Die Achalm und der kühne Aar

 Ludwig Uhland auf einer Lithographie von R. Hutsteiner

Eine alte Legende erklärt die Namensentstehung der Achalm. Sie griff der Dichter Ludwig Uhland in der 11. Strophe seiner Ballade `Die Schlacht um Reutlingen´ auf. Doch im Kontext blendete Uhland die Tatsache aus, dass der Überfall auf Reutlingen und die Schlacht etwa 200 nach der Zeit stattfand als der Name Achalm bereits längst existierte. Auch der zur Schwäbischen Dichterschule gehörende Gustav Schwab griff die Legende auf und dichtete: `Ein Ritter schützt die Birg, sie steht in Flammen als er sich in den Kampf wirft und ihn ein Pfeil trifft. Doch was er rief in letzter Not. Das halbe Wort: Ach allm – Das hat gewiß getönt vor Gott als wie ein ganzer Psalm. Ja selbst dem Feinde klang es schön. Das ernste Scheidewort, Er baute frisch auf diesen Höhn und hieß Achalm den Ort. Ursprung dieser Interpretationen Deutung ist eine Erzählung die auf die letzten Worte des tödlich getroffenen Burgherrn Graf Egino zurückgeht, der einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Auf Grund seines raschen Todes konnte er die Worte `Ach Allmächtiger!´ nicht mehr vollständig aussprechen, so dass das Kürzel später zum Name des Berges wurde. Die Deutung passt auch zum mittelhochdeutschen Wort achen, das seufzen oder weh- klagen bedeutet. Noch 1587 spricht der Chronist Martin Crusius von dem Berg Achel, was auf eine ähnliche Interpretation hinweist.

Stadtansicht von Reutlingen – Merian, Topographia Sueviae, 1643

Während Schwab sich auf die Deutung der Legende konzentriert, bietet Uhland schon beim Auftakt seiner Ballade eine Spur die zu einer besseren Erklärung des Namens führt. So schreibt er: `Zu Achalm auf dem Felsen, da haust manch kühner Aar.´ Bereits in der Antike galt der Adler, als der König der Lüfte. Dem stärksten Vogel sagte bereits Aristoteles nach, dass er bis zur Sonne fliegen und die ihn nicht blenden kann. Auch das Christentum bediente sich der tradierten Symbolsprache und die Kirchenväter des 5. Jahrhunderts ord- neten nun den Adler dem Evangelisten Johannes zu. Er, so die Sicht der Kirchenväter, hatte sich in einem einzigartigen spirituellen Höhenflug dem `wahren Licht der Göttlichkeit des Logos´ genähert, von dem er gleich zu Beginn des Evangeliums sprach. Das Aristotelische Bild des Sonnenfluges wurde nun auch zum Sinnbild der Kontemplation und spiritueller Erkenntnis. Der Christ soll – wie ein Adler – den Blick des Geistes zur Höhe heben und das Ewige betrachten. So wurde der Adler nicht nur als Vorbild der Stärke und des Kampfesmutes betrachtet, sondern auch als Quelle der Erkenntnis. Die Quelle, die im landläufigen Sinn als Gewässer betrachtet, taucht auch in ganz ähnlicher Form im alt- hochdeutschen Wort aha auf, dem Fließgewässer.

Adlerfresko, Sakristei von St. Peter, Huisberden – Attribut des Evangelisten Johannes

Dass Uhland bei der Verwendung des Wortes Aar ein ganz reales Bild aufgegriffen haben könnte, das zeigte der Nachthimmel zu dieser Zeit über der Achalm am Feiertag Epiphanias, besser bekannt unter dem Namen Heilige Drei Könige. Vom Zentrum Reut- lingens aus betrachtet, stieg über dem Gipfel der Achalm, kurz vor Sonnenaufgang das Sternbild Adler auf. So war es bereits um 1200 zu sehen, dem Zeitraum der Burgen-gründung, wie auch zur Zeit Uhlands. Doch da stieg das Sternbild bereits über der Nordwestseite der Achalm auf. Das Bild des Mutes und der spirituellen Quelle, das gerade am Erscheinungstag des Herrn über der Achalm aufstieg, diente sicher auch dem Selbstverständnis der Grafen von Achalm. Während der Reformation wurde dieses `Neujahrserlebnis´ durch das 1566 von Martin Cornelius für die evangelische Kirche geschaffene Neujahrslied noch unterstrichen. Mit dem Titel `Allmächtiger, ewiger Gott´ bot sich nun auch eine Brücke zur späteren Legendenbildung, dem Spruch `Ach allm´. So bleibt der Name Achalm noch immer ein vielschichtiger Name, der als spiritueller Quell, aber auch mit Acheloos, dem Flußgott der griechischen Mythologie in Verbindung gebracht werden kann.

Der Adler über Reutlingen

Dass die Achalm längst vor dem Bau der Burg durch Graf Egino im 11. Jahrhundert eine Bedeutung hatte, zeigen zahlreiche Funde rund an den Abhängen des Berges. Neben dem Scheibengifel im Westen, von dem sich der Sonnenaufgang während der Äquinoktien entlang der Silhouette der Achalm verfolgen lässt, ist dies der Rappenplatz im Südosten des Berges. Funde aus der bisherigen Grabungen zeigen, dass der Rappenplatz bereits während der späten Urnenfelderzeit, also um das 1. Jahrtausend v. Chr. als Siedlungs- platz genutzt wurde. Dabei zeigte es, sich dass der Südosthang am Fuße der Achalm durch einen künstlichen Unterbau aufschüttet wurde und so eine ebene Fläche entstand. Ebenso sind hier dauerhafte Siedlungsspuren bis zum 4. Jhd. v. Chr. zu finden. Dass aus- gerechnet hier ein Siedlungsplatz entstand, hatte sicher nicht nur den Grund in der gut besonnten Lage. In jener Zeit war die Einbindung in ein Bezugssystem von Sonnenauf- gangspunkten viel wichtiger. So ist von hier aus der Sonnenaufgang zur Sommer- sonnenwende über dem Hohenneuffen und zur Wintersonnenwende über dem südöstlich gelegen Drackenberg zu sehen.

Bilder: Wikipedia/ Ludwig Uhland auf einer Lithographie von R. Hutsteiner, veröffentlicht in Die Gartenlaube, 1887 / Stadtansicht von Reutlingen – Merian, Topographia Sueviae, 1643 / Simulation, Stellarium

Vom Schwäbischen Vulkan zum Sonnenkalender

Blick von der Achalm zum Georgenberg

Der Verehrung des heiligen Georg breitete sich ab dem 6. Jahrhundert von Palästina bis nach Europa aus. Bald erzählten zahlreiche Legenden vom Leben und dem Martyrium des Drachenkämpfers und Schlachtenlenkers. Sie machten ihn auch zu einem der beliebt- esten Heiligen des Mittelalters, dem zahlreichen Kirchen und Kapellen geweiht wurden. So wurde auch der Georgenberg im Süden von Reutlingen nach einer Georgskapelle be- nannt. Der Bau der Kapelle geschah hier wohl nicht ohne Grund, denn der Berg ist einer jener Sonnenkalender der Schwäbischen Alb, wo Sonnenauf- und Untergänge wichtige Kalenderdaten des Jahres anzeigen.

Das Geheimnis des Sonnenkalenders Georgenberg zeigt eine Führung mit dem Autor des Buches `Die Magie der Sonne – Die Sonnenkalender der Alb´, anlässlich des Sonnen-unterganges am Georgstag, dem 23. April .

Führung: Das Geheimnis des Sonnenkalenders Georgenberg

Termin: 23. April

Uhrzeit: Uhrzeit 19°°

Treffpunkt: Parkplatz am Georgenberg (Pfullingen) / Unkosten 5 EUR

Bild: Blick von der Achalm über den Georgenberg /Jkrt