meyer schreibt in seinem Buch `Legenden auf der Spur´ vom Wackerstein als einer letzten Opferstätte der Vorzeit. Funde von Archäologen am Fuß des steil abfallenden Felsen haben ihn zu diesem Schluss veranlaßt. Die gefundenen Tonscherben stammen aus dem 2. Jhd. v. Chr., doch aus der Zeit bis 50 v. Chr. sind kaum noch Spuren vorhanden. Dieses Phänomen lässt sich auch gesamten Region beo- bachten. Ein einschneidendes Ereignis muss in dieser Zeit die keltische Kultur dezimiert, oder veranlasst haben das Land zu verlassen. In diese Epoche fällt auch das Ende des Heidengraben, das größte bislang erschlossene Oppidum der Kelten nördlich der Alpen.

Wackerstein, Sonnenrichtung

Der griechische Universalgelehrte Ptolemäus schreibt später über eine menschenver-lassene Landschaft nördlich der Alpen und nennt sie die `Einöde der Helvetier´. In der Zeitschrift Science 12/2016 berichtet Gerry Shaw von den neuesten Untersuchungen auf der Heuneburg. Dort wurde bei Toten die DNA des Krim- Kongo Fiebers, eines durch Zecken übertragenen hämmoragischen Fiebers festgestellt. Neben Wurmbefall, der ebenfalls auf der Heuneburg festgestellt wurde, litten Kelten aber noch unter einer anderen Krankheit: Rosacea. Dies ist eine unangenehme Krankheit, die zu Entzündungen der Schleimhäute, ständig geröteter Haut und Wucherungen führt und in der Antike auch als Fluch der Kelten bezeichnet wurde. Auch heute tragen je nach Region 5-20 Prozent der Menschen die Anlagen noch in sich. Aber es waren nicht nur Krankheiten, die lange vor dem Eintreffen der Römer die hier ansäßige Bevölkerung dezimierten, sondern auch ein Witterungsumschwung der sie begünstigte. Bohrkerne im Grönlandeis weisen auf große Vulkanausbrüche im 1. Jahrhundert hin, ebenso eine abnehmende Sonnenaktiviät. Dies bestätigen auch Ergebnisse von Forschungen am Meerfelder Maar. Sie ergaben, dass die Sonneneinstrahlung sich in dieser Zeit innerhalb weniger Jahre um bis zu 8% verminderte. Der römische Schriftsteller Ovid schreibt später von einer trauernden Sonne die der besorgten Erde nur ein blässliches Licht spendete. Der dann wieder einsetztende Temp- eraturabstieg kam für die keltische Kultur zu spät, er begünstigte nun den Aufstieg Roms zur Weltmacht.

Rosacea, der Fluch der Kelten

Bilder: Opfergaben für Lenus- Mars am Martberg, https://incipesapereaude.wordpress.com/ 2014/09/29/gotterwelt-lenus-mars/ Simulation, Sunearthtools, Stellarium

Pfullinger Sagenwelt – der Schönberg

Schönberg Pfullingen

                                   Schönberg Pfullingen

 

Der Schönberg ist die höchste Erhebung südlich von Pfullingen. Er ge- hört zu einem Bergmassiv dass früher der Ahlberg genannt wurde un daus mehren Gipfeln besteht. Aus Pfullingen führt die alte Heergasse in die Richtung des Schönberges über die eine Sage berichtet: In der Weihnachtszeit kommt, so wird erzählt, .kommt ’s Mottles Heer die Heergasse herunter. Der Narne „Mottles Heer“ kommt vermutlich von „Moutes Heer“ und heißt soviel wie wildes Heer. Die Kinder wurden dann angewiesen, ganz leise zu sein und ja nicht die Fenster aufzumachen, sonst würden sie mitgenommen werden! Das Mottles Heer kündigt sein Kommen schon von weitem an mit dem immer wiederkehrenden Ruf „Aus em Weg, aus em Weg!“. Ein orkanartiger Wirbelsturm kommt auf und eine Meute wilder Jäger und Reiter stürmt mit lautem Geschrei die Heergasse herunter.
De Sagen des wilden Heeres das in den Rauhnächten von Weihnacht- en bis zum 6.Januar sein Unwesen trieb ist weit verbreitet. Nicht nur in der Region gibt es unterschiedliche Abwandlungen auch im Schwarz- wald Bayern und Österreich oder Schweden gibt es Erzählungen über das Geisterheer. in dieser Zeit jagt dort Odin die Waldfrau Skogsrå, Diesen Raunächten die den Jahreswechsel markieren,wurde früher eine große Bedeutung zugemessen für die Zukunft zugewiesen. In Wahrheit erinnert diese Zeit aber an die frühen Anstrengungen der Kirche eine neue Kalenderrechnung einzuführen. Für die frühen Christ- en begann das neue Jahr im Zusammenhang mit der Geburt Jesu am 6. Januar. Erst um 354 setzte der damalige Papst den 25. Dezember, also kurz nach der Wintersonnenwende, als Weihnachtstag und damit als Tag der Geburt Jesu fest. Dieses Datum wurde nicht nur als Ersatz der römischen Feiern für den Sonnengott Sol-Invictus gewählt, sondern beruhte auch auf fehlerhaften Berechnungen.
Der römische Kaiser Tertullian, behauptete im Jahr 200 dass der 14. Nisan, der Todestag Jesu nach dem jüdischen Mondkalender sei und der dem 25. März des römischen Sonnenkalenders entsprechen würde. Der 25. März wurde aber von den Christen auch als Tag der Verkünd- igung Mariens gefeiert – woraus sich, wenn man neun Monate addiert, der 25. Dezember als Geburtsdatum ergibt. Davon war später auch der heilige Augustinus überzeugt, wie er dies in seiner Schrift über die Drei- faltigkeit schreibt.. In seiner Schrift über die Vorzeit Reutlingens und seiner Umgegend vertritt Theophil Rupps 1869 die These dass der Schönberg, der früher noch Schemberg genannt wurde durch den alten Begriff Schemen entstand., der Masken oder Larven bezeichnete Rupp sah darin eine Erinnerung an Umzüge vorchristlicher Religionen die mit verhüllten Götterfiguren durchgeführt wurden. Die Zeremonie der Ver- mummung sah Rupp in dem Glauben an die Verwandlungsfähigkeit der Götter begründet.So erschien Odin in der nordischen Mythologie als Vogel, Fisch oder Schlange. In dieser Beziehung sah Rupp auch Paral- lelen zu römischen Totenfeiern, bei denen den Verstorben an Kreuz- wegen gedacht wurde. Dabei wurden die Guten Geister Laren die bösen Larven oder Lemuren genannt. Dass der Berg einst ein Sitz mehrere Götter gewesen war sieht er auch im ursprünglichen Bezeichnung Ahlberg, da der Sufix `ahl´ in der germanischen Sprache Haus oder Sitz bedeutete. Auf dem abgestuften Plateaus auf dem der eigentliche Gipfel führt heute noch ein breiter Weg herum, der Rupps Gedanken eines Prozessionsweges durchaus plausibel erscheinen lässt.

Pfullinger Sagenwelt – die Gründungslegende

In der Literatur wird der Ursprung des Stadtnamens mit Phulo, einem alemannischen Stammesfürsten in Verbindung gebracht. Er soll in der Zeit der alemannischen Land- nahme, also um das Jahr 260, eine Hundertschaft angeführt haben, die die Keimzelle des heutigen Ortes bildete. Doch der Name, wie auch der Begriff Hundertschaft deuten viel eher auf eine Gründungslegende hin, wie sie seit der Antike  von zahlreichen Städten bekannt ist..
Ursprung dieser Gründungslegenden waren die griechischen Kolonien die im 5. Jhd. v. Chr. im Mittelmeerraum gegründet und deren Anführer nach dem Tod als Halbgötter verehrt wurden. Aber auch viele keltische Ansiedlungen führten ihre Gründung auf eine Verbindung einer keltischen Fürstentochter mit dem Halbgott Herakles zurück. Diesen Gründungsmythos nährt auch der Name Phulo, der eine auffällige Ähnlichkeit zum König Phulos, dem letzten der 45 Chaldäer Königen hat. Wie Phulo seinen Stamm zum neuen Ort führte, so berichtete auch der antike Geschichtsschreiber Polyhistor davon, dass Phulos sein Volk nach Judäa führte. Doch der Name Phulo verweist nicht nur auf diesen letzten mythischen König, sondern spiegelt auch eine Reihe von Eigenschaften wieder, die den Ort Pfulligen auszeichnen. Im Jahr 937 erfolgte die erste bekannte Erwähnung des Ortes unter dem Name Pfullichgouue“. Das Wort Pfullich entstand aus dem althochhoch- deutschen Wort `Phuol´ das Sumpf bedeutet. Noch heute gibt es mehre Feuchtgebiete rund um Pfullingen die an diese frühe Sumpflandschaft erinnern. Dabei wurde Sumpf in vorchristlicher Zeit keinesfalls als unwirtliche Gegend betrachtet. Nach den Erkenntnissen des schweizer Anthropologen Jakob Bachofen wurde dort den Muttergöttinnen wie der Aphrodite gehuldigt, die durch Vögel die Gans oder die Ente verkörpert wurden. Mit ihrer Fruchtbarkeit stellten sie den wachstumsfördernden Aspekt des lebensspendenden Prin- zips dar. In der germanischen Mythologie war Frigg eine der wichtigsten Göttinnen der Asen und die Tochter der Erd- und Atmosphärengöttin Fjorgyn und ihr Gatte war Odin, der Göttervater.
Sein Name schafft eine weitere Verbindung zum Wort `Phuol´, denn in dem Wort ist auch sein alter Name Phol enthalten. Der Name Phol, der mit Odin gleichzusetzen ist, wird im 2. Merseburger Zauberspruch erwähnt In diesem Zauberspruch, der in einer Handschrift aus dem 9. Jahrhundert entdeckt wurde, handelt es sich um Beschwörungsformeln aus der germanischen Mythologie die erstmals 1842 von Jakob Grimm kommentiert wurden. Phol, Odin verfügte über einen Mantel, dem Symbol des Schutzes und ritt auf seinem Zauberpferd Sleipnir. Während der Christianisierzung wurde das Bild seines Schutz- mantels übernommen und lebte in der Legende des heiligen St, Martin weiter. Neben der Sage von Wilden Jagd, die in den Raunächten vom Schemberg hinab durch die Pfullinger Heergasse reiten soll, offenbart sich hier eine weiter Spur die zum Ursprung des Namens Pfullingen führt. Die um 700 errichtete Martinskirche, die mittlerweile mehreren Neubauten weichen musste, ist die älteste Pfarrkirche Pfullingens. Sie steht nur einen Steinwurf entfernt von jener Heergasse die auf den heutigen Schönberg zuführt.Als markanter Berg prägt der das Panorama im Süden der Stadt. Wo von der Ansiedlung aus die Sonne am höchsten stand wäre nur natürlich gewesen, den Berg als Sitz der höchsten Gottheit zu sehen Wurde Phol durch durch st. Martin ersetzt, so kann das Wort Phouln in Bezug auf Pfullingen auch als ein wohlkalkuliertes Wortspiel verstanden werden. In dem neuen Name war der alte Klang zwar noch enthalten, doch mit der Bedeutung Sumpf wurde im ein neuer Inhalt vermittelt.

Odin sleipnir

Odin auf seinem Pferd

St-martin-beuron

St. Martin,  Fresko Kloster Beuron,