Der Mélacturm und der böse Geist

Frühlingsäquinoktium, Sonnenuntergang über dem Frauenkopf – Mélacturm

Ein schlichter Turm erinnert auf dem Ailenberg bei Obertürkheim noch an das Grauen französische Truppen bei ihrem Feldzug durch die Gebiete Württembergs im Jahr 1789 angerichtet hatten. General Ezéchiel Mélac wurde dabei zum Inbegriff des Schreckens der französischen Truppen die für Ludwigs XIV. Im Jahr 1789 Dörfer und Städte plünderten. Speyer wurde vollkommen zerstört und der Dom, das Symbol nationaler Identität, angezündet. Die Botschaft Ludwigs XIV. lautete Unterwerfung der Nachbarn oder ihren Tod. Seit den 60er-Jahren des 17. Jahrhunderts bestand sein Ziel darin, so viel niederländisches und deutsches Gebiet wie möglich zu gewinnen. Als hätte Europa nach dem Sieg über die Türken ein neues Feindbild benötigt, erfüllte dies nun Frank-reich. Mit den Zerstörungen dieses Feldzuges legte es den Keim für das Bild des Erbfeindes, der 125 Jahre später in den 1. Weltkrieg führte. Die schöne Wirtstochter Catharina soll hier versucht haben, Mélac zu ermorden, der Esslingen Dank ihr mit seinen brandschatzenden Truppen verschont hatte. Beim Versuch wurde sie jedoch selbst getötet. Mehrere Er- zählungen berichten von dem grausamen Ereignis in der nach dem General benannten Mélactsage. Doch lange vor Mélac soll der Ailenberg bereits Ort eines bösen Geistes gewesen sein. Der Schlurger, ein häßlicher Weinberggeist, soll hier laut einer älteren Sage sein Unwesen getrieben haben. Von Weihnachten bis Dreikönig versetzte er dort die Bauern in Angst und Schrecken.

Ailenberg, Sonnenbezüge

Doch die exakten Bezüge des Bergspornes zu wichtigen Sonnenuntergängen weisen auf eine andre Geschichte des Ortes hin. So zeigt der Sporn auf den Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende auf den Taleinschnitt des Katzenbaches bei Heumaden und während des Äquinoktiums ist von hier aus der Sonnenuntergang über dem Frauenkopf zu sehen. Auch das ganz in der Nähe gefunden Grab eines alemannischen Fürsten lassen hier viel mehr an eine frühgeschtliche Kultstätte denken. Wie bei ähnlichen Stätten dienten wohl die Schreckenserzählungen auch dazu, die Menschen vom alten Brauchtum abzuhalten:

Kate:googlemap, Fotos eigen

Tatort Knopfmacherfelsen

Die Sage vom Knopfmacherfelsen, von Franz Xaver Bucher 1938

Eine Erzählung berichtet von einem schauerlichen Ereignis, das sich am 4. April 1823 am Knopfmacherfelsen im Donautal ereignet haben soll. Gegen Abend war der ehrbare Knopfmacher Fidelis Martin auf dem Heimweg von Tuttlingen nach Beuron. Als er auf der Höhe von Fridlingen war, tauchte dort in der Dämmerung das Hardtfräulein auf. Sie führte den völlig verängstigten zum steilen Fels hinaus, wo er mitsamt seinem Ross in die Tiefe stürzte. Erst 2 Wochen später soll der Klosterschäfer die zerschmetterten Leichen am Fuß des Felsens gefunden haben. Das genaue Datum des Ereignisses lässt aber mehr als nur eine fantastische Erzählung vermuten. Im Bauernkalender steht an diesem Tag: Ist Ambrosius schön und rein, wird St.Florian, dem 4.Mai, viel milder sein. Der Tag ist also ein Lostag der zu einer entsprechenden Wettervorhersage genutzt werden kann. Aber er ist gleichzeitig auch der Gedenktag des Ambrosius von Mailand, der am 4. April 397 in Mailand verstarb. Er war zuerst ein römischer Politiker, ehe er den christlichen Glauben annahm und dann zum Bischof gewählt wurde. Als einer der vier bedeutenden Kirchenlehrer der Spätantike war Ambrosius entscheidend an der theologischen Ausrichtung der Westkirche beteiligt.

Blick zum Kloster Beuron

Ein Namensverwandter und für den Südwesten ganz entscheidender Kirchenman wure 331 Jahre vor dem denkwürdigen Ereignis am Knopfmacherfelsen, am 4 April 1492 in Konstanz geboren. Ambrosius Blarer von Giersberg, auch Blaurer genannt, war Theologe, Kirchenliederdichter und Reformator. Sein Wirkungskreis erstreckte sich in Württemberg bis Konstanz und er war auch in der Westschweiz tätig. Blarer studierte zuerst an der Lateinschule in Konstanz, später, ab 1505 alte Sprachen in Tübingen.  Anschließend trat er als Benediktinermönch ins Kloster Alpirsbach ein. Dort wurde er wieder zur Universität geschickt, wo er sich mit Philipp Melanchthon anfreundete. Der bewegt Blarer dazu, den reformierten Glauben anzunehmen. Gemäß der Zimmerschen Chronik wurde er 1532 von Herzog Ulrich im März 1532 nach Tuttlingen geschickt, um dort den reformierten Glauben einzuführen. Am Palmsonntag 1535 beklagte er sich dort über die Männer in der Stadt, die während der Fasnacht in Weibskleidern mit aufgesetzten Hirschgeweihen herumliefen und dabei heidnische Lieder sangen. In seiner Arbeit setzte sich Blarer für Einigkeit und Frieden in der evangelischen Kirche ein. Dabei versuchte er zwischen den Anhängern Luthers und Zwinglis zu vermitteln. Ihm lag weniger an theologischen Formulierungen, sondern mehr daran, Menschen zur Nachfolge Christi und einem Gott wohlgefälligen Lebenswandel anzuhalten. Am Ende wurde sein Einfluss aber immer spärlicher. Völlig verarmt und einsam starb Blarer in Winterthur.

Ambrosius Blarer

Ludwig Bechstein widmet in seinem Deutschem Sagenbuch auch dem Hardfräulein ein Kapitel. Er schreibt ihr die Eigenschaft zu, die Leute zu necken, zu verblenden und dann gehörig zu verlachen. Ja es kann sogar sehr feindselig verfahren, die Leute in Abgründe stürzen, das Vieh scheu machen, so dass Unglück daraus entsteht. Bechstein verweist darauf, dass es unzählige Fräulein und Weible gäbe, die in Schwaben spuken gehen. Auch im Hardt auf dem Heuberg erzählt Bechstein von einem Hardtfräulein, das schwarz gekleidet ist, im Gegensatz zum weißgekleideten Nachtfräulein und der grün gekleideten Urschel. Das 19.Jahrhundert mit all seinen Umbrüchen und dem Wandel von der acker-bäuerlichen Gesellschaft zur Industriegesellschaft brachte auch eine Renaissance der Wunder und des Mirakelglaubens mit sich . Religiös-magische Kultformen nahmen zu. Wundersame Erscheinungen an Quellen machten in dieser Zeit viele Orte zu Wall- fahrtszielen.

Knopfmacherfelsen und die Jungfrau am Abend des 4. April 1823

So konnte man auch am Abend des 4. April jenes Abends ein Wunder am Himmel beo- bachten, das seit der Schrift des Aratos von Soloi als die weise Jungfrau Dike galt. Einst weilte sie als die letzte göttliche Macht unter den Menschen, bis sie nach deren sittlichen Verfall fluchtartig die erde verließ und als Sternild Virgo weiterlebte. Ovid griff den Mythos auf, der ebenso im Hohen Lied Salomos thematisiert wird. Auch Luther war von dieser Mystik ergriffen, wie Walter Nigg in seinem Buch `Heimliche Weisheit, Mystischen Leben in der evangelischen Christenheit´ beschreibt. Als Sophienverehrung flammte die Verehr- ung dieser himmlischen Jungfrau innerhalb der pietistischen Glaubensströmung des 18. und 19. Jahrhunderts erneut auf. Am 4. April war die Verkörperung der Weisheit tatsäch- lich kurz nach Sonnenuntergang vom Knopfmacherfelsen aus zu sehen. Ihr hellster Stern Spica tauchte dann über dem südwestlich gelegenen Sperberloch auf.

Knopfmacherfelsen, blick ins Donautal

Die Verlockung der himmlischen Göttin der Weisheit, der der unbedarfte Fidelis Martin zum Opfer fiel, kann auf Grund des Namens wohl auch als Spott auf das nahe gelegene Kloster Beuron betrachtet werden. Dessen Kirchenpatron St. Martin führte ja ein karges, entsagungsvolles Leben. Der 4. April erinnert hier durch die Beziehung zu Tuttlingen aber auch an den sozialen Absturz des einst so viel gerühmten Reformators Ambrosius Blarer.

Bilder: Wikipedia / Die Sage vom Knopfmacherfelsen, von Franz Xaver Bucher 1938 dargestellt am Haus „Scharfeck“ in Fridingen, audaxx /Ambrosius Blarer , Scan, Fb78 / Knopfmacherfelsen, Danube Valley, Eduardo Manchon / https://rausindienatur.wordpress.com / Blick zum Kloster Beuron / Simulation, Stellarium, opentopmap

Zauber des Donautales

Etwas verspätet, aber hier der „versprochene“ Beitrag. In den vergangenen Sommerferien haben wir unseren Urlaub im oberen Donautal verbracht. Um genau zu sein zwischen Beuron und Sigmaringen. Der Bauernhof, auf dem wir waren, war sehr schön, jedoch war es mir persönlich zu viel „Erlebnis-Bauernhof“ für Kinder und zu wenig „natürlich“. Trotzdem war der Hof im Großen […]

über Grüße von der Donau — PhotoExperiences Blog