Frühlingsbeginn über der Achalm

Frühlingsbeginn  über der Achalm

Kultort Scheibengipfel

`Über den Fildern, über den Bäumen,

auf der Achalm hohem Haupt,

fand ich sie im Gold des Morgens,

hat sie mir das Herz geraubt.

(Justinus Kerner, Auf den Fildern unter Bäumen)

Treffender könnte der Eindruck am Morgen des Äquinoktiums, auf dem westlich der Achalm gelegenen Scheibengipfel nicht beschrieben werden. Während die hinter der Achalm aufgehende Sonne die umgebende Landschaft in gleißendes Licht taucht, wird der Scheibengipfel zu einer Insel, die noch einige Zeit im Dämmer-schatten des Berges liegt. Es dauert ungefähr 40 Minuten, bis die Sonnenscheibe die Spitze der Achalm erreicht hat und die ersten Lichtstrahlen auf die Fläche der am westlichen Rand liegenden Grabhügel fällt. Erst ab diesem Zeitpunkt wird die Sonnenscheibe neben dem Burgturm sichtbar, wo sie dann weiter in den Himmel steigt.

Der theatralische Effekt, der langsam aus dem Schatten auftauchenden Insel zeigt auch den besonderen Sonnenbezug des Scheibengipfels, der gleichzeitig auch auf den Ur-sprung des Namens hinweist. Einst wurde am Tag des Frühlingsäquin-oktiums das Ende des Winters gefeiert. Mit dem Schlagen von Funkenscheiben sollten dann die letzten Wintergeister ausgetrieben werden. In alemannischen Gegenden des Schwarzwaldes hat der Brauch noch überlebt. Dort werden am Abend des Äquinoktiums Buchenscheiben im Scheibenfeuer zur Glut gebracht. Sie werden dann mit Haselnussstücken auf dem Scheibenstuhl abgeschlagen, so dass sie mit hohem Bogen ins Tal fliegen.

Was viele heute jedoch für einen einen Faßnachtsbrauch halten, begann vor rund 3000 Jahren mit dem Akitu – Fest in Babylon. Es gilt als eines der ältesten überlieferten Früh-lingsfeste überhaupt und war zugleich auch das Neujahrsfest. Es begann mit den Neulicht des Mondes nach der Tagundnachtgleiche und dauerte 12 Tage. Die umfangreichen Kult-feierlichkeiten Akitu – Fest dienten hier der kultischen Reinigung, der Entsühnung. Mit der Ehrung der babylonischen Stadtgötter sollte dann vor allem die Fruchtbarkeit des kom-menden Jahres garantiert werden.

Bäume, das Bauwerk eines Wasserbehälters, wie auch die Burgmauern auf der Achalm behindern heute die Sicht auf den Aufstieg der Sonne an diesem Tag. Doch das Meer des Lichtes in dem der Scheibengipfel an diesem Tag liegt, lässt heute noch erahnen, warum die Anhöhe in der Vergangenheit ein besonderer Sonnenkultort gewesen sein muss.

Die Insel des Scheibengipfels in der von der Sonne erleuchteten Landschaft

Der Scheibengipfel und die Achalm

Achalm, Scheibengipfel

Die verebnete Fläche ist der westliche Ausläufer der Achalm und begrenzt als Anhöhe den Nordrand Reutlingens. Dass die Fläche bereits in der Eisenzeit von Bedeutung war, zeigt ein Grabhügelfeld das am Rande der Fläche gefunden wurde. Doch weniger im Charakter der ebenen Landschaft, sondern mehr in einem alten Brauchtum sieht die Beschreibung des Oberamtes von 1893 den eigentlichen Grund für deren Namen. Dort wird auf den Brauch des Funken- und Scheibenschlagens verwiesen, das in frühgeschichtlicher Zeit zu Ehren Donars oder eines Sonnengottes dort abgehalten worden sein soll. Das Christen- tum übernahm später diesen Brauch, der in katholisch geprägten Gegenden am ersten Fastensonntag und auch am ersten, dem so genannten Weißen Sonntag nach Ostern ausgeführt wird. Er ist ein Rest des vorchristlichen Frühlingsfestes, das die Kirche durch das Osterfest ersetzte und im Zusammenhang mit dem Johannisfeuer am 24. Juni zu sehen ist, dem christlichen Ersatz des Sommersonnwendfestes. Auch hier steht das Feuer und die Scheibe als solare Symbole im Mittelpunkt eines Rituals. Brennende Stroh-räder, die Abhänge hinuntergestoßen werden, sollen so eine am Himmel hinabrollende Sonne darstellen.

Bürgler Funkenfeuer, Dornbirn

Die Überformung des frühchristlichen Brauches des Winteraustreibens und eines gleich-zeitig stattfindenden Fruchtbarkeitskultes trägt heute regional ganz unterschiedliche Nam- en. Neben dem bekannten Namen Funkensonntag, heißt er auch Holepfannsunntag, Kassunnti, Küachlisunntig, oder auch Alti Fasnet. Eine der Hochburgen des Funken-schlagens ist der Ort Bernau im Schwarzwald, wo bis zu acht Scheibenfeuer über die ganze Dauer der ganzen schwäbisch-alemannischen Fasnachtswoche (außer Ascher-mittwoch) brennen. Auch in Eschbach bei Stegen im Dreisamtal herrschen noch die strenge Brauchtumsregeln über die ein Scheibenvater die Aufsicht führt. Doch über die Dauer der Zeit hat hier jeder Ort ein eigenes Ritual entwickelt. So auch am Hirzberg bei Freiburg, wo die Männer mit Narrenkappen auf dem Kopf und langen Holzstäben in den Händen rufen: `Schiebi, Schiebo, wem soll die Schiebe go?´ Eine dumpfer Schlag von Holz auf Holz erfolgt dann und schon sucht sich die knapp neun mal neun Zentimeter große, rotglühende Buchenscheibe mit dem Loch in der Mitte ihren Weg in den nächtlichen Hirzberg-Himmel. Der Feuerbrauch erinnert hier entfernt an ein Golfspiel, wenn die geübten Zünftler mit einer schwungvollen Drehbewegung auf der Holzrampe die funkensprühenden Scheiben in Richtung Tal abschlagen.

Scheibenschlagen vor dem Nachthimmel in Zams, Tirol

Trotz des frühchristlichen Ursprungs hat der Brauch auch heute noch eine enge Ver- bindung mit dem christlichen Glauben. Auch wenn keine Funde aus frühchristlicher im Wagensteigtal eine Besiedlung bis in römische Zeit andeuten, ist hier der Brauch noch doch eng mit der Kirche verbunden. Durch das Tal führte einst eine der ältesten Durchgangsstraßen vom Neckar- und Donaugebiet über den Schwarzwald in das Rheintal. Aber erst ab dem Mittelalter ist bekannt, dass der Weg von den Zähringern als Verbindungsstraße von Freiburg im Breisgau, über den Schwarzwald nach Osten in Richtung auf die Baar und nach Villingen ausgebaut wurde. Auch im Wagensteigtal wurde der Brauch christianisiert und bis heute wird beim Entzünden des großen Scheibenhaufens von den Scheibenbuben der `Engel des Herrn gebetet´. Dazu läutet im Wagensteigtal selbstverständlich die Glocke der alten Dorfkapelle. Mit dem Spruch, `Schiebi Schiebo Schiebi Schiebo, wem soll die Schiebe si? Die Schieb soll de heiligschde Dreifaldigkeit, dem Pfarrer und dem Bürgermeister si´, beginnt hier mit dem Einbruch der Dunkelheit dann das eigentliche Scheibenschlagen. Jetzt werden von allen Bürgern des Ortsteils Wagensteig glühende Holzscheiben ins Tal geschlagen werden. Längst vergessen sind die Zeiten, als die Kirche mit Märtyrer-legenden, wie der des Vinzenz von Agen den Brauch bekämpfte. So soll Vinzenz während seiner Folter mit einem Kreuzzeichen das Feuer eines Feuerrades zum Erlöschen gebracht haben.

Scheibenschlagen Oberried

Der Feuerkult mit Scheiben oder Räder hat vielfältige Quellen und eine liegt auch in die keltische Welt. So erinnert das Motiv der Scheibe doch an die Darstellung des keltischen Radgottes Taranis, der mit einem 6 – Speichenrad und einem Donnerkeil in seiner rechten Hand dargestellt wurde. Mit diesem Rad soll Taranis laut der Mythologie die Riesen niedergeschmettert haben, die die Welt bedrohten.

Äquinoktium, Sonnenaufsteig über der Achalm

Dass der Scheibengipfel eine ideale Fläche für die Verbindung von Sonnenbeo-bachtung und dem Feuerkult bot, zeigt sich im Zusammenhang mit der Achalm. Während des Äquinoktiums im Frühjahr ist von hier aus entlang der Bergsilhouette der Aufgang der Sonne zu beobachten, deren Scheibe dann für einen Augenblick über dem Plateau steht. In der Dämmerung boten hier die Abhänge des Scheiben-gipfelplateaus die ideale Fläche für das vom Oberamt beschriebene Scheiben-schlagen.

Bilder: Wikipedia, Glühend auf ihren Stöcken rotierend bewegte Scheiben beim Bürgler Funkenfeuer, Dornbirn, Österreich, Februar 2012, Thomas Loß, Scheibenschlagen vor dem Nachthimmel (Zams, Tirol, Februar 2008), Josef Saurwein/ Scheibenschlagen Oberried, http://www.frsw.de/fotos08feb/oberried080209.jpg /Simulation, sunearthtools