Tabor, der Weltenberg

Berg Tabor, Eliot

Kaum ein Berg könnte den Zusammenhang von kultischer Götterverehrung und Aus- richtung seiner Form besser darstellen als der Berg Tabor. Er blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die sich bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgen lässt. Zu dieser Zeit lebte hier das Volk Kanaanäer, das auf dem Berg Tabor den Gott Ba’al verehrte. Einer seiner Mythenzyklen stammt aus Ugarit, in dem Baal als Wettergott beschrieben wird, der über Wind, Wolken und Regen herrscht. Auch wurde er als Spender der Fruchtbarkeit gefeiert, in dem er nach der Dürre des Sommers für den nötigen Regen sorgte. Innerhalb des Baal Mythos herrschte eine enge Verbindung von König und Götterbild, denn die ver- storbenen Könige wurden vergöttlicht und erreichten dann den gleichen Rang wie Baal. Im Bild des Baal erschien Mars , ebenso wie Saturn in jeweils unterschiedlichen Rollen. Verbunden mit der Verehrung des Baal war der Adoniskult. Dieser Begriff stammt aus der semitischen Sprache, in der Adonia, der Herr bedeutet.

Ugaritische Baal-Bronzestatue, gefunden in Ras Shamra (14. bis 12. Jahrhundert v. Chr.)

Als Adonis stand Baal für die Frühlingssonne, in der Gestalt des Mars für die alles aus- löschende Glutsonne des Sommers und als Saturn für die fruchtbringende Regenzeit des Herbstes. In der Beschreibung der Landnahme werden die Israeliten mit der Göttervor-stellung Baals konfrontiert. Auch sie übernehmen diese Göttervorstellung und pflegen die Verehrung Baals mit Rächerwerk und Schlachtopfern weiter.(1. Kön 18,22). Selbst als nach der Aufforderung des Propheten Elias, Feuer großes Verderben über die Diener des Baal brachte, wurde dessen Verehrung nicht beendet. Erst König Jehus, der mit dem Beginn des 8. Jhds. regierte, änderte dies. Er ließ die Anhänger des Baal töten und zerstörte deren Tempel (2. Kön 10,18–28).

Probe auf dem Karmel – Das Feuer JHWHs gegen die Baalspropheten

Mit dem Beginn der römischen Herrschaft verschwand der Baalkult und in dieser Zeit soll es auf dem Gipfel des Tabor ein Zeusheiligtum gegeben haben. Die Bedeutung des Berg- es spiegelt sich auch in seinem Namen wieder, für den es zwei Erklärungen gibt. Einer- seits wird er als Weltenberg betrachtet, weil im Hebräischen das Wort tabbur Nabel bedeutet und so der Beiname Weltenberg entstand. Andererseits könnte der Name auch aus der Kombination der beiden Worte ta und dbr entstanden sein und damit sprechen bedeuten. Mit diesem Namen könnte er auf eine Orakelstätte hindeuten, deren symbol- ische Bedeutung von der christlichen Geschichtsschreibung adaptiert wurde. Sie be- schreibt das Ereignis der `Verklärung des Herrn´ das die katholische Kirche am 6. August feiert. Das Ereignis wird im Lukasevangelium (Lk 9,28–36 EU) beschrieben, wo der Beginn mit folgenden Worten geschildert wird: `Er stieg mit ihnen hinauf, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Ge- wand wurde leuchtend weiß.´ Bei seinem Aufstieg auf den Berg Tabor wurde er von den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes begleitet. Während dem als Metamorphosis beschriebenen Ereignis erschienen dann zwei wichtige Gestalten aus dem Alten Testa- ment, Mose und Elija. Sie redeten mit Jesus. Die Erscheinung beider lässt sich vor dem Hintergrund biblischer Geschichte erklären, denn Moses war der Vertreter des Gesetzes und Elia der Vertreter bedeutender Propheten.

Verklärungsbasilika auf dem Berg Tabor, Berthold Werner

Doch wichtiger als dies ist die abschließende Himmelserscheinung, die auch als eine Vorwegnahme des kommenden Leidensweges gesehen wird. Die Stimme aus den Wolken über dem Berg Tabor, die ihren Schatten auf Jesus werfen, verkündet dann Jesus als Sohn Gottes. Das Datum der Feier am 6. August ist zuerst irritierend, denn im Kirchenjahr erfolgt die Passionsgeschichte des Osterfestkreises ja vor diesem Feiertag. Das Datum geht jedoch auf das Kirchweihfest der in der 2. Hälfte des 4. Jhd. von der Kaiserin Helena auf dem Berg Tabor errichteten Verklärungskirche zurück. In der armen-ischen Kirche finden sich noch Spuren eines Zusammenhanges zwischen Kalender- rechnung, Klima und diesem Fest, denn dort wurde es einst am 11. August, dem Neujahrsfest gefeiert.

Klimadiagramm

Betrachtet man ein Klimadiagramm der Landschaft, so erschließt sich damit auch die Bedeutung des Berges. Mit seiner ellipsoiden Form ist er genau mit seiner Südostspitze auf den Sonnenaufgang Anfang Februar ausgerichtet, in der die Sonneneinstrahlung ansteigt. Im Gegensatz dazu reduziert sie sich Ende Oktober wieder, mit der beginnenden Regenzeit. Doch seine Nordwestspitze ist auf den Höhepunkt der heißen Jahreszeit am Beginn des Monates August ausgerichtet und in diese Richtung weist auch die Verklärungskirche. Insofern bot der Berg einen idealen Ort für den Kult des Baal und die ihm nachfolgenden Glaubensvorstellungen, in dem die Landschaft, die Zyklen der Natur mit den jeweiligen Ritualen geschickt verbunden wurden.

Ausrichtung des Tabor

Bilder: Wikipedia / Berg Tabor, Mount_Tabor3.jpg: Eliot from The Negev derivative work: TheCuriousGnome / Ugaritische Baal-Bronzestatue, gefunden in Ras Shamra (14. bis 12. Jahrhundert v. Chr.) Unbekannt – Jastrow / Probe auf dem Karmel – Das Feuer JHWHs gegen die Baalspropheten (Hans Holbein der Jüngere, 1497–1543), Abbildung Nr. 46 des Werkes, Herausgegeben von: „Hind, Arthur Mayger, 1880-1957“ im Jahr 1912. / Verklärungsbasilika auf dem Berg Tabor, Berthold Werner / Simulation: Sunearthtools. opentopomap