Reutlingen und der ewige Wächter

Stich aus dem Sternatlas von Johann Elert Bode

Hüter ist das altnordische Wort für einen Aufseher oder einen Wächter. Es er- scheint auch im Namen des Sternbildes Bärenhüter, dessen Stern Arktur der hellste Stern am Nordhimmel ist. Er ist mit Ausnahme der Antarktis, von allen Kontinenten aus zu sehen und dies machte den Stern auch zum Bestandteil zahlreicher Mythologien. Bedingt durch seine Eigenbewegung am Himmel, wurde er wohl ab dem 40. Jtsd. v. .Chr. zusammen mit benachbarten Sternen als Bild am Himmel erkannt. Gerade diese Rolle eines Zeitmarkers verhalf Arktur und dem Bärenhüter zu einer spirituellen Bedeutung . Dies wurde auch durch eine anthropomorphe Figur unterstützt, die Assoziationen zu einer menschlichen Gestalt ermöglichte. Diese spirituelle Bedeutung ist erkennbar an Grabanlagen auf Sardinien, oder auf Orkney, die in der Gestalt des Bärenhüters folgen.

Gigangtengrab bronzezeitlichen Bonnanaro-Kultur auf dem Monte de s’Ape,

Dass die Gestalt des Wächters selbst noch im Mittelalter eine Rolle gespielt haben musste, zeigen Städte, deren Gründung zur Zeit der Staufer entstanden. So ist ist auch im ursprünglichen Stadtplan Reutlingens die Symbolik jenes frühgeschicht- lichen Wächters und Hüters zu erkennen. Der Plan ist in einer Epoche entstanden, in der der Stauferkaiser Friedrich II. mit der Burg Castel del Monte das perfekte Abbild einer astonomisch-astrologische Berechnung erstellen ließ. Mit der Ausleg- ung der Stadtgrenzen, wie auch des Hautplatzes gemäß der Geometrie des Bären-hüters,  folgte der Plan wohl ähnlichen Intentionen, wie die der neolithschen Bau- meister und bietet damit auch ein Beispiel für enge Verbindung von Stadtgestalt und religiösen Vorstellungswelt. Die Spur zur Verwendung der Symbolik des Wächters und Hirten führt führt über den ursprünglichen Namen der Stadt, die 1276 noch civitate Ruotelingen bezeichnet wurde.

Reütlingen. Stich, Matthäus Merian

In ihm ist das althochdeutsche Wort ruote erkennbar. Dieses Wort hatte mehrere Bedeutungen, wie Zweig, Reis, Stab, Stange oder auch Züchtigungsrute. Vor dem Hintergrund eines Stabes könnte der Name auch als ein Ort der Zeitmessung interpretiert werden, der durch den Stab markiert wurde. Der Stab war in der Antike auch das Attribut des Bärenhüters, der im Orient auch den Namen Rinderhirte erhielt. Hier urde er zu jener antiken mythischen Gestalt, die im als Symbol des güt- igen und weisen Herrschers betrachtet wurde. Gleich mehrere griechische Sagen erklären die Versetzung der Gestalt als Siernbild an den Himmel. Eine Erzählung berichtet von der Beziehung der Getreidegöttin Demeter zum ersten Sämann Iason. Als ihr Bruder Zeus einst die vom Zeugungsakt verschmutzen Kleider der Demeter fand, erschlug er Iason mit einem Blitz. Wenig später gebar Demeter aber ihren Sohn Philomelos, der als junger Mann Pflug und Wagen erfand. Nach seinem Tod wurde er für diese Verdienste dann von Zeus an den Himmel versetzt. Der im Vorderen Orient entstandene Mythos des Wächters, Hirten und Kulturbringers wurde dort auc auf die Rolle des guten Herrschers übertragen. Auch das Christentum übernahm diese Symbolik des guten Hriten, der bis ins frühe Mittelalter durch Jesus verkörpert wurde.

Jesus als guter Hirte, Fresko 3.Jhd. Calixtus-Katakombe, Rom, Foto Waffles9761

Dabei führt diese Vorstellung des guten Hirten Bilder des Alten Testaments fort, denn bereits Abel, Abraham, Isaak und Jakob werden hier alle als Hirten geschild- ert. Seinen eigentlichen Bezug zu Jesus erhält das Bild des Hirten aber in den Gleichnisreden des Johannesevangeliums. Dort sagt er in einer Rede von sich: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11.14 EU) So zeichnete sich ein guter Hirte in der Antike auch dadurch aus, die Schafe erkennt und sie einzeln beim Namen rief. Im Gegensatz zum Lohnhüter war er bereit sich auch unter Einsatz seines Lebens sich für die Herde einzusetzen. In Reutlingen zeigt sich nun, ähnlich, wie in den neolith- ischen Grabanlagen eine Übereinstimmung von Stadtgrenzen und der Straßen- führung So markieren dessen Sterne die Grenzen der Mauer, wie auch den Straßenverlauf und die Lage des Hauptplatzes. Die Lage ist aber nicht zufällig gewählt, denn hier entspricht die Lage des Bärenhüters mit seiner ersten Sicht am Morgen von Mariä Lichtmess im 11. Jahrhundert, Der Beginn des Bauernjahres kann damit auch als symbolischer Neubeginn einer Stadt unter dem Schutz des Hirten verstanden werden.. Vor dem Hintergrund des biblischen Kontextes bietet das Bild des Hirten und der ruote, seinem Attribut, aber noch eine weitere Inter- pretationsmöglichkeit. In diesem Zusammenhang verweisen beide auch auf den ersten Hirten der Israeliten, König David und dessen Stammbaum. Damit kann die ruote von Reutlingen auch als ein weiterer Zweig seines Stammbaumes betrachtet werden, als den sich auch die Staufer zu jener Zeit sahen.

Reutlingen und der gute Hirte/Boötes, Sicht am Morgen von Mariä Lichtmess,

 

Bilder: Wikipedia/ Stich aus dem Sternatlas von Johann Elert Bode, Johann Elert Bode – Vorstellung der Gestirne auf XXXIV Tafeln, gemeinfrei / Reütlingen. Stich, Matthäus Merian – http://www.digitalis.uni-koeln.de/Merians/merians / Jesus als guter Hirte, Fresko des 3. Jahrhunderts in der Calixtus-Katakombe, Rom, Foto Waffles9761

eigen / Gigangtengrab bronzezeitlichen Bonnanaro-Kultur auf dem Monte de s’Ape, Googlemap/stelllarium / Reutlingen und der gute Hirte/Boötes, Sicht am Morgen von Mariä Lichtmess, stellarium

Vom Schwäbischen Vulkan zum Sonnenkalender

Blick von der Achalm zum Georgenberg

Der Verehrung des heiligen Georg breitete sich ab dem 6. Jahrhundert von Palästina bis nach Europa aus. Bald erzählten zahlreiche Legenden vom Leben und dem Martyrium des Drachenkämpfers und Schlachtenlenkers. Sie machten ihn auch zu einem der beliebt- esten Heiligen des Mittelalters, dem zahlreichen Kirchen und Kapellen geweiht wurden. So wurde auch der Georgenberg im Süden von Reutlingen nach einer Georgskapelle be- nannt. Der Bau der Kapelle geschah hier wohl nicht ohne Grund, denn der Berg ist einer jener Sonnenkalender der Schwäbischen Alb, wo Sonnenauf- und Untergänge wichtige Kalenderdaten des Jahres anzeigen.

Das Geheimnis des Sonnenkalenders Georgenberg zeigt eine Führung mit dem Autor des Buches `Die Magie der Sonne – Die Sonnenkalender der Alb´, anlässlich des Sonnen-unterganges am Georgstag, dem 23. April .

Führung: Das Geheimnis des Sonnenkalenders Georgenberg

Termin: 23. April

Uhrzeit: Uhrzeit 19°°

Treffpunkt: Parkplatz am Georgenberg (Pfullingen) / Unkosten 5 EUR

Bild: Blick von der Achalm über den Georgenberg /Jkrt