Bristol und der kosmische Winzer

Bristol, Castle Park, Foto Adrian Pingstone

Der Name der Stadt Bristol verweist an eine Stadt an der Brücke. Sie  entwickelte sich im Laufe des 11. Jahrhunderts zu einem wichtigen Seehafen. Noch unter der Herrschaft der Angelsachsen wurde hier auf den rötlichen Felsriff am Ufer des Avon die Kirche St. Mary Redcliff erbaut. In der Folgezeit wurde sie zu einem Symbol der Seefahrer, die hier vor ihrer Abfahrt beteten, oder ihren Dank nach der Rückkehr ableisteten. Auf Grund des großen Hafens wurde Bristol dann auch zum Haupthafen des Templerordens in England.

Bis zu zur Auflösung des Ordens unter der Herrschaft von Edward I. wurde er für die Ver-schiffung der Ritter und Pilger, aber auch zur Ausfuhr von Wolle auf den Kontinent genutzt. Der durch den Handel und die Kreuzzüge erworbene Wohlstand führte zu einem erheblich-en  Grundbesitz  in der Stadt, an den heute noch einige  Flur- und Straßennamen erinnern.

Panorama St Mary Redcliffe, Foto Zhurakovskyi

Die Marienverehrung war eines der zentralen Glaubensbestandteile der Tempelritter, deren Ordensregeln ja von Bernhard von Clairvaux bestimmt wurden. Da er selbst ein glühender Verehrer Marias war, hatte er mit seinen Gedanken auch einen großen Einfluss auf die geistige Welt der Templer. Sie wurde im mittelalter an 4 große Feste verehrt, wobei es noch zahlreiche meist lokale Feiertage gab. Diese Reihe der Feste begann mit dem Fest Mariä Lichtmess, das im kirchlichen Ritus auch als  Darstellung des Herrn im Tempel bezeichnet wird.

Unter den zahlreichen Anrufungen Marias gab es bereits im frühen Mittelalter den Marien-titel Stella maris, der Stern des Meeres. Dieser Titel beruhte auf einer fehlerhaften Über-setzung des Kirchenlehrers Hieronymus, der den hebräischen Namen Mirjam als bitteres Meer übersetzte.

Dieses Bild eines Sternes wurde meist auf den Sirius übertragen, doch ebenso auf den hellsten Stern am Nordhimmel den Stern Arcturus. In der damaligen Zeit diente er, wie mehrere andere Fixsterne, zur Astronavigation auf dem Meer.Betrachtet man dann den Plan von Bristol, so weist auch er eine Übereinstimmung mit dem Bärenhüter und seinem hellsten Stern Arcturus auf.

Sinnfällig war einst diese Übereinstimmung am Fest des Lichtes, Maria Lichtmess. Hier deckte sich das Sternbild des Hirten , oder des kosmische Winzers, wie er im Mittelalter genannt wurde, seitenrichtig am  Morgen dieses Marienfestes mit dem Plan der Stadt.

Bristol und der Vindemitor am Morgen von Mariä Lichtmess

Bilder:Looking across Castle Park,Adrian Pingstone , gemeinfrei /Panorama image of the St Mary Redcliffe church exterior , Foto Zhurakovskyi, CC BY-SA 4.0 / Bristol Plan , bristolpost,co – Stellarium, eigen

Carnuntum und der Vindemitor

Idealrekonstruktion der Zivilstadt Carnuntum um 210 n. Chr., Foto Wolfgang Sauber

Carnuntum ist der Name einer römischen Zivilstadt und eines Legionlagers in der Nähe von Bad Deutsch-Altenburg. Die Ansiedlung trug mehrere unterschiedliche, aber ähnlich klingende Namen. Da einer der Namen, carnunto, mit der Grundform auf das keltische Wort carn, Horn oder Trompete verweist, erscheint im Ortsnamen auch das Bild des keltischen Hirschgottes Cernunnos.

Er wurde als Herr der Tiere und des Waldes, wie auch als Gott der Fruchtbarkeit verehrt. Eines der wenigen überlieferten Bilder des Cernunnos befindet sich auf dem Kessel von Gundestrop, wo er zwischen Schlange und Hirsch abgebildet ist.

Kessel von Gundestrup, Sitzende Figur mit Gehörn, Halsband und Schlange in den Händen haltend. Ausschnitt der Innenseite, Foto Nationalmuseet

Dieses Bild verweist auch auf die Abläufe in der Natur. Ein sichtbares Zeichen gibt der Hirsch, dessen Geweihabwurf ab Mitte Februar erfolgt und sich in den anschließenden 3 Monaten wieder erneuert Seine einem Schamanen ähnliche Geste und Haltung hat ihre Vorbilder im asiatischen Raum. Eines stammt aus der hinduistischen Religion, wo Pashupati, also Shiva, als Herr der Tiere und Schutzherr der Tiere angesehen wird.

Beide, Shiva und Cernunnos gleichen sich in den Darstellungen. Eine ganz ähnliche Rolle hatte wohl der in der römischen Provinz Noricum verehrte Mars Latobius, der als Hirten- und Totengott, aber auch als Heilgott galt. Entsprechend seiner Rolle soll der Name „der weithin Gewaltige“ bedeuten.

In Carnuntum verweist das Heidentor im Westen und die anschließende Hauptstraße mit der Ausrichtung auf den Sonnenaufgang am 19. März auf den Bezug zum römischen Mars und der Feier Quinquatrus.

Carnuntum, der Vindemitor(Boötes) und Mars

Damit verknüpfte die Richtung den Kult des römischen Mars mit dem des Cernunnos. Das viertägige Fest Quinquatrus war ursprünglich ein reines Fruchtbarkeitsfest, doch im Laufe der Geschichte wandelte sich der altitalisce Bauerngott Mars zu einem Kriegsgott. Damit wurde das Fest Quinquatrus zu einem wichtigen Bestandteil der römischen Militärreligion. Vor diesem Hintergrund bildete die Kultfeier auch den Auftakt der jährlichen Militäraktionen.

Der Glaube im Römischen Reich war zwar auf die Kapitolinische Trias ausgerichtet, doch unter deren Schutz gediehen auch andere Glaubensvorstellungen. Wie in Noricum, wo dem dort verbreiteten Kult der Göttin Noreia, der norischen Muttergöttin, eine Verbindung zum römisch-ägyptischen Isiskult zugesprochen wird.

Bereits Herodot verwies in seinem Werk Histories auf die Vielschichtigkeit des Isiskultes wo er schrieb: `Denn keine Götter werden von allen Ägyptern gemeinsam verehrt, außer Isis und Osiris, von denen sie sagen, dass sie Dionysos sind; diese werden von allen gleichermaßen verehrt. […] Osiris ist in der griechischen Sprache Dionysos.´ Wie der eingangs beschriebene Cernunnos übte auch Dionysos die Rolle eines Schamengottes aus. In der antiken Mythologie verkörperte er wie kein andre das Prinzip des Todes und der Wiederauferstehung.

Dionysos, der einst durch einen Seitensprung des Zeus entstand, wurde anschließend von Hera verfolgt und in ihrem Auftrag zerstückelten Titanen ihn in 7 Teile und kochten diese. Mehrere Mythen beschreiben dann seine Auferstehung von den Toten. Demeter lässt Dionysos als Weinstock auferstehen, doch im Heiligtum von Delphi vermischt Apollon seine Asche mit der eines Titanen, aus der dann das Menschengeschlecht entsteht.

Bacchus und Ampelos, Lithographie nach einer römischen Statue, Giovanni Domenico Campiglia (1692-1768).

Der Dionysosmythos bietet eine ganze Reihe an Erzählungen, der Dank Ovid´s Werk Fasti, dann mit dem Motiv des von Dionysos geliebten Jünglings Amepelos ihren Höhepunkt finden. So lebt der Name Ampelos heute noch in der Ampelographie, der Kunde vom Weinstock weiter.

Mit einer Meereshöhe von ungefähr 200 m, liegt Carnunutum in einer Landschaft, in der es warme Sommer gibt und deren nährstoffreiche Böden sich gut für den Weinbau eigneten. Den Bezug zum Weinbau und die Verbindung unterschiedlicher Mythologien verkörperte am 5. März, dem Fest der Ausfahrt der Isis(Noreia) das Sternbild des Boötes mit seiner seitenrichtigen Lage im Norden.

In dem Werk Fasti beschreibt Ovid dessen Entstehung so: Der Satyr Ampelos wird der Geliebte des Bacchus, dem griechischen Dionysos. Als Ampelos beim Pflücken von Trauben auf einer an einem Baum gewachsenen Weinrebe abstürzt und dabei getötet wird, versetzt ihn Bacchus als Vindemitor an den Himmel. Damit verkörperte der Sternbild Bärenhüter neben dem Motiv des Hirten, des Pflügers, des Aufsehers des Bären nun noch ein weiteres Bild. Dank Ovid wurde er zum Sinnbild des kosmischen Winzers, oder auch des kosmischen Weinstockes.

Bilder: Wikipedia /Idealrekonstruktion der Zivilstadt um 210 n. Chr., im Zentrum die Forumstherme („Palastruine“) und das Forum, im Hintergrund oben das Amphitheater II , Foto Wolfgang Sauber ,CC BY-SA 3.0 /Kessel von Gundestrup, Sitzende Figur mit Gehörn, Halsband und Schlange in den Händen haltend. Ausschnitt der Innenseite, Foto Nationalmuseet , CC BY-SA 3.0Giovanni Domenico Campiglia (1692-1768), Bacchus cum Ampelo“. Engraving of a Roman statue, gemeinfrei.Carnuntum, der Vindemitor(Boötes) und Mars, eigen