Meinrad und die Sülchenkirche

Sülchenkirche

Nordöstlich von Rottenburg liegt die Sülchenkirche. Der spätgotische Saalbau entstand um 1450, doch neuere Funde belegen dort dass Vorgängerbauwerke bis ins 7. Jahr- hundert zurückreichen. Dies belegen Grabungen aus jüngster Zeit, bei denen Reste einer frühmittelalterlich-karolingischen Steinkirche aus der Zeit um 750 freigelegt wurden. Dabei wurden auch weitere Hinweise auf eine noch ältere Holzkirche gefunden. Sie gilt auch als Mutterkirche der Stadt Rottenburg. Mit dem darunterliegenden Friedhof belegen die Funde, dass der Ort Sülchen seit 1500 Jahren als Bestattungsplatz diente. Der frühere Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege, Dieter Planck, hielt deshalb die Sülchenkirche für einem `zentralen Fundpunkt´ für die Geschichte und die Kirchengeschichte Südwest-deutschlands und räumte ihr auch eine Sonderstellung innerhalb der Kirchenbauten ein.

Sülchenkirche, Blick nach Wurmlingen

Der Name Sülchen führt zu einem längst abgegangen Ort zurück, der Mittelpunkt des frühmittelalterlichen Sülchgaues war. Seine Ausdehnung entsprach in weiten Teilen des heutigen Landkreises Tübingen. Erstmalig fand der Gau eine Erwähnung in der im Jahr 888 ausgestellten Schenkungsurkunde des Königs Arnulf unter dem Namen `Sulihgeiuua´. Sprachgeschichtlich wird heute eine Verbindung zwischen dem Namen der römischen Siedlung Sumelocenne, dem später latinisierte Name Solicinium, zum heutigen Sülchen gezogen. Der Name der römischen Siedlung, die in der Kernstadt Rottenburgs lag, wird heute als eine Verbindung der Worte sumelis, der Bezeichnung für eine vermutete kelt- ische Gottheit und cenna, dem Gipfel, erklärt. Doch sumelis deutet auch eine Verwandt-schaft zum lateinischen Verb sumere an, das annehmen bedeutet. Eine zumindest ideelle Verbindung zu einer Gottheit scheint also durchaus plausibel sein, wo doch vom nörd- lichen Rand der Siedlung der Wurmlinger Kapellenberg auf der Linie der Sommersonnen- wende liegt. Doch das ursprüngliche Wort sulih verweist auch auf das althoch-deutsche Wort sul, die Stele oder Pfosten. War also Sülchen etwa der Ort für eine Stele im Sinne germanisch-allemannischer Götteridole, muss der Ort auch Bezüge zur näheren Um- gebung aufweisen.

Svantevit-Statue

Auffällig, auch im Namensbezug, ist der westlich gelegene Höhenrücken Heidenwald mit seinem Burgstall. Vom Standort der Sülchenkirche war dort früher, ohne die heutige Bbebauung,  der Sonnenuntergang zu den Äquinoktien zu sehen, während über dem nord- westlich gelegenen Heuberg, dem Rottenburger Hexentanzplatz die Sonne am 1. Mai untergeht. Am gleichen Tag ist er aber auch der Aufgang über der bei Tübingen gelegenen Ödenburg zu sehen. Ein weiterer Sonnenbezug, der sich auch im Flurnamen nieder-schlug, ist der südöstlich gelegene Sonnenberg bei Kiebingen, wo der Sonnenaufgang am 1. Februar stattfindet. Von der Ödenburg, einem beliebten Ausflugsziel bei Tübingen, ist heute kaum noch etwas zu erkennen. Friedrich Hölderlin beschrieb sie einst in seinem Gedicht `Burg Tübingen´ mit folgende Worten: „Still und öde steht der Väter Feste, Schwarz und moosbewachsen Pfort‘ und Turm, Durch der Felsenwände trübe Reste Saust um Mitternacht der Wintersturm, …“ Der verlassene Ort wurde wohl damals zu- recht als öde bezeichnet, was dann zum heutigen Flurname führte. Doch ein Blick in die vorchristliche Mythologie bietet auch eine andere Erklärung. In der nordischen Götterwelt vollzog der oberste Gott Odin mit Beginn des Monates Mai die heilige Hochzeit mit der Fruchbarkeitsgöttin Freya, oder auch Frigg genannt. Diese Götterhochzeit sollte die Fruchtbarkeit der Natur zu gewährleisten. Auf seinen Reisen über das Land wurde Odin von den beiden weisen Raben Hugin und Munin begleitet. Der Name Huguin leitet sich vom altnordischen Verb huga, denken, ab und Munin, vom muna, sich erinnern. Snorri Sturluson schreibt in der nordischen Göttersage Edda: „Zwei Raben sitzen auf seinen (Odins) Schultern und sagen ihm alles ins Ohr, was sie sehen und hören. Sie heißen Hugin und Munin. Bei Tagesanbruch entsendet er sie, um über die ganze Welt zu fliegen, und zur Frühstückszeit kehren sie zurück. Von ihnen erfährt er viele Neuigkeiten.“

Meinrad, die Raben und die Räuber (historische Abbildung)

Doch die beiden Raben haben den Untergang der alten Mythologie wohlbehalten über- standen, denn am selben Ort tauchen sie in der Legende des heiligen Meinrad wieder auf. Meinrad soll im Sülchgau geboren worden sein. Im Alter von 5 Jahren kam er in das Kloster auf der Reichenau und lebte anschließend um 835 als Einsiedler auf dem Etzelpass bei Zürich. Sein Leben schildert die Legende getreu den Vorbildern der Wüsten-mönche, die alle in strenger Askese lebten. Doch die örtlichen Erzählungen berichten von einer lieben Frau aus Altendorf am Zürichsee, die Meinrad mit dem Lebensnotwendigsten versorgte. Trotz seines vorbildlichen Lebens wurde er eines Tages von zwei Räubern erschlagen. Genau dies hatte er aber bereits  im Flug seiner beiden treuen Raben erahnt. Weil die Räuber von ihnen verfolgt wurden, konnten beide in Zürich gestellt und gefangen genommen werden. Laut der Meinradlegende starben sie später den Tod durch das Rad. Meinrad aber wurde dort begraben, wo heute das Kloster Einsiedeln steht. In Dar- stellungen des Heiligen tauchen die beiden Raben deshalb als unverzichtbare Attribute auf. Neben den Raben bietet Odin noch einen weiteren Verweis zu Meinrad, denn in der Wissensdichtung, wie der Vafthrúdismál, taucht er des Öfteren unter dem Namen Gagnrad auf. Odin war der oberste und weise Gott der jederzeit um Rat gebeten werden konnte. Auch dies drückt sich im Namen des Heiligen aus, der aus den beiden Begriffen Stärke und Rat gebildet hatte. Wurde die Gestalt Meinrads hier im Sülchgau als Gegenbild zu Odin aufgebaut, so bietet dies auch eine Erklärung für die Säule des Sülchgaues und der heute so als bedeutend eingeschätzten Sülchenkirche.

Sonnenkalender Sülchenkirche

Bilder: Eigen, Sülchenkirche / Wikipedia, Santevit- Statue, Lappländer /Meinrad und die zwei Räuber auf einer historischen Abbildung /Roland zh, fotografiert am 21. Oktober 2010 von der Informationstafel „St. Meinrad – Etzelpass“ auf dem Etzelpas / Simmulaztion sunearthtools, opentopomap