Der sagenhafte Wenzelstein

Der Wenzelstein beim Lochen

Der Lochen ist einer der höchsten Punkte der südwestlichen Alb. Mehr noch als seine Besiedlungsgeschichte die gemäß der Funde bis in die Jungsteinzeit zurückreicht, soll hier einmal der Blick auf eine höchst seltene Pflanze gerichtet werden. Diese Pflanze ist die Lochen-Hauswurz, die auch Dach-Hauswurz genannt wird. Sie wird mit dem lateinischen Namen Sempervivum tectorum bezeichnet. Im Volksmund heißt die Pflanze mit den sternförmigen Blüten auch heute noch der sprossende Donarsbart. Die Lage, aber auch der markante Felsen des Lochen scheint wie geschaffen für die Mythologie des Donar, der einer der bedeutenden Götter der südgermanischen Stämme war. Innerhalb der germanischen Mythologie entsprang er der Vermählung des dem Himmel zuge- schriebenen Gottes Odin/Wotan und der die Erde verkörpernden Göttin Jörd. Donar, der dem nordgermanischen Thor entsprach, war ein Wettergott, dessen Kräfte sich auch durch Donner und Blitz artikulierten. Gerade auf der Alb waren die bis in jüngste Zeit besonders gefürchtet. Um sich vor Blitzen zu schützen, wurde der Donarsbart noch bis zum1.Weltkrieg auf den First der oft noch mit Stroh gedeckten Häuser gepflanzt. Die göttliche Verbindung dieser Hauswurz zeigte sich auch dann beim höchst selten Wiederaufblühen. Geschah dies, so der Volksglaube, zeigte dies den nahenden Tod eines Hausbewohners an. Das Beispiel Donarsbart zeigt auch, wie lange die alten Mythologien im Glauben der Bevölkerung weiterlebten für die die Landschaft auf dem Lochen ideale Bedingungen bot.

Lochen Hauswurz

Einen Bezugspunkt zur alten Mythologie bietet hier der in unmittlelbarer Nähe zum Lochen gelegene Wenzelstein mit den Resten einer Burgruine. Der Berg liegt nahezu exakt zwischen den beiden annähernd gleich hohen Punkten Lochstein und Schafberg. Nimmt man das Ende der Jungsteinzeit, also der Zeit erster Siedlungsspuren als Anhaltspunkt, bot sich hier eine ideale Übereinstimmung von Landschaft und Himmelsbeobachtung. So ist vom Wenzelstein ist über dem Lochenstein der Sonnenaufgang zur Sommerson- nenwende und über dem südlichen Schafberg der Untergang zur Wintersonnwende zu sehen. Zugleich markierte um 2700 v. Chr., dem Beginn der Fundgeschichte auf dem Lochen, die letzte Sicht des Arktur zur Sommersonnenwende den längsten Tag des Jahres. Perfekt passte auch die Lage des Lochen zur Richtung der großen und der kleinen nördlichen Mondwende und bot sich als Visierpunkt an. Aus deren Beobachtung konnten Schlussfolgerungen für die kommende Finsternisse gezogen werden. Diese zu kennen, war ein entscheidender Vorteil in einer Zeit, die sich von himmlischen Mächten beherrscht sah. Beobachte man den Aufgang des Wintervollmondes genau bei der Sonnenwendemarke, so waren Mondfinsternisse in der Mittwinter- und Mittsommerzeit zu erwarten. Ging er der Wintervollmond aber weiter nördlich, oder weiter südlich der Son- nenwendmarke auf, so konnten die kommenden Mondfinsternisse nur bei Frühlings- und Herbstanfang erfolgen.

Observatorium Wenzelstein

Über 4 Jahrhunderte, vom 8. bis ins 12. Jahrhundert war dort ein Sitz der Herren von Winzeln. Nach deren Niedergang wurde die Burg wieder aufgegeben. Wenige Reste und einige unerforschten Wälle sind heute dort noch sichtbar. Zwischen ihnen, so eine Sage, soll in mondhellen Nächten das Grea Weible seinen Kummer klagen. Ulrich von Wen- zelstein, soll einer Erzählung zufolge, 1189 mit dem Tross des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa zum Kreuzzug für die Befreiung Jerusalems aufgebrochen sein. Als er nach dem vorzeitigen Tod des Staufers wieder auf seiner Burg ankam, musste er feststellen, dass seine Frau ihm untreu geworden war. Das machte ihm die Heimat zur Fremde. Schon beim nächsten Morgengrauen fand der Schlossdiener die untreue Burgherrin im grünen Jagdkleide zerschmettert im Burggraben liegen und ihr Liebhaber war geflohen. Ulrich verließ daraufhin sein Schloss für immer und es verfiel alsbald. Nur ein tiefer Brunnen und einige Steinhaufen blieben davon übrig. In stürmischen Nächten aber soll ein grünes Weibchen dort spuken und ihr Elend in die Lüfte schreien.

Modernes Grea Weible

Ist das Grea Weible, das `Grüne Weib´ ein letzter Rest des alten Verständnisses der Sonnen- und Mondbeobachtung auf dem Wenzelstein, so hat das Gebiet um den Berg  seine besondere Form bis heute bewahrt. Durch seine mittige Lage mit dem westlich gelegenen Schafberg, bot sich der Berg auch als Kultzentrum für eine Siedlungsfläche an. Dass die Siedlungen bereits im 5. Jahrtausend v. Chr. sehr moderne Strukturen auf- wiesen, zeigt das Beispiel der Großsiedlung Petreni der Cucuteni-Tripol´e-Kultur. Die Siedlung Petreni liegt im Norden der heutigen Republik Moldau. Erste Ausgrabungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts legten Bauten. aus Beginn des 4. Jahrtausends v. Chr. frei Die Siedlung wurde auf einer Fläche von 33 Hektar angelegt und umfasste einst acht Ringe mit radial angeordneter Häuser, die von einem inneren Grabensystem durchzogen waren und am äußeren Rand zwei weitere Gräben besaß. Da der Naturschutz hier oberste Priorität genießt, kennt wohl nur noch das Grea Weible das Geheimnis des Wenzelsteins.

Siedlung Petreni

Bilder:Wikipedia / Dach-Hauswurz (Sempervivum tectorum), Schwäbische Alb, Sabine Reuter/- Wenzelstein/ Tourismus Zollernalb, Wikipedia / Petreni, https://www.dainst.org/projekt/-/…/56643?p. Deuetsches Archäologishces Instiut / Simulation, Sunearthtools, Stellarium

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